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Ines Geipel: "Generation Mauer" Der Dreh- und Angelpunkt

Die einstige DDR-Leistungssportlerin Ines Geipel ist eine der wenigen meinungsstarken Frauen der neuen Bundesländer. Eine Porträtsammlung widmet sie den "Mauerkindern", die in einer "Verratskultur" großgeworden sind.

12.05.2014 16:31
Cornelia Geissler
Ines Geipel schreibt über die Generation Mauer. Foto: Karen Weinert

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Das Buch verspricht etwas, was es nicht einlöst. Aber das ist nicht schlimm. Es heißt „Generation Mauer. Ein Porträt“, ist in diesem Frühjahr erschienen, da der Bau der Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland 53 Jahre her ist, und da bald der 25. Jahrestag des Falls dieser Mauer gefeiert werden kann. Ein Beitrag zum Jubiläum also. Ines Geipel schreibt über Menschen, die in den sechziger Jahren im Osten geboren wurden. Damals stoppte der Staat die Abwanderung und intensivierte die Überwachung; das war der „real existierende Sozialismus“.

Wer in dieser Zeit aufwuchs, wie die Autorin des Buches (und auch die Autorin dieser Zeilen), lernte früh, zu Hause Gesagtes nicht nach außen zu tragen. Fernsehen, Radio, Kleidung – vieles, was interessant war, hatte im rein privaten Bereich zu bleiben. Oder es musste sogar vor den Eltern verheimlicht werden, was die Freunde erzählen, was sie lesen. Und in den FDJ-Versammlungen wurden auch „Stimmungen und Meinungen“ erfragt. Das heißt im Buch: „Die Mauerkinder sind in einer Verratskultur großgeworden.“

Was Geipel nicht schreibt, was aber einen wesentlichen Unterschied zu den folgenden Jahrgängen ausmacht, die sich heute selbstbewusst „Dritte Generation Ost“ nennen: Die zwischen 1960 und 1969 Geborenen waren zum Zeitpunkt des Mauerfalls nicht einfach nur 20 bis 29 Jahre alt: Sie waren erwachsen. Sie brauchten keine elterlichen Leitbilder mehr und litten nicht, wie es etwa die Journalistin der Berliner Zeitung, Sabine Rennefanz, in ihrem Buch „Eisenkinder“ beschreibt, unter der Orientierungslosigkeit der Mütter und Väter. Sie waren in der Lage, eigene Entscheidungen zu treffen, auch gegen die Herkunft. „Anfang August 1989 hatten 44 200 Übersiedler und Flüchtlinge die DDR verlassen. Ende 1989 werden es 343 854 Ostdeutsche sein“, so Ines Geipel. „Über 40 Prozent davon gehören unserer Generation an.“

Von Freunden und Fremden

„Das Buch sucht nicht nach einem Generationenlabel“, schreibt die Autorin im Vorwort, „sondern nach der konkreten Erfahrung, den inneren Zeichnungen, um im einzelnen Leben die eigene Zeit zu begreifen.“ Deshalb sind die Versprechungen von Titel wie Untertitel falsch. „Ein Porträt“ kann Ines Geipel nicht liefern. Sie sammelt Erfahrungen von Freunden und Fremden ein. Zwar bleibt ihre Basis für ein valides soziologisches Urteil zur Generation dürftig, weil es allesamt Akademiker und Künstler sind, dennoch kommt die Autorin zu bemerkenswerten Folgerungen. „Karriere ist zweitrangig. Lieber sagen sie Nein, um ihr Ding zu machen. Stars brauchen sie keine. Sie wissen um das Bröckeln der Helden.“

Es sind die Porträts (also die Mehrzahl des Begriffs vom Untertitel), die einen großen Reiz ihres Buches ausmachen. So trifft sie den Schauspieler Tobias Langhoff, neben Jan-Josef Liefers einer der beiden in den Sechzigern Geborenen, die auf der legendären Demonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz sprachen. Er plädiert dafür, die Entstehungsgeschichte der DDR mit zu betrachten, wenn über Biografien gesprochen wird.

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Für die Filmemacherin Carla, die heute in Australien lebt, war die DDR das Land, „wo Kinder über die Rente nachdachten“. Da sagt sie leider nicht warum: Weil man erst im Rentenalter in den Westen reisen durfte! Die Lehrerin Gerit findet, dass ihre Generation als „Friedenskinder mit den Traumatisierungen ihrer Eltern aufwachsen musste und deren Angstblockaden erbte“.

Der Hallenser Maler Moritz Götze protestierte in den Achtzigern als Punk gegen die Verhältnisse und ist heute auf dem Kunstmarkt erfolgreich. Er sagt: „Wir haben die Geschichte in uns, und was toll an der Welt ist, können wir nutzen.“

Sabine Adler, die in Leipzig Journalistik studiert hat, ging gleich 1990 zu einem Privatradio in den Westen, lernte Journalismus neu in der Praxis und beeindruckt heute als Deutschlandfunk-Korrespondentin aus der Ukraine.

Der Chef des Literaturhauses von Frankfurt am Main, Hauke Hückstädt, der als 14-Jähriger mit seinen Eltern in den Westen kam, schaut heute manchmal in Schwedt nach dem „Gefäß, das mich geformt hat“.

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk nennt seine Generation die „Nachgewachsenen“ und möchte, dass nicht nur über die Stasi gesprochen wird, sondern auch über deren Auftraggeber im Staate. Und dann ist da Robby, der kurz nach dem Mauerfall aus dem zehnten Stock eines Ostberliner Hochhauses stürzte.

Robby starb nach dem Mauerfall

Robby war ein enger Freund Geipels während ihres Studiums in Jena. Sie schreibt von ihm schon auf den ersten Seiten. Das klingt so privat und so wenig verallgemeinerbar, dass der Weg ins Buch hinein an dieser Stelle holpert. Doch in den späteren Kapiteln zeigt sich immer deutlicher ein weiterer Schwerpunkt dieses Buches, der mit Ronnys Geschichte begann: Es ist auch ein Porträt der Autorin selbst, eine Autobiografie. Man weiß ja, dass Ines Geipel in der DDR als Sprinterin Weltklasse war und dabei gedopt wurde, und später als Nebenklägerin in den Prozessen gegen DDR-Sportfunktionäre auftrat. Aber hier erzählt sie, wie ihr damals zu Leibe gerückt wurde. Rückblickend beschreibt sie als ihren wichtigsten Lauf den über die – noch gut gesicherte – Grenze von Ungarn nach Österreich im Sommer 1989. Man weiß ja auch, dass sie über in der DDR unterdrückte Schriftstellerinnen forschte und 1996 nie zuvor gedruckte Texte der Dichterin Inge Müller herausgab. Aber hier erzählt sie, von welchen Schwierigkeiten diese erste Buchveröffentlichung begleitet war – als sie endlich das arbeiten konnte, was sie wollte, nach Jahren des Kellnerns im Westen, nach einem zweiten Studium, einem Nebenjob als Deutschlehrerin.

Ines Geipel folgt Gedankenschleifen und nimmt, wenn sie argumentiert, oft auch die Gegenfragen mit auf. Sie beobachtet andere und erzählt von sich. Sie sucht nach Gemeinsamkeiten und nach der passenden Sprache. Am Ende formt sich kein Gesamtbild, aber es entsteht ein Puzzle mit einigen zusammenhängenden Inseln.

Aufmerksamkeit fehlte

Ines Geipel ist eine der wenigen meinungsstarken Frauen, die sich in öffentlichen Debatten zu Wort melden. Noch dazu eine mit Ost-Erfahrung. Als sie den Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk bei einer Podiumsdiskussion neben vier Kollegen aus dem Westen sitzen sieht, schreibt sie: „Vier zu eins dürfte der übliche Zahlenschlüssel sein, wenn es öffentlich um DDR-Themen geht.“ Es ist gut, dass sie dieses Buch geschrieben hat. Zwar hat der Generation der in den sechziger Jahren in der DDR Geborenen kein Label gefehlt, aber vielleicht doch ein bisschen Aufmerksamkeit. „1989 ist der Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens, der große Glücksfall, das Unverhoffte, für viele die Befreiung. Sie sind davongekommen. Sie sind angekommen in der Geschichte.“

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