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Indridi Thorsteinsson "Taxi 79 ab Station" Zwischen Whisky und Brennevín

Das Finale ist ein höchst dramatischer Kommentar zum Thema Stadt (Autowahn) und Land (isländische Naturliebe). Pure Sozialkritik ist es nicht, pure Fiktion aber auch nicht. Indridi Thorsteinssons "Taxi 79 ab Station" ist isländische Literatur in bester ironischer Federführung.

18.04.2011 12:25
Martin Zähringer
40er in Island: Ami in Begleitung. Foto: Olga Dagmar Nielsen/Stadtarchiv Reykjavík

Es waren Wikinger aus Island, die noch vor den Portugiesen und Spaniern auf den amerikanischen Kontinent kamen. Sie machten aber nicht viel daraus. Dafür wurde die amerikanisch-isländische Beziehung in modernen Zeiten umso enger geknüpft. Von 1941 bis 2006 standen die USA ununterbrochen mit Truppen auf der Insel, und das hat viel bewirkt: wirtschaftliche Impulse durch die Airbase in Keflavik, das Nachtleben in Reykjavik zog Soldaten und Dollars an, und der Pendelverkehr zwischen Kaserne und Clubs brachte das Taxigewerbe auf der Insel in Schwung. Aber die Feierabendvölkerfreundschaft warf auch kulturellen Mehrwert ab – Rock und Hamburger und Hollywood sowieso, nebenbei sogar literarische Inspiration. So hat die vitale Ader zwischen Air Base und Hauptstadt den Schriftsteller Indridi G. Thorsteinsson (1929–2000) zu einem Taxi-Roman angeregt.

„Taxi 79 ab Station“, das ist der Aufruf für den jungen Ragnar, wenn er in der Zentrale in Reykjavik seine Schicht schiebt. Er hat viel zu tun. Eines Nachts muss er wieder einmal einen betrunkenen Amerikaner zur Air Base in Keflavik kutschieren, und dies wird eine doppelt lohnende Tour, denn sie zahlt sich schicksalhaft aus. Auf der Rückfahrt trifft er die junge Gudridur, genannt Gógó. In Sommerkleid und Stöckelschuhen steht sie vor der offenen Haube ihres 8-Zylinder Buick und bittet um männliche Zuwendung – eine Anspielung auf die damalige Autowerbung. Ragnar lässt sich nicht lange bitten. So beginnt die klassische Affäre zwischen dem Habenichts und der gelangweilten Dame der Oberklasse. Sie ist mit einem reichen Geschäftsmann verheiratet, der in Dänemark in einer Nervenklinik lebt. Er leidet an den Folgekrankheiten eines Pferdetritts.

Autowahn und Naturliebe

Hier horcht der Leser auf, wird doch das Pferd, ein Lieblingsmotiv isländischer Identität, auf gar seltsame Weise eingeführt. Menetekel Pferdetritt – kann das gutgehen mit Ragnar und Gudridur-Gógó? Ragnars Freund Gudmundur glaubt es nicht (Gudmundur über Gudridur: „Oberklassenhure!“) und entführt den Frischverliebten aufs Land zu Gänsejagd und Gewissensprüfung. Auch diese Szene nutzt Thorsteinsson für eine recht gebrochene Darstellung seiner isländischen Figuren. Draußen in den Mooren singt der Taxichauffeur Gudmundur das Hohelied der Vögel. Man denkt vielleicht an das poetische Leitmotiv der Fische und Vögel beim Übervater Halldór Laxness, aber Thorsteinsson pflegt seinen eigenen literarischen Umgang mit den isländischen Sujets. Sein Naturpoet ballert schließlich – hinter einem Pferd versteckt – umstandslos drei Wildgänse ab.

Thorsteinssons durchaus spannende Liebestragödie hat viel mit Alkohol zu tun, Brennevín oder Importware. Die Taxifahrer sind in einen schwungvollen Handel mit Schmuggelware involviert, Gógó und Ragnar trinken Whisky, doch am Ende kommt heimischer Stoff zum Zuge. Das Finale ist ein höchst dramatischer Kommentar zum Thema Stadt (Autowahn) und Land (isländische Naturliebe). Pure Sozialkritik ist es nicht, pure Fiktion aber auch nicht.

Autobiographie Züge sind nicht so wichtig

Thorsteinssons Roman beruht auf Erfahrungswerten. Er selbst arbeitete in seinen frühen Jahren als Fahrer im Norden der Insel und später als Reporter in Reykjavik, bevor er 1954 seinen Erstling schrieb. Wie viel weiter die autobiografischen Bezüge gehen, ist nicht so wichtig. Interessanter ist die ästhetische Liaison von amerikanisch-urbanem Lebensstil, isländisch-landflüchtiger Tristesse und einer weltläufigen literarischen Suchbewegung: Wo viele Isländer – noch nicht sehr lange einer weit verbreiten Armut entkommen – sich fröhlich ein glitzerndes amerikanisches Autos anschafften, da lieh sich der Schriftsteller Thorsteinsson die Kunst des knappen Dialoges von Hemingway und den Erzählton von der Short-Story.

Die vitalistische Inszenierung des Nebenbuhlermotivs dagegen erinnert an eine urban-automobile Adaption von Knut Hamsuns panischem Waldschrat Glahn, auch Strindbergs Geschlechterkampf unterfüttert die erotische Dramaturgie. Aber der ganze Rest ist Thorsteinsson. Sein zielsicheres Wechseln zwischen eleganter Erzählprosa und fein gestochenen Dialogen, die tragische Liebe mit viel Begehren, Versagen und Alkohol, der realistische Kontrast von cooler Taxifahrerwelt und drögem Landvolk – das ist isländische Literatur in bester ironischer Federführung.

Indridi G. Thorsteinsson: Taxi 79 ab Station. Roman. A. d. Isl. v. Betty Wahl. Transit 2011, 117 S., 14,80 Euro.

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