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Imre Kértesz Lebenswerk von Kertész enteignet?

Eine regierungsnahe ungarische Stiftung soll den Nachlass des Literaturnobelpreisträgers betreuen. Ein Einspruch seines Schriftsteller-Kollegen Iván Sándor.

14.03.2017 16:19
Iván Sándor
Imre Kértesz
Foto: afp

Der Literaturnobelpreisträger Imre Kertész starb im Jahr 2016, kurz darauf folgte ihm auch seine Frau. Die Nachricht ging kürzlich kreuz und quer durch die Medien: Eine ungarische, regierungsnahe Stiftung übernehme die Pflege, Aufarbeitung und den Vertrieb seiner Werke. Dafür stelle die Orbán-Regierung einen Zuschuss in Höhe von circa drei Millionen Euro bereit.

Ab 2001 lebte Imre Kertész mit seiner Frau dauerhaft in Berlin. Den Nobelpreis für Literatur 2002 hatte er anhand der deutschsprachigen Ausgabe seines „Romans eines Schicksallosen“ erhalten. Später hatte der Schriftsteller in seinen Notizen festgehalten und begründet, warum er seine Werke der Akademie der Künste in Berlin anvertraut hatte: „Ungarn ist nicht in der Lage, die Geschichte, den Lauf der Dinge in der Welt zu beeinflussen, darum versteht es sie auch nicht. Die Kreativität stirbt aus, die eine Nation nicht bloß vegetativ existieren, sondern auch überleben lässt. Mein geistiges Elend resultiert daraus, dass ich in Ungarn keine intellektuelle Aufgabe habe.“

Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht. Es gibt keine neuen Informationen oder glaubwürdigen Dokumente darüber, dass Imre Kertész seine frühere Entscheidung revidiert hätte. Somit besteht ein Widerspruch zwischen dem kostspieligen Projekt der ungarischen Regierung und dem Vermächtnis des Schriftstellers. Ähnliches ist mit mehreren ungarischen Nobelpreisträgern passiert, mit denen die Orbán-Regierung heute stolziert. Sie verschweigt nämlich, dass fast alle das Land zwischen 1920-45 verlassen mussten, also unter dem Horthy-Regime, dessen Geist und Symbole die jetzigen Machthaber heraufbeschwören.

Darauf, was jetzt mit seinen Werken geschieht, würde Imre Kertész gewiss mit seinem bekannten Lachen reagieren, das ich seit unseren gemeinsamen Spaziergängen am Balaton in Erinnerung habe. Die Abwegigkeit der Angelegenheit würde ihn nicht überraschen, denn er hatte die Absurdität schon immer für einen Bestandteil der Weltordnung gehalten. Als hörten wir ihn, wie er seinen Lieblingsautor Kafka zitiert. „,Nein, sagte der Geistliche, man muss nicht alles für wahr halten, man muss es nur für notwendig halten.‘ ,Trübselige Meinung‘, sagte K. ,Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht.‘“ („Der Prozess“, 9. Kapitel).

Ein autoritäres Regime ist jederzeit möglich.

Kertész’ Lebenswerk steht sowohl in seiner Struktur als auch in seinen Bestandteilen im Gegensatz zu denen, die seine Werke heutzutage in Ungarn enteignen würden. Er hat sich nicht ausschließlich als Holocaust-Autor gesehen. Ihn hat der Charakter „Kain“ beschäftigt, den er für einen Teil der Schöpfung, für eine ewige Eigenschaft, für das Fundament des menschlichen Seins hielt. Anhand seiner Erfahrungen verknüpfte er die Vergangenheit mit der Gegenwart, hielt aber beide auch für unzertrennlich von der Zukunft. Bei all dem war ihm in den Veränderungen das Paradoxon von Kontinuität und Innovation bewusst.

Um das zu betonen, lohnt sich ein kleiner Abstecher. Die historische Zeit des „Roman eines Schicksallosen“ ist der Zweite Weltkrieg der durch die Achse Berlin-Tokio-Rom Europa 50 Millionen Tote, Verwüstung und unermessliches Leid bescherte. Der Feldzug aus Berlin wurde von der Achse USA-England-Frankreich-Sowjetunion gemeinsam beendet.

Beim allmählichen Verschwinden unserer humanen Kulturbegriffe ist die Entstehung der neuen „Achse“, Trump-Putin – auch wenn von vielen noch nicht wahrgenommen – die wichtigste Veränderung. Für diese Riesen bietet sich Orbán als Möchtegern-Partner an. Er ist bestrebt, Ungarn, wie schon in den beiden vergangenen Weltkriegen, auf die falsche Seite zu manövrieren.

Den Epochenwechsel symbolisiert am besten die Verwandlung vom früheren Berlin der Nazis zum heutigen Berlin als Zentrum der Demokratie und der europäischen Werte. Wer könnte daher daran zweifeln, dass Imre Kertész richtig entschied, als er sein Lebenswerk der Berliner Akademie der Künste anvertraut hatte.

Wie über den Faschismus fällte Kertész auch sein Urteil über den Bolschewismus. Er hat uns seine Gedanken vermacht: „Ein autoritäres Regime ist – wie wir gesehen haben – jederzeit möglich. Alles bereits Eingetroffene kann alles Zukünftige beeinflussen. Aus diesem Prozess ist das, was wir Schicksal nennen, nicht wegzudenken.“

In der Tat, nichts vergeht spurlos. Dieser Erkenntnis hatte er seine volle Aufmerksamkeit gewidmet. Er hielt an der Idee fest, dass die Suche nach der Wahrheit die „Erkundung“ der Existenz ist. Das steht im Einklang mit seiner Überzeugung, dass im Laufe der Dinge der Mensch nicht das Objekt, sondern das Subjekt sein sollte.

Als er im letzten Abschnitt seiner Krankheit schrieb: „Meine Zeilen werden nunmehr mit einer Hand aus Knochen auf einem untergehenden Schiffswrack geschrieben“, veränderte sich auch seine Sprache. Mal irrte er sich, war des Öfteren unbeherrscht oder schlug verbal um sich. Aber wer war unter den Großen der Literatur in so einer Lebenslage frei von solchen Fehlern? Mir ist niemand bekannt. Auf ihr Lebenswerk konnte das keinen Schatten werfen. Auch bei Kertész nicht.

Kertész’ Lebenswerk trotzt allen Enteignungsversuchen. Die Zusage zum Drei-Millionen-Euro-Projekt der Orbán-Regierung hat seine Witwe kurz vor ihrem Tod gegeben. Ich weiß nicht, wer die beiden Zeugen an ihrem Krankenbett waren und ob sie verstanden hat, worum es geht. Moralisch halte ich diese „Übereignung“ so lange für ungültig und inakzeptabel, bis ein von Kertész selbst unterzeichnetes, durch glaubhafte Zeugen bestätigtes Dokument auftaucht. Dort sollte eindeutig stehen, dass er seine frühere Entscheidung, seine Werke unter die Obhut der Akademie der Künste Berlin zu geben, zugunsten einer regierungsnahen Stiftung in Ungarn revidiert hat.

Natürlich könnte man für den Nachlass auch in Budapest ein würdiges Zuhause finden. In der Stadt, aus der Imre nach Auschwitz verschleppt wurde. Dazu bräuchte man keine Millionen, Ehrfurcht und Treue zum Geist des Lebenswerks genügten.

Imre Kertész war auch der Schriftsteller eines Landes, das es in den Kriegen immer auf die falsche Seite getrieben hatte. Er schrieb auch einmal, sollte es ihm in Ungarn gelingen, Unvergängliches zu schaffen, werde es sicherlich missverstanden und besudelt. Ist Kertész’ Botschaft an die Europäer nur noch Schnee von gestern? Wohl kaum…

Übersetzt von Gábor Szász und Attila Téri

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