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Interview mit Theodor Buhl Auf Kosten der Opfer

Theodor Buhl hat im Alter von 74 Jahren seinen ersten Roman „Winnetou August“ veröffentlicht. Mit der Frankfurter Rundschau spricht er über die lange verdrängten Thema der Vergewaltigung deutscher Frauen und die Vertreibung deutscher Zivilbevölkerung am Ende des Zweiten Weltkrieges.

04.01.2011 14:37
Der Schriftsteller Theodor Buhl. Foto: Philipp Wente/eichborn

Herr Buhl, wie fühlt es sich an, im Alter von 74 Jahren ein literarischer Debütant zu sein?

Das ist sehr irritierend. Sie müssen bedenken, dass ich mehr als 32 Jahre literarisch gearbeitet habe, ohne irgendeine zustimmende Reaktion von einem Verlag zu erhalten. Mit dem Roman „Winnetou August“ habe ich 1987 begonnen, die erste Fassung war Ende der achtziger Jahre fertig. Bis 1995 habe ich versucht, einen Verlag für den Roman zu finden. Danach begann die eigentlich produktive Zeit meines Lebens. Ich konnte konzentriert an meinen Texten arbeiten, ohne mit argwöhnischem Blick auf den Briefkasten zu starren.

Wie fand das Buch dann doch noch zu einem Verlag?

Es wurde schließlich vom Eichborn-Programmleiter Karsten Kredel gelesen, der sehr schnell entschied: Wir machen das. Irritierend war das für mich deshalb, weil ich nicht mehr erwartet hatte, dass meine Art des Schreibens akzeptiert werden würde. Offensichtlich hatten viele Lektoren mit diesem Stil Schwierigkeiten. Fairerweise muss ich sagen, dass der nun vorliegende Roman die dritte Fassung des Manuskripts ist.

Häufiger aber mussten Sie hören, die Zeit sei nicht reif für Ihr Buch. Warum?

Ein wesentliches Thema des Romans, Flucht und Vertreibung, war mehrfach der Stein des Anstoßes. Das sei nun „durch“, hieß es dann. Oder es wurde gesagt, das Buch lasse sich kaum verlegen, ohne dass es im politischen Bereich zu Kollisionen führt.

Hat Sie das überrascht?

Das war schon merkwürdig. Als 1998 Martin Walsers „Springender Brunnen“ erschien, wurde ihm im Literarischen Quartett vorgeworfen, er könne seine Kindheit im Dritten Reich nicht literarisch verarbeiten, ohne Auschwitz einzubeziehen. Ich habe es damals nicht für möglich gehalten, dass sich renommierte Literaturkritiker derart entblößen. Aber so war es. Es wurde sogar eine Debatte daraus, in deren Folge Walser faschistische Tendenzen unterstellt wurden. Wie soll dann, dachte ich, die Geschichte meiner Kindheit, in der es um Gewalttaten gegen die deutsche Zivilbevölkerung geht, aufgenommen werden, wenn Walser als berühmter Autor noch 1998 eine derart aufgeladene Diskussion auslöst, weil er – dem Wahrnehmungsvermögen des Kindes und Jugendlichen konsequent entsprechend – von seiner Kindheit in Wasserburg erzählt. Damals ist mir klar geworden, dass es mit der Veröffentlichung meines Romans „Winnetou August“ auf absehbare Zeit nichts mehr wird, und ich habe mich auf anderes konzentriert.

Vergewaltigung spielt in Ihrem Roman eine zentrale Rolle. Wie haben Sie sich der Darstellung genähert?

Das hat mich intensiv beschäftigt. Denn die im Roman geschilderte Vergewaltigung des vierzehnjährigen Mädchens habe ich – wie alles, was dem Kind im Roman zustößt – selbst erlebt, sie hat unmittelbar neben mir stattgefunden. Es war mir nicht möglich, das anders darzustellen, als es im Roman geschieht: als die unfassbar brutale Zerstörung eines menschlichen Wesens.

In einem Interview haben Sie die Darstellung einer Vergewaltigung bei Günter Grass heftig kritisiert.

Es geht um die Darstellung der Vergewaltigung der Witwe Greff. Natürlich muss man auch diese Szene als Bericht aus der pathologischen Perspektive der Kunstfigur Oskar sehen. Die absurde Perspektive leistet zwar, wie Grass es ausgedrückt hat, die Entdämonisierung des Nationalsozialismus, stößt aber literarisch an ihre Grenzen, wenn sie sich – wie bei der Vergewaltigungsszene – selbst ins Abseits manövriert. Denn das Opfer – und mit ihm alle Opfer dieses Verbrechens – geraten in ein fiktionales literarisches Spiel von Spott und Verhöhnung, in dem die eigentliche Intention des Autors sich verflüchtigt und dem erzählten Geschehen jede Glaubwürdigkeit nimmt. Und die Annahme, die Vergewaltigung werde mit den Augen eines Kindes gesehen, wie das manche Kritiker formuliert haben, ist abwegig. Ein Kind würde das niemals so sehen, denn ein Kind kann eine Vergewaltigung nicht als langersehnte Befriedigung einer Witwe interpretieren. Und diese absurde Perspektive ist der Grund, warum die Vergewaltigungsszene in der „Blechtrommel“ nicht taugt, wenn es darum geht, Geschichte zu vergegenwärtigen und erlebbar zu machen.

Es hat sehr lange gedauert, ehe der Blick auf deutsche Opfer öffentlich möglich war. Ist das, was Sie an der Darstellung durch Grass kritisieren, eine Art präpotenter Verdrängung dieser Opferperspektive?

Am Ende läuft es darauf hinaus; denn er wusste doch, dass in Danzig jede zweite Frau durch Sowjetsoldaten vergewaltigt worden ist und wie das geschehen ist, und wenn er das wegschiebt und seinen Homunkulus sagen lässt, „die Russen probierten Nähmaschinen, Fahrräder und Frauen aus“ und das das Resümee des massenhaften Verbrechens sein soll, dann wird hier ein Grundstein gelegt für die mitleidlose Verdrängung, für das, was sich später dann Political Correctness nennt.

Wie haben Sie die Vergewaltigung in Ihrem Roman dargestellt?

Vergewaltigung und Vertreibung waren lange Zeit verdrängte Themen. Schwerpunkt bei der Aufarbeitung des Nationalsozialismus war die deutsche Schuld. Die Massenvergewaltigungen von deutschen Frauen, die Leiden der Zivilbevölkerung überhaupt, wurden in der Regel als Folge der deutschen Verbrechen gesehen und so auch literarisch meist eher beiläufig behandelt. Die subtile öffentliche Nötigung zu dieser Art des Umgangs mit der Vergangenheit war im Grunde ein verordnetes Schweigen auf Kosten der Opfer, einer wirklichen Verarbeitung stand es im Wege. Das Kind Rudi in meinem Roman erlebt die Vergewaltigung unmittelbar, es kennt keinen Kontext, in dem sie „gesehen werden muss“, und damit ähnelt es dem Kind in Andersens Märchen von des Kaisers neuen Kleidern und das Regime der Political Correctness erweist sich als Fiktion.

Bestand Ihre Absicht genau darin, einen Roman zu schreiben, der auf politische oder moralische Kommentierung verzichtet?

Ich hatte zunächst einmal keine literaturtheoretischen Vorüberlegungen. Der Roman ist aus der primären Intuition heraus entstanden. Aber an der gefundenen Erzählkonzeption habe ich nie gezweifelt.

In der politischen Diskussion von Vertreibungen geht es immer um die Fragen nach Ursache und Wirkung.

Das ist auch beim Thema Vergewaltigung so. Die Massenvergewaltigungen durch die Rotarmisten wurden immer als Reaktion auf deutsche Gewalttaten gedeutet. Diese Argumentation ist ja zunächst durchaus plausibel. Aber wie wollen Sie so die tagelangen Vergewaltigungsorgien erklären, die französische Truppen in Stuttgart und Pforzheim veranstaltet haben? Und auch der Deutungsansatz, dass es den Vergewaltigern darum geht, die Erniedrigung der besiegten Männer durch die Vergewaltigung ihrer Frauen zu vollenden, reicht für die Mehrzahl der Fälle nicht hin. Die Vergewaltigung von Kindern, so wie ich sie erlebt habe, lässt sich dem nicht zuordnen, und wieso wurden dann von den Sowjetsoldaten auch Frauen vergewaltigt, die gerade aus dem Konzentrationslager befreit worden waren? Es geht dabei, denke ich, um einen elementaren Zivilisationsbruch, dessen für uns rätselhafte Motive vielleicht weit zurückreichen in die Geschichte des Menschen, weniger wohl um spezifisch sexuelle Triebe als um die lustvolle Zerstörung menschlicher Wesen, ähnlich der Lust beim Foltern – und der Krieg setzt das frei.

Inzwischen sind ja auch immer mehr Fälle bekannt geworden, bei denen von einfachen Racheakten nicht die Rede sein kann.

Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk hat vor ein paar Jahren von den Kriegserlebnissen seiner Mutter berichtet. Zwei Bilder, so Tusk, haben sich ihm eingeprägt. Die unvorstellbaren Grausamkeiten der SS gegenüber der deutschen Bevölkerung Danzigs und den wenigen Polen, die es noch gab in der Stadt. Dort wurden Hunderte an den Alleebäumen aufgehängt, weil sie nicht wehrwillig genug waren. Und als zweites Bild nannte er, wie die elfjährige Freundin seiner Mutter von sechs Sowjetsoldaten vergewaltigt wurde. So etwas lässt sich nicht als Revanche für Geschehenes erklären. In Bunzlau, wo ich geboren bin, gab es etwa 100 Ukrainerinnen, ehemalige Zwangsarbeiterinnen, die nächtelang von russischen Soldaten vergewaltigt wurden. Die Russen wussten, dass es Ukrainerinnen sind. Das hat mit Rache nichts zu tun.

Sie können sich kaum dagegen wehren, dass die Vermutung entsteht, Ihr Roman diene der Verarbeitung eines persönlichen Traumas?

Das liegt nahe, aber ich glaube nicht, dass es zutrifft. Ein wesentliches Ziel meines Schreibens besteht darin, den Erzähler zum Verschwinden zu bringen. Das ist in gewisser Weise das Gegenbild einer Traumabearbeitung. Wenn Sie Peter Wawerzineks Roman „Rabenliebe“ lesen, ist Ihnen der Autor in jeder Zeile präsent. Er bearbeitet sein Trauma, das treibt ihn zum Schreiben. Ich habe versucht, den Erzähler herauszunehmen, so dass die Geschichte sich ohne erklärende Zusätze selbst erzählt. Es gibt in meinem Roman keine psychologischen Begründungen durch den Erzähler. Es geht um suggestive Bilder und filmische Abläufe, aber nicht um Erklärungen. Ich kann nicht ausschließen, dass ich durch das Erlebte traumatisiert bin, aber ich glaube es nicht.

Ist der besondere Witz des Buches ein Indiz dafür, dass es um etwas anderes geht?

Nur wenige Rezensenten haben erwähnt, dass „Winnetou August“ ein Buch voller Witz, Humor und Sarkasmus ist, das dem Leser bei allem, was geschieht, ein befreiendes Lachen anbietet. Denken Sie etwa daran, wie ein Dackel Augusts Lebensbahn bestimmt, wie August den Ariernachweis führt. Und das Buch ist nicht nur ein Buch über Krieg, Flucht und Vertreibung, es ist zugleich ein Bildungsroman, wenn auch als Groteske.

Haben Sie sich je mit der politisch repräsentierten Form der Vertriebenenfrage beschäftigt?

Nein. Meine Eltern übrigens auch nicht. Ich habe mich zwar theoretisch damit befasst, aber ich fand nie eine Beziehung dazu.

Hat es Sie nie gereizt, sich an der gesellschaftspolitischen Debatte über Vertreibung zu beteiligen?

Nein. Ich bin 74 Jahre alt, ich möchte schreiben. Ich möchte in keine politische Diskussion eingreifen. Ich glaube auch nicht, dass man als Autor, der aus der Erinnerung heraus schreibt, besonders prädestiniert ist für eine solche Debatte. Ich kann meinen Roman nur als Material anbieten, nicht als Argument.

Interview: Harry Nutt

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