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Interview mit Schriftsteller „Glückliche Autoren haben eine Passion“

Der Schriftsteller Jan Costin Wagner stammt aus Hessen und bekam schon für seinen Erstling einen Preis. Im Interview spricht er über seine Kriminalromane und den Unfug von Genre-Zuordnungen

21.07.2011 16:56
„Mich irritiert das Schubladendenken“, sagt der Autor Jan Costin Wagner. Foto: Andreas Arnold

Herr Wagner, Ihre Schriftstellerkollegin Andrea-Maria Schenkel hat im Gespräch gesagt, der Kriminalroman sei „ein wunderbares Genre, in dem man alles, einfach alles tun kann“. Sind Sie auch dieser Meinung?

Bei mir ist der Ansatz immer unabhängig vom Genre gewesen. Als ich begonnen habe zu schreiben, habe ich überhaupt nicht über das Genre reflektiert. Ich glaube grundsätzlich, dass der Antrieb zu schreiben ein innerlicher sein muss. Einen Kriminalroman zu schreiben, ist ja keine Motivation, da fehlt ja noch die inhaltliche Substanz, die einen Autor dazu veranlasst, etwas so Merkwürdiges zu tun – einen Roman zu schreiben. Verkürzt gesagt, ist dieser substantielle Kern in meinem Fall vermutlich der Wunsch, eine Sprache zu finden dafür, wie Menschen Extremsituationen erleben und bewältigen. Die meisten meiner Romane zeichnen Täterpsychogramme, aber genauso fesselt mich die Frage, was der Tod eines nahestehenden Menschen im Angehörigen auslöst.

Wie bei Ihrer Hauptfigur, dem Polizisten Kimmo Joentaa ...

Im Fall von Kimmo ist der Tod seiner Frau Sanna kein gewaltsamer, sie stirbt an Krebs. Ich wollte nachzeichnen, wie Kimmo, ein junger Mann, diesen Verlust erlebt und bewältigt. Das ist eine Kernebene meiner Romane, ganz unabhängig vom Genre. Gleichzeitig schafft aber nichts anderes die Extremsituation so unmittelbar wie das Verbrechen, für die Opfer, die Angehörigen der Opfer, die Ermittler, die Täter. Darin liegt vermutlich meine Nähe zum Genre begründet. Sie ist innerlich fundiert, nicht äußerlich. Deswegen, um die Ausgangsfrage zu beantworten: Man kann immer alles machen, das ist ja das Schöne am fiktionalen Schreiben. Jeder Autor, von welcher Art von Literatur auch immer, steht vor der Herausforderung, eine dramaturgisch schlüssige Geschichte zu erzählen, aber er ist frei, in diesem Bemühen jeden Weg zu beschreiten, den er findet. Wichtig ist für mich – als Autor wie als Leser – das Gefühl zu haben, dass dem Erzählten eine Unbedingtheit inne wohnt, eine Notwendigkeit.

Interessiert Sie die Diskussion über das Genre Krimi?

Für mich ist das Reflektieren übers Genre letztlich immer ein wenig befremdlich, ich habe überhaupt erst als Autor wahrgenommen, dass über verschiedene Schubladen literarischen Schaffens so aufgeregt diskutiert wird. Es gab eine lustige Situation, als ich kurz nach Erscheinen des ersten Kimmo-Joentaa-Romans „Eismond“ ein Stipendium in Berlin hatte. Eine Autorenkollegin sagte, dass ihr das Buch gut gefallen habe, aber sie wollte auch wissen, ob ich mir vorstellen könnte, ohne diese Spannungsschiene auszukommen. Als sei das ein Hilfsmittel, eine Krücke, auf die ich zurückgegriffen hatte – ich hatte das selbst nie so gesehen und habe sie gefragt, ob nicht eigentlich jeder Roman den Anspruch erheben sollte, spannend zu sein. Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass im Reden über diese ganzen äußeren Hüllen und Etiketten der Fokus auf den inhaltlichen Kern verloren geht, also auf das, was eigentlich im Buch drin steht. Das ist schade.

Aber ist es nicht eine Art von Zwang, wenn man bei bestimmten Figuren bleibt, Roman nach Roman?

In dem Moment, in dem ich das Gefühl hätte, ich muss – würde ich aufhören. Natürlich wäre ich dann in einer schwierigen Situation, pragmatisch betrachtet. Aber ich würde nie einen Buchvertrag abschließen, wenn ich nicht sicher wäre, dass ich Kimmo forterzählen will. Ich wollte ihn ohnehin nie als klassische Serienfigur etablieren. Das war der Grund, warum ich ihm in „Das Schweigen“, dem zweiten Kimmo-Roman, ungefähr acht andere Hauptfiguren zur Seite gestellt habe. Kimmo ist natürlich die heimliche zentrale Figur, er nimmt das Drama der Menschen in sich auf und trägt damit in gewisser Weise die ganze Geschichte auf seinen Schultern. Aber die eigentlichen Handlungsträger sind in „Das Schweigen“ andere. Ich möchte Kimmo über Romane hinweg in seiner Entwicklung forterzählen. Würde er irgendwann die Routine und den damit einhergehenden Stillstand eines Serienhelden entwickeln, dürfte ich nicht weitermachen, dafür mag ich ihn viel zu sehr, dafür ist er mir zu wichtig. Die Romane kommen von Herzen und sind für mich auf eine ganz einfache Weise existenziell. Das ist für mich gar kein großes Wort, sondern ein sachliches, selbstverständliches. Wenn ich das irgendwann nicht mehr so empfinden würde, hätte ich eigentlich keinen Grund mehr, Romane zu schreiben.

Ich glaube, im Krimigenre gibt es recht viele Autoren, die sehen: damit kann zur Zeit Geld verdient werden.

Ich habe auch nichts gegen Geld, aber ich glaube und hoffe eigentlich, dass dieser ganz und gar äußerlich-pragmatische Ansatz keinen langfristigen Erfolg verspricht. Die glücklichen – und erfolgreichen – Autoren, denen ich begegnet bin, waren meistens diejenigen, die eine ganz bestimmte Passion hatten, einen eigenen Ansatz, der sie unverwechselbar gemacht hat.

Stört es Sie, wenn man Sie in eine Krimischublade steckt? Haben Sie das Gefühl, das ist die Schublade für mindere Literatur?

Mich irritiert das Schubladendenken. Es ist für mich eigentlich nur im Buchhandel nachvollziehbar. Als Buchhändler und als Leser will man eine gewisse Orientierung haben. Aber es geht im Kern doch um das Lektüreerlebnis, also um die Worte, die im Buch stehen und nicht um die, die drum herum geredet werden. Natürlich sind meine Romane Kriminalromane. Kimmo ist ein Kommissar ... ist er das eigentlich? ... also ein Kriminalpolizist. Aber für mich ist „Das Licht in einem dunklen Haus“ auf einer zentralen Ebene ein Liebesroman. Am Ende sitzt ein Leser doch nicht da und sagt: Das war ein gutes Buch, weil es ein Kriminalroman ist – oder weil es keiner ist. Das Gefühl, ein gutes Buch gelesen zu haben, wird sich einstellen, wenn die Geschichte, die Sprache, die Menschen des Romans im Lesenden einen Nerv getroffen haben.

Romane von Ihnen sind auch schon auf Finnisch erschienen. Wie war die Reaktion dort?

Es gab auch hier natürlich zunächst eine äußerliche Reaktion, nämlich die Überraschung, dass ein deutscher Autor über einen finnischen Helden in Finnland schreibt. Die Resonanz war insgesamt sehr wohlwollend, erfreulich, ich war also nicht vor der Verwandtschaft blamiert. Eine Rezensentin aus Turku hat sich gewundert, dass ich eine Halbinsel namens Lenganiemi erfunden hatte, aber sie hat mir verziehen. Ich verstehe grundsätzlich den Wunsch, etwas zuordnen und einordnen zu können, aber ich möchte alles, was von außen kommt, als Autor – speziell im Schreibprozess – völlig ausblenden, weil ich der fiktionalen Welt meiner Figuren verpflichtet bleiben will. Ich finde es auch seltsam: Man liest ein Buch, das im besten Fall eine tiefe Empfindung auslöst, und danach diskutiert man merkwürdig versachlichend, ob das nun ein Krimi oder was auch immer ist ... mein Impuls ist zu sagen: Das ist Kimmo. Das ist ein Roman. Das ist etwas, das ich geschrieben habe in der Hoffnung, es mit dem Leser zu teilen.

Die Genregrenzen verwischen ohnehin immer mehr.

Gut so. Warum soll ich mich als Autor mit Grenzen und Regeln befassen? Das ist letztlich absurd – Grenzen und Regeln in der vollendeten Freiheit einer fiktionalen Welt. „Schuld und Sühne“ ist hundertprozentig ein Kriminalroman. Und hundertprozentig nicht. Der einen Definition entspricht er, der anderen nicht. Dürrenmatt hat mit dem Genre gespielt, aber es gleichzeitig auf eine grandiose Weise bedient, und Highsmith hat es bereichert, gerade indem sie die Grenzen und vermeintlichen Regeln in entscheidenden Momenten ignoriert hat.

Warum haben Sie sich für den Schauplatz Finnland entschieden?

Das kam assoziativ, als ich an Kimmo dachte. Ich hatte das erste Kapitel von „Eismond“ geschrieben, in dem Kimmo am Bett von Sanna sitzt und sie stirbt, ich habe das sofort in Finnland verortet. Nicht, weil Finnland traurig ist, sondern, weil ich Finnland von Herzen mag und intensiv in mir trage, weil es für mich Heimat ist und weil es mir gleichzeitig immer ein Rätsel geblieben ist. Eine rätselhafte Heimat. Es könnte gar keinen besseren Schauplatz geben.

Interview: Sylvia Staude

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