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In der Halbzeit hat es geregnet

Keine Angst vor der Fremde: Die Beobachtungen Karl-Markus Gauß' im Osten der Slowakei

23.02.2004 00:02
MARICA BODROžIC

Ein Reisender kann mehr erfahren als ein Ethnologe. Im Gegensatz zum Wissenschaftler hat er das Recht auf eigene Erfahrungen. Und er hat die Pflicht, sich selbst in einem eigenen Zusammenhang zu erleben. Der Autor Karl-Markus Gauß führt genau diesen Lebenspunkt als einen der Gründe auf, aus denen er schreibt. Auch wenn er auf seinen vielen Reisen zunächst wenig von den Fremden wusste, die er unterwegs traf, und sie auch nicht immer seine Freunde wurden, haben sie ihn durch ihre bloße Anwesenheit gelehrt, dass es überall Menschen gibt, "die sich für die Welt und nicht für deren Inbesitznahme interessierten".

Genau in diese Begegnungslandschaften nimmt Gauß seine Leser mit. Einmal kann diese Reise in einem Café namens Casablanca im Osten der Slowakei beginnen, im "Erdmittelpunkt der Ereignislosigkeit". Doch wird gerade hier zielstrebig jenen trostlosen Augenblicken ein Zauber der Gegenwart entlockt, der auch den Schrecken nicht scheut, ganz im Gegenteil, der sich ihm stellt. Drum verwundert es nicht, dass Gauß nun gerade dort, wo das größte Elend herrscht, auch immer wieder auf eine rätselhafte Lebenskraft stößt. Diese starken Funken wirklicher, das heißt bewusster Begegnung führen ihn auch stets in die Mitte der Dinge, hinein in das Zentrum jener ungeschminkten osteuropäischen Gegenwart, die in der Erweiterungszone der Europäischen Union liegt, und von der meist nur Katastrophenmeldungen zu vernehmen sind.

Erforschung der Fremde

Karl-Markus Gauß hat in seinen Büchern stets jenes Fremde zu erforschen gesucht, das sich in unserer nächsten Nähe befindet. Und das Fremde hat in seinen Arbeiten meist ein neues, konkretes Gesicht angenommen. Es hat ihn, der die Ränder auf ihre Mitte hin aushorcht, beschäftigt, warum der Mensch in unserer zu Wohnzimmeratmosphäre verkommenen Medienlandschaft immer nur daran interessiert ist, das Elend der Anderen - durch Zeigen auf das Opfer - zu proklamieren.

Auch in seinem neuen Buch hat er sich diese Frage gestellt. Was aber ist zu tun, wenn die schon salonfähig gewordene Reduzierung aus den Menschen "im besten Fall ewige Opfer" macht? Der erste Schritt müsste ein neues Bewusstsein mit sich bringen, dass wir die "Elenden" offenbar nur als Opfer ertragen können, so Gauß, und ihnen aus diesem Grund keine anderen Eigenschaften zubilligen als eben die, die sie zum Opfer prädestinieren.

Dieses Buch klärt uns nicht nur auf, vielmehr handelt es davon, wie wenig nützlich die Verbreitung von Angst ist, wie der Schrecken, der über andere verhängt wird, zwar beunruhigt, aber nur deshalb, weil wir genau spüren, dass er etwas mit uns und mit unserem Leben zu tun hat: "Aus der Befürchtung heraus, die Elenden könnten sich aus ihrem Elend aufmachen und uns mit ihm infizieren." Unsere menschlichen wie diplomatischen Beziehungen können nur ausgewogen genug betrachtet werden, wenn wir der Wirklichkeit gestatten, gleichzeitig mehrere Namen zu tragen. Und wenn wir endlich aufhören, die Welt in Gut und Böse aufzuteilen. Es hilft, das ist bekannt, wenig bis gar nichts, um ein wirkliches Verständnis zu erreichen.

Viel offener wird der Umgang mit anderen Ethnien wie den hier beschriebenen Roma, wenn wir wissen, dass zum Beispiel jene in westeuropäischen Städten bettelnden Roma oft Schuldsklaven sind, die von ihren in ihrer eigenen Gemeinschaft lebenden Wucherherren auf vorher festgelegte Routen geschickt werden. Gauß zeigt uns, dass Verantwortung an jener Stelle anfängt, an der die Verurteilung aufhört. Ja, und dass erst dann Sprache und Handeln beginnen und unser Denken globaler und umfassender wird. Erst dann können wir ernsthaft fragen, warum es 1977 möglich war, unzählige Roma-Frauen ohne deren Wissen oder Zustimmung einer Zwangssterilisation zu unterziehen. Deshalb, weil die Bevölkerung weder damals noch heute bereit war, für diese Menschen einzustehen.

Das perfide politische System hat genau mit dieser Zurückhaltung gerechnet und eine Direktive erlassen, die den schlechten Gesundheitszuständen im Ghetto "Lunik IX" und der Vermehrung der Roma abhelfen sollte. Infam war diese Verordnung ohnehin, begreift man aber, dass die Roma sich über die Anzahl ihrer Kinder definieren, wird klar, welch präzise Menschenverachtung hier am Werk ist.

Doch klar ist auch, und das zeigt Gauß auf eindrückliche Weise, dass jede im Außen wirksame Struktur beim sogenannten Opfer in seiner eigenen Umgebung vorhanden ist. Das Beispiel der Siedlung "Lunik IX", im Südwesten der Stadt Kosice gelegen, kann dies illustrieren. Diese Gemeinschaft ist in drei Kasten gegliedert, was sich nicht auf den ersten, sehr wohl aber auf den zweiten Blick erkennen ließ. Die Roma stellen die höchste Kaste dar ("Roma bedeutet bekanntlich Mensch"), Ciganik die zweite. "In die unterste Kaste aber", wird notiert, "den Unberührbaren in Indien verwandt, waren die Degesi geworfen." Die Roma-Frauen beschwerten sich, dass ihre Kinder im Kindergarten mit denen der Degesi im gleichen Raum untergebracht waren. Degesi bedeutet "Hundeesser" und meint dies auch wörtlich. Allerdings gibt es heute keine Hundeesser mehr: "Es ist der Ruf, der den Hundeesser bis ins zehnte Glied der Nachkommenschaft als unrein verächtlich macht und als unberührbar aus der Gesellschaft ausstößt."

Gleichmaß von Welt und Erzählung

Inmitten des dahinvegetierenden Elends und bürokratisch hervorgebrachter Ungerechtigkeit, spürt Gauß unbeirrt das Gleichmaß von Welt und Erzählung auf und beschenkt uns mit dem bemerkenswerten Gewicht eines in Freude gelebten Augenblicks. Schönheit, unverputzt, blitzt mit einem Mal auf, wenn er zum Beispiel über das Zeit-Empfinden der Roma in Svinia schreibt; wir erfahren, dass sie gewissermaßen jenseits der Zeit leben und über keinerlei unserem Zeitempfinden vergleichbares System verfügen. Weder konnten ihm die Roma konkrete Daten von Geburten, Hochzeiten oder Todesfällen nennen, noch sich an andere wichtige Begebenheiten aus der Vergangenheit erinnern. Es war ihnen schlicht unbekannt, wann sich etwas zugetragen hatte. Das letzte ihnen wichtige Ereignis, das sich in Svinia zutrug, war ein Fußballspiel, über das sie Auskunft geben konnten: "... das war erst vor kurzem gewesen, vielleicht vor fünf oder vor fünfzehn Jahren, und es hatte in der Halbzeit geregnet".

Elend, Armut, Gestank, Klebstoff inhalierende Jugendliche, nackte Kinder in dreckigen Wasserlachen, all dies umgab den "Fremden" auf seinen Reisen. Die Delegationen der EU haben die gleichen Slums wie Karl-Markus Gauß besucht. Sie waren entsetzt, weil sie, so der Autor, fürchteten, dass all die Verkommenen aus den Ghettos über die hübschen europäischen Städte herfallen könnten.

Die Menschen in den Ghettos aber hatten selbst keine Angst. Wie nachvollziehbar die Konklusion von Gauß ist, kann man gar nicht genug betonen: "... und mit einem Mal durchzuckte mich die Gewissheit, dass all die hier versammelten Elenden zusammengenommen nicht so zu fürchten waren wie jeder einzelne dieser Geschäftseuropäer für sich".

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