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Interview Autorin Cornelia Funke „Ich möchte ein Refugium schaffen“

Die Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke über ihren neuen „Drachenreiter“ und das Erzählen in einer veränderten Welt.

20.09.2016 16:11
Cornelia Geißler
„Ich hoffe sehr, dass Europa internationaler wird“, sagt Cornelia Funke. Foto: Imago

In zwanzig Jahren kann viel passieren. Für die Schriftstellerin Cornelia Funke hat sich das ganze Leben geändert, sie wurde in dieser Zeit zur international erfolgreichsten und bekanntesten deutschen Kinder- und Jugendbuchautorin. Fast zwanzig Jahre, nachdem Funkes Kinderroman „Drachenreiter“ erschien, der allein in Deutschland mehr als eine halbe Million Mal verkauft wurde, bringt sie nun eine Fortsetzung heraus. In „Die Feder eines Greifs“ gilt es, die Nachkommen des letzten Pegasus zur retten. Wir trafen die Autorin, die jetzt in den USA lebt, in Hamburg, ihrer alten Heimat.

Warum setzen Sie den „Drachenreiter“ nach so langer Zeit fort?
Das hatte ich schon lange vor. Ich habe es auch zwei oder drei Mal versucht, aber die Geschichte wollte nicht kommen. Jedes Mal schien sie schlechter als das erste Buch. Also habe ich sie immer wieder weggelegt. Aber als ich schließlich an einem digitalen Abenteuer des „Drachenreiters“ arbeitete, an einer App, wie ich sie für „Reckless“ entwickelt hatte, fiel ich wieder so in diese Welt hinein. Da war es die richtige Zeit, ein weiteres Abenteuer zu schreiben.

Was war das Schwerste dabei?
Das Allerschwerste war der Anfang. Ich musste zunächst einen Anfang für mich selbst schreiben, um den Jungen wiederzutreffen, den Ort zu finden... Diese Seiten haben wir später alle rausgeworfen. Und ich wollte so schreiben, dass Kinder, die das erste Buch nicht kennen, „Die Feder eines Greifs“ trotzdem lesen können.

Wir haben es rausgenommen, sagen Sie. Arbeiten Sie überhaupt noch mit Lektoren?
Oh ja, das ist ganz wichtig. Ich mag strenge Lektoren. Imke Ahrens war auch dieses Mal verlässlich kritisch und sehr hilfreich. Was aber ganz toll ist: Meine Tochter will immer eine der ersten Fassungen lesen. Der Anfang geht stark auf Anregungen von ihr zurück. Anna wollte dem Drachen sofort begegnen.

Zwischen den beiden Bänden hat sich Ihr Leben verändert. Damals standen Sie am Anfang Ihrer schriftstellerischen Karriere, inzwischen sind Sie ein Weltstar, leben in Kalifornien. Ihre Kinder wurden erwachsen. Ihr Mann ist gestorben. Ist das Weiterschreiben wie ein Heimkommen?
Ein bisschen, aber es ist eher so, als wären die Figuren mit mir auf der Reise gewesen. Dieses Buch ist wesentlich weltoffener als das erste. Das führte zwar auch nach Tibet, aber ich hatte fast all meine Informationen aus Büchern und war selbst noch nicht viel gereist. In „Die Feder eines Greifs“ steckt das Wissen um eine größere Welt. Und ich hoffe, dass das Buch dichter ist, dass ich sprachlich besser geworden bin.

In der Tat: Der Drache runzelt nicht mehr die Stirn!
Haha, das habe ich nicht einmal bewusst weggelassen. Aber es gab so einiges…

Auch die Vergleiche kommen beiläufiger aus dem Erzählen heraus.
Ja, das ist doch schön, wenn man fast dasselbe Material noch einmal nimmt, aber mit größerer Meisterschaft daran arbeiten kann. Und das veränderte Leben ist ebenfalls in das Buch hineingeknetet.

Außerdem steckt die veränderte Welt darin. Mirmameidr, der Ort, der eine zentrale Rolle spielt…
...den habe ich aus einem skandinavischen Mythos genommen. Es ist der Name eines mythischen Baums.

Als Erwachsener liest man bei dieser Zufluchtstätte auch die großen Fluchtbewegungen unser Zeit mit.
Ich denke, dass Kinder das so empfinden werden, wenn auch vielleicht nur unterschwellig. Als ich anfing zu schreiben, war das Thema noch nicht so akut wie heute, und ich bin froh, dass es so selbstverständlich einfloss und ich hoffe, dass das Buch ein Plädoyer für Vielfalt und Begegnung ist. Was den Artenschutz betrifft, der ein zentrales Thema ist: Ich beginne gerade erst, mich damit auseinanderzusetzen und merke, dass es keine einfachen Antworten gibt.

Ist Mirmameidr Ihr persönliches „Wir schaffen das“?
Ja. Es war immer mein Traum, ein Refugium zu schaffen, für Menschen, Tiere, Pflanzen und was auch immer. Ich liebe diese Idee von einem Ort, von dem man Bedrohung fernhalten und Frieden schaffen kann.

Wollen Sie den Drachenreiter weiter fliegen lassen?
Ja, ich habe Lust, ihn weiter zu begleiten. Vielleicht werden es dünnere Bücher, damit die Kinder nicht so lange warten müssen. Ich werde an meinen drei Welten weiterarbeiten, an der „Tinte“, dem „Spiegel“ und dem „Drachen“.

Wie muss man sich Ihr Leben vorstellen? Haben Sie einen Manager?
Nein, ich habe eine wunderbare persönliche Assistentin, die ist schon seit dem Tod meines Mannes für mich da. Angie macht meinen Kalender, hilft mir mit der Fanarbeit, eigentlich bei allem, was ich sonst nicht schaffe. Dann habe ich natürlich Literaturagenten, einen Anwalt (der mein Bruder ist). Meine Schwester betreut in Deutschland ganz großartig die Webseite und die Fanarbeit. Es sind viele Menschen, die helfen. Und ich habe die zwei Firmen, meinen eigenen Verlag Breathing Books in den USA und den Hörbuchverlag Atmende Bücher hier.

Wie kam es, dass Sie Ihren eigenen Verlag gründeten?
Das kam, als ich von einer sehr erfolgreichen und beglückenden Tour mit dem dritten „Reckless“-Band, dem „Goldenen Garn“, aus Europa zurückkehrte. Da verlangte mein amerikanischer Verlag Little Brown so gravierende Änderungen, dass ich sie   nicht mittragen konnte. Der englische schloss sich an – nicht, dass Sie glauben, nur die bösen Amerikaner dächten so! Ich nehme an, der Grund war der Versuch, das Buch jünger zu vermarkten. Aber ich würde natürlich nie zulassen, dass ein gedrucktes Buch in Englisch in einer anderen Fassung erscheint. „Reckless“ ist kein Buch für jüngere Leser, auch wenn mir einige Kinder widersprechen würden. Also blieb mir keine andere Wahl, als zum Verleger zu werden.

Muss jetzt Ihr deutscher Verlag Dressler aufpassen, dass er ja nicht zu kritisch mit Ihnen umgeht?
Nein, das kann ich mir mit Dressler überhaupt nicht vorstellen, auch nicht mit meinem spanischen oder französischen Verlag. Das sind Verlage, die nicht so kommerzialisiert sind und die den Autor sehr ernst nehmen.

Hat das damit zu tun, dass man sich im Jugendbuchbereich noch größere Gewinne verspricht?
Ich glaube schon. Seit „Harry Potter“ wittern Verlage bei Kinder-und Jugendbüchern leicht Gold. Das hat leider die Folge, dass sie sich kaum noch die Zeit nehmen, jüngere Autoren erst einmal aufzubauen, sondern gleich nach dem Bestseller suchen.

Sorgen Sie sich um die Zukunft des Lesens?
Absolut nicht. Wir sehnen uns doch alle nach dem intimen Erlebnis des Lesens. Ich bin aber genauso interessiert am Erzählen im Fernsehen, im Videospiel, in der Musik. Es wird immer Geschichten geben.

Kann das Erzählen auch eine Gesellschaft zusammenhalten? Ich denke da an Ihr anderes neues Buch, „Fabers Schatz“, ein Bilderbuch, in dem ein Hamburger Junge einen Teppich geschenkt bekommt, der angeblich fliegen kann. Er müsste nur die Zeichen darauf verstehen. Und da trifft er auf ein syrisches Mädchen, ein Flüchtlingskind offenbar, das mit ihm den Teppich liest.
Tja, manchmal hoffe ich, dass so etwas vielleicht passiert. Ich habe diese Geschichte als Geschenk für Klaus Humann geschrieben, der den Aladin Verlag gegründet hat. Dabei hatte ich überhaupt nicht vor, über Flüchtlinge zu schreiben. Ich dachte mir, der Verlag ist in Hamburg, er heißt Aladin, also müsste etwas Verzaubertes vorkommen und etwas, das an die arabischen Märchen erinnert. Der Junge namens Faber war der beste Freund meines Sohnes in Hamburg – dann hat sich das entwickelt. Und so darf man es nur machen, sonst wirkt es bemüht.

Hat dieser offene Blick mit Ihrer amerikanischen Erfahrung zu tun?
Absolut. Ich lebe jetzt in einem Land, das sich durch Immigration ständig neu erfindet. Was die verschiedenen Kulturen an Bereicherung bringen! Ich hoffe sehr, dass Europa internationaler wird. Die Ängste jedoch, die viele Menschen heute empfinden, darf man nicht negieren, denen muss man sich stellen. Es wäre zu falsch, das Thema den Rechten zu überlassen.

Und kann das Erzählen helfen?
Ich glaube, dass Erzählen einem Empathie beibringen kann, die Fähigkeit lehrt, mit anderen Augen zu gucken. Jedes Buch lässt uns die Welt durch die Vorstellungskraft von jemand anderem sehen und macht uns zu Gestaltwandlern. Aber ein Buch kann auch reaktionär sein. Das dürfen wir nicht vergessen.

Interview: Cornelia Geißler

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