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„Internat“ Die Apokalypse nebenan

Serhij Zhadans in einer ostukrainischen Vorhölle spielender Roman.

Debalzewe
Im zerstörten Debalzewe. Foto: rtr

Falls eines Tages die Apokalypse kommt, wird man sie wahrscheinlich zuerst gar nicht erkennen. Kann aber sein, dass sie genau so aussieht und sich anfühlt wie die Welt in Serhij Zhadans „Internat“. Kann sein, dass es genau so ist, wie alle Menschen sich fühlen, deren gewohnte Umgebung (auch „Heimat“ genannt) gleichsam über Nacht zum Schauplatz eines blutigen Gemetzels („Krieg“ genannt) um Macht und Territorium geworden ist. „Internat“ spielt in der Ostukraine, in einer namenlosen Stadt, für deren Romanschicksal das wahre Schicksal der Stadt Debalzewe Pate stand, die vor drei Jahren Schauplatz schlimmer Gefechte zwischen der ukrainischen Armee und den von Russland unterstützten Separatisten war. Seitdem steht sie unter separatistischer Kontrolle.

Immerhin eines ist in gewisser Weise tröstlich an diesem Buch: Wer nicht so richtig versteht, was im Osten der Ukraine vor sich geht, ist damit nicht allein. Pascha versteht es ja ebenso wenig. Und dabei ist Pascha, der Protagonist und Antiheld dieses Romans, sogar Lehrer. „Ich bin Lehrer“, pflegt er zu sagen, wenn er auf seiner Odyssee durch die zerschossene Stadt auf andere Menschen trifft, die wissen wollen, wer er ist. Er trägt die Berufsbezeichnung vor sich her wie eine Standarte oder ein weißes Tuch; sie soll gleichzeitig Respekt heischen sowie seine friedlichen Absichten belegen. Tatsächlich bleibt Pascha am Leben, wozu allerdings auch eine große Portion Glück gehört, denn die Soldaten beider Seiten schießen auf alles, was sich zu schnell bewegt. Der Lehrer ist zur falschen Zeit am falschen Ort unterwegs, weil er sich nicht für Politik interessiert und nicht mitbekommen hat, dass sich in der direkt benachbarten Stadt, wo sein dreizehnjähriger Neffe im Internat lebt, zwei feindliche Armeen bekämpfen. Als er sich endlich aufmacht, um den Jungen abzuholen, ist die geschlagene ukrainische Armee gerade im Rückzug begriffen und die Stadt eine lebensfeindliche Vorhölle.

Serhij Zhadan findet für die Stationen von Paschas Mission Bilder von suggestiver, surrealistischer Endzeitstimmung. Die einst so vertraute Stadt ist ein im – teils im Wortsinne – vermintes Gelände geworden. Einfach so über eine Straße zu gehen, wäre lebensgefährlich, man kann jederzeit erschossen werden. Die Menschen halten sich verborgen, so weit sie können. Der Bahnhof, aus dem längst keine Züge mehr fahren, ist provisorische Auffangstation für Leute, die aus ihren Häusern flüchten mussten. Es sind fast nur Frauen und Kinder, denn die Männer kämpfen alle. 

Manchmal muss der Junge vom Onkel getragen werden

Pascha muss nicht kämpfen, weil er eine verkrüppelte Hand hat, und überhaupt ist er für keine Seite – oder glaubt, für keine Seite zu sein, wird aber im Laufe der Begegnungen, die er in diesen beiden Tagen hat, eines Besseren belehrt. Als ukrainisch sprechender Lehrer, der „die Sprache“ unterrichtet, wie er sagt, ist den anderen nämlich nur allzu klar, auf welcher Seite Pascha steht. 

Überhaupt: die Sprache. Es wäre interessant zu wissen, wie der Originaltext aussieht, denn die Sprache – eines der zentralen ideologischen Schlachtfelder im Ukrainekonflikt – ist ein Riesenthema in diesem Roman. Bei vielen Menschen, die Pascha begegnen, wird denn auch mitgeteilt, in welcher Sprache sie sprechen. Ob Russisch ja oder nein, und wenn ja, ob mit oder ohne Akzent, mit oder ohne Anleihen aus dem Ukrainischen.

Von einem alten Soldaten heißt es, er spreche „Surshyk, einen Mischmasch aus Ukrainisch und Russisch, wechselt alle zwei Worte in die andere Sprache“, von einem jungen Soldaten der ukrainischen Armee ist zu lesen: „Er spricht Ukrainisch, noch dazu perfekt. Wahrscheinlich ein Student.“ Es ist anzunehmen, dass viele der sprachlichen Mischformen im Text direkt kenntlich gemacht sind. Das ist in der Übersetzung nicht möglich, so dass vermutlich etliche der linguistischen Erläuterungen, die wir lesen, vom großartigen Übersetzerduo stammen. Juri Durkot und Sabine Stöhr übersetzen seit Jahren gemeinsam Serhij Zhadans Werk, haben dabei so etwas wie den unverwechselbaren Zhadan-Sound in die deutsche Literatur gebracht und haben nun zu Recht den Leipziger Buchpreis erhalten.

Nachdem Pascha sich zum Internat durchgeschlagen und aus dessen desolater Bunkeratmosphäre den Neffen herausgeholt hat, machen sie sich zu zweit auf den fast unmöglich scheinenden Rückweg. Der Junge, dessen physische Kräfte nicht an die des Erwachsenen heranreichen, muss dabei manchmal getragen werden, erweist sich jedoch in puncto Überblick und Umsicht als dem Onkel überlegen.

Diese Umkehrung der Verhältnisse, der Autoritätsverlust der Autoritätsfigur („Ich bin Lehrer!“) zugunsten des Teenagers, der als schwierig und unangepasst eingeführt worden war, zeigt deutlich die grundlegende Erschütterung sämtlicher als normal geltender Werte in Zeiten des Krieges. Und genau in dieser Erschütterung steckt trotz allem auch eine Chance. Vielleicht sogar eine Hoffnung? 

Auf den letzten Seiten wechselt der Roman seinen Erzählmodus. Zuvor war in der dritten Person aus der Perspektive Paschas erzählt worden. Das ist nun vorbei. Der den Roman beschließt, ist der Junge. Im Laufe des gefährlichen Wegs vom Internat nach Hause zum Großvater ist aus ihm schon mehr geworden, als Pascha je war: ein Ich-Erzähler. Sascha.

 

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