Lade Inhalte...

Interview Franco Moretti Vom Lesen ohne zu lesen

Der Literaturwissenschaftler Franco Moretti spricht im FR-Interview über die Interpretation, das Tarnen von Werturteilen mit sprachlichen Mitteln und das Konzept des „Distant Reading“.

Kann der Mensch lesen, ohne zu lesen? Foto: REUTERS

Herr Moretti, der Bourgeois ist der, der nicht arbeitet. Er lässt Menschen und Maschinen für sich arbeiten. Beim Distant Reading …

Geht es darum, nicht zu lesen, sondern von Maschinen lesen zu lassen.

Ist das die Verbindung beider Bücher?

Nein. Ich bat meinen Verleger, beide Bücher am selben Tag herauszubringen. Ich wollte mit der parallelen Veröffentlichung beider Bücher auf die Ähnlichkeiten und die Differenzen zwischen Distant Reading und der – ich sage es einmal so – traditionellen Literaturwissenschaft hinweisen. Ich bin dafür, beides zu machen. Es wird einmal eine „Versöhnung“ der beiden Ansätze geben. Aber noch ist sie nicht in Sicht. Lasst uns in beide Richtungen gehen. Entschlossen, gründlich, furchtlos. Natürlich habe ich mir Gedanken über die Beziehung der beiden so verschiedenen Methoden gemacht. Ich habe noch keine befriedigende Antwort.

Eine provisorische?

Denken Sie an das Wort „normal“. Normal hat einmal die Bedeutung von einer Norm entsprechend. Also: eine Frage, wie Sie sie stellen, ist nicht normal. Sie sollten sie lieber nicht stellen. Die andere Bedeutung von normal ist so viel wie: weit verbreitet. Der „Bourgeois“ untersucht eine Norm. Distant Reading analysiert Häufigkeiten. Was ist die Beziehung von Normativem und Normalem? Eine komplizierte Frage. Das Normative versucht, das Normale zu werden. Die Norm dringt darauf, möglichst weit verbreitet zu sein.

Ist nicht das Gegenteil auch wahr? Erhebt sich das weit Verbreitete, das Normale, nicht auch gern zur Norm?

Wenn ich nach einem Kausalnexus suche, dann sehe ich ihn eher darin, dass die Norm versucht, sich auszubreiten. Gegen das Normale. Wie Sie sehen, spiele ich mit den Bedeutungen von Wörtern. Das ist ein Weg, sich den Sachen zu nähern. Aber da ist noch etwas. Die Norm stellt sich der Kritik. Sie ist dazu da, kritisiert zu werden. Gegenüber dem Normalen, dem weit Verbreiteten ist die Kritik entwaffnet. Sie kann sich als „Moderne“ lustig machen über die spießbürgerlichen „Philister“, aber das ist nicht dasselbe. Wenn ich im Modus des Distant Reading schreibe, dann vermisse ich meine kritische Seite. Aber ich weiß auch, dass ich dann mehr entdecke. Meine Augen sind klarer. Ich habe keine Vorstellung davon, worauf der Text hinausläuft. Auf der anderen Seite: Das Wissen um das Ende schafft mehr Intensität.

Als ich das erste Mal Adornos Gesammelte Werke digital las, gab ich die Wörter Auschwitz und Hölle ein. Hölle kam deutlich öfter vor als Auschwitz. Das änderte meinen Blick auf Adorno. War das Distant Reading?

Sie haben Adorno gelesen, ohne ihn zu lesen. Also war es Distant Reading. Distant Reading liefert Ihnen Ergebnisse. Aber die sagen nur etwas über die Verbreitung. Sie liefern nicht die Norm. Sie sagen nichts aus über die Intensität. Adorno erwähnte die Hölle öfter als Auschwitz, war Ihr Ergebnis. Das sagt aber noch nichts darüber, ob ihm die Hölle wichtiger war als Auschwitz. Distant Reading liefert Material für die Analyse. Distant Reading ist eine Technik, die es mir erlaubt, auf neue Fragen zu stoßen. Es ist keine Interpretationstechnik. Da verwende ich die Werkzeuge, die Lúkacs, Schklowski und die anderen großen Literaturkritiker des 20. Jahrhunderts bereitgestellt haben. Sie waren immer und sind bis heute meine Vorbilder, wenn es um Interpretation geht.

Nirgends kommt man über sie hinaus?

Vielleicht gibt es eine Entwicklung, die weiter führen wird. Vor zwei Jahren haben wir hier am Wissenschaftskolleg daran gearbeitet, einen Computer einfache Modelle von Schauspielen entwickeln zu lassen. Man kann Theaterstücke auffassen als Interaktionen verschiedener Charaktere. Gibt man ein Set von Regeln und Situationen hinzu, kreiert der Computer Szenen. Das ist alles noch sehr am Anfang. Aber vielleicht wird man hier einmal weiterkommen.

Was meinen Sie, wenn Sie von viktorianischen Adjektiven sprechen?

Ich nenne Adjektive so, die ursprünglich rein physisch gemeint waren, im viktorianischen Zeitalter aber mit einer moralischen Bedeutung überzogen wurden. Wie zum Beispiel „stark“, „dunkel“, „trocken“ oder „schwer“. Das hat es natürlich davor und danach auch gegeben. Aufgrund unserer Untersuchungen haben wir den Eindruck, dass es im viktorianischen Zeitalter besonders häufig vorkam. Das ist mir wichtig, weil es zeigt, wie die Viktorianer die Welt moralisierten und sentimentalisierten, ohne das offen zuzugeben. Wenn ich zum Beispiel dieses Interview als trocken und schwer bezeichne, dann tue ich so, als würde ich es nur beschreiben. Mit Hilfe solcher Adjektive werden Werturteile in Beschreibungen geschmuggelt.

Bei Romantikern würden „dunkel“ und „schwer“ positiv verstanden werden.

So ist das mit Werturteilen. Die Viktorianer waren eben keine Romantiker.

Aber haben die Viktorianer ihre moralischen Werturteile versteckt? Sie sind doch eher berühmt dafür, sie stolz vor sich her getragen zu haben.

Verstecken ist das falsche Wort. Die Adjektive ermöglichten ihnen, ihre moralischen Ansichten nicht als ihre moralischen Ansichten, sondern als die Realität der wirklichen Welt auszugeben.

Haben Sie die Bücher jüdischer Autoren nach spezifisch Jüdischem durchsucht?

An „Der Bourgeois“ habe ich lange geschrieben. Ich habe das Buch dann sehr gekürzt, denn ich wollte, dass es ein schmales Buch wird. Zu diesen herausgeschnittenen Kapiteln gehörte eines über „Der kleine Mann“ von S. Y. Abramovitsh. Ein jiddischer Roman, der im ostjüdischen Milieu spielt. Der „kleine Mann“ ist ein Parasit anderer Parasiten. In einer Welt, die noch eine Welt kleiner Dörfer ist, bildet sich so etwas wie eine kleine Bourgeoisie rings ums Geld. Eine sehr, sehr spezifische Form von Bürgerlichkeit. Es war mir dann – na ja – zu exzentrisch. Darum habe ich sie aus dem jetzt ja sehr schmal gewordenen Buch weggelassen.

Aber die literarische Figur des Bourgeois des 19. Jahrhunderts ist doch nicht denkbar ohne die gerade den Ghettos entkommenen Juden, ohne …

Die Rothschilds usw.? Im englischen Industriekapital spielten Juden fast keine Rolle. Das Finanzkapital aber kommt bei mir kaum vor. Es gehört zu den vielen Dingen, die ich hätte tun können, um den Bourgeois zu analysieren, die ich dann aber doch unterließ. Ich habe mich mit dem Unternehmer-Bourgeois beschäftigt.

Schreiben Frauen anders als Männer?

Ich glaube nicht, dass es eine spezifisch weibliche Schreibart gibt.

Sie glauben, sagen Sie. Aber Sie haben es nicht analysiert?

Nicht für „den Bourgeois“. Wir können Worthäufigkeiten untersuchen, grammatikalische Konstruktionen. Auch ein wenig – mehr können wir noch nicht – den Plot-Aufbau. Das haben wir getan. Wir stießen auf signifikante Unterschiede: der Genres, nicht der Geschlechter. Bestimmte Genres werden mehr von Frauen als von Männern geschrieben. Wenn aber eine Frau in einem von Männern bevorzugten Genre – zum Beispiel dem Industrieroman – schreibt, schreibt sie wie ein Mann. Wenn ein Mann in einem von Frauen bevorzugten Genre schreibt, schreibt er wie eine Frau. Das Genre, nicht das Geschlecht prägt den Stil.

Warum wollten Sie ein kurzes Buch schreiben?

Ich geniere mich ein wenig, es zu sagen: Es sollte elegant sein. Ich habe dicke Bücher geschrieben. Dieses sollte schön werden. Natürlich ist das kein wissenschaftliches Kriterium. Nehmen Sie den von mir sehr geschätzten Max Weber. Er ist ein gründlicher, um äußerste Präzision bemühter Autor. Elegant ist er nicht. Er wollte kein wesentliches Faktum vergessen und vergaß darüber den Leser.

Ihr Buch analysiert die Wirklichkeit mittels der Literatur und der Theorie über sie.

Das ist meine Art. 1968, als ich studierte, war ich auf der äußersten Linken in Italien. Alle meine Freunde beschäftigten sich mit Soziologie, Marxismus. Ich dachte damals, das müsste ich auch. Aber ich saß in literaturwissenschaftlichen Seminaren. Nicht, weil ich auf den Knien lag vor der Literatur. Ich liebte es, Repräsentationen zu analysieren. Nicht, weil ich sie für Spiegelungen der Realität halte. Ich war immer gegen die Widerspiegelungstheorie. Die Repräsentation, davon bin ich überzeugt, kommt anschließend. Sie stellt die Dinge dar, wenn sie schon vorbei sind. Niemals treibt sie die Wirklichkeit voran. Literatur mag einem helfen zu leben und zu überleben, aber sie ändert die Welt nicht.

Ihre Eltern, beide Altphilologen, lebten in Rom. Wieso wurden Sie in Sondrio, in Norditalien, geboren?

Italien vor dem Boom! Auch mein Bruder Nanni …

… der Filmregisseur Nanni Moretti …

… kam im Sommer zur Welt. Und auch im Norden, in Bruneck, in Südtirol. Es gab damals noch keinen Mutterschaftsurlaub, also sorgte man dafür, dass die Kinder während der großen Ferien auf die Welt kamen. Die Lektüre der Geburtenstatistik könnte uns über die Entwicklung des italienischen Sozialstaates aufklären. Auch eine Art von Distant Reading.

Interview: Arno Widmann

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum