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Ingeborg-Bachmann-Preis Für die Verlorenen

Die Ukrainerin Tanja Maljartschuk gewinnt mit einer kleinen, traurigen Geschichte den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Preisträger
Gruppenbild mit Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin: Bov Bjerg, Özlem Özgül Dündar, Tanja Maljartschuk, Raphaela Edelbauer, Anna Stern (v. l. n. r.) Foto: afp

Ein Klagenfurter Jahrgang der gut (reif, formbewusst, auf der Höhe des Geschehens) gebauten und erzählten, entgegen einiger Jurybeiträge sprachlich und formal aber doch wenig riskanten Geschichten ist am Sonntagmittag fast logisch zu Ende gegangen. Fast logisch: Nicht Bov Bjerg gewann den mit 25 000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis, sondern Tanja Maljartschuk. 

Maljartschuk, 1983 im westukrainischen Iwano-Frankiwsk geboren – literarisch und intellektuell aufgeladenes Terrain, Swetlana Alexijewitsch, Jurij Andruchowitsch, Taras und Jurko Prochasko stammen von hier –, lebt in Wien und schreibt erst seit 2014 auf Deutsch.

Ihr Text „Frösche im Meer“, vorgeschlagen von Juror Stefan Gmünder, erzählt von der Begegnung eines aus Osteuropa kommenden Hilfsarbeiters mit einer dementen alten Frau. Er ohne Pass (aus taktischen Gründen teils verschluckt, teils in die Donau geworfen) von der Heimat abgeschnitten, aber auch in der neuen Umgebung fremd und einsam; sie ohne Erinnerungsvermögen und Unterstützung überall fremd und einsam. Der Mann will ihr helfen, es lässt einen nicht kalt, dass er das offensichtlich auch könnte und dass es dafür so viel nicht braucht. Am Ostersonntag suchen sie gemeinsam Ostereier. „Obwohl Petro keine versteckt hatte – diese Tradition war ihm fremd, in seinem Dorf hatte man stattdessen viel Wurst gegessen und im Reigen um die Kirche getanzt –, obwohl Petro also keine Ostereier versteckt hatte, fand Frau Grill im Wohnzimmer dennoch eines. Wer weiß, wie viele Jahre es unter dem Sofa verbracht hatte.“ 

Dann kommt aber schon die Polizei, verständigt von der türkischen Nachbarin (die zu Petros Beschämung viel besser Deutsch spricht als er) und der wirklich außerordentlich bösen Nichte der alten Dame, die noch dazu zwei Kampfhunde dabei hat. „Die beiden Frauen sprangen Petro an und schlugen auf seinen Rücken. Die Hunde bellten.“ Auf der einen Seite ist das lapidar, mit zugeneigtem Humor und unsentimental erzählt – vor allem Petros verzweifelte, aber stoisch getragene Situation. Andererseits wunderte man sich vielleicht doch darüber, wie viel Abgründigkeit dieser gelungenen, kompletten, kaum noch diskutierbaren, aber auch mit vertrauten Vorstellungen arbeitenden und insofern nicht überraschenden Erzählung zugetraut wurde (übrigens wundert man sich auch über den Satz in der vierten Zeile, „Niemand sagt: Ich möchte Müllmann werden“, da fast alle kleinen Jungen eine Müllmann-Phase durchleben, dies ist ein Hinweis an Autorin und Lektorat). 

Dlündar gewinnt Kelag-Preis

Bov Bjerg, Jahrgang 1965, der in Berlin lebende Autor des Überraschungsbestsellers „Auerhaus“, erhielt im Anschluss den mit 12 500 Euro dotierten Deutschlandfunk-Preis. Auch sein Beitrag, „Serpentinen“, ist ein gekonntes Stück Literatur, hier mit Dialogen (äußerst treffsicheren, es gab auch andere während des Wettlesens) zwischen Vater und Sohn auf kurvenreicher Straße und in offenbar schwieriger Lage. Der Vater schleppt eine Genealogie der Suizide mit sich, scheint auch ansonsten in äußerer Bedrängnis zu sein (geheimnisvoll) und außerdem schwer depressiv. Etwas hilflos ist er darauf bedacht, den Sohn zu schützen. Auch Bjerg umgeht die vorhandene Sentimentalitätsfalle durch einen freundlich herben Ton unter Männern. Schwer und leicht zugleich sei der Text, sagte der Grazer Literaturwissenschaftler und Juror Klaus Kastberger über seinen Kandidaten. Auch lasse er „Platz zum Atmen“.

Den quasi dritten Preis, den mit 10 000 Euro dotierten Kelag-Preis, gewann im Anschluss ebenfalls nicht unerwartet die 1983 in Solingen geborene Özlem Özgül Dündar, eingeladen von der neuen Jurorin Insa Wilke. Zehn Jahre vor dem jetzt 25 Jahre zurückliegenden Brandanschlag geboren, nähert sich Dündar ihm im Romanauszug „und ich brenne“ exemplarisch und intensiv. „mütter“ sprechen: Bei dem Anschlag Ermordete erzählen von ihrem Sterben, eine Überlebende erzählt, wie sie auf der Straße einer anderen Mutter begegnet und ein grüßendes Nicken möglich erscheint, eine vierte Mutter – die, die der Überlebenden auf der Straße entgegenkommt? – kann nicht verstehen, wie ihr Kind ohne Beweise schuldig gesprochen werden konnte, zumal durch die Medien. Wer ist nun das Opfer? Grenzen verschwimmen, es wird freilich auch „entdifferenziert“ (Hubert Winkels). 

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