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„Im Schatten der Arena“ Krimi über Profifußball und Homosexualität

Mara Pfeiffer hat einen Krimi geschrieben, der im Umfeld des 1. FSV Mainz 05 spielt – und ein großes Tabu aufgreift: Homosexualität und Homophobie im Profifußball der Männer.

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Im Umfeld des FSV Mainz 05 spielt der Krimi „Im Schatten der Arena“. Foto: imago

Johanna, genannt Jo, ist Journalistin und lebt mit ihrem fünfjährigen Sohn Luca und Kater Obama in der Mainzer Neustadt. Als ihr Kollege und bester Freund Jonas eines Nachts mit dem Auto verunglückt, geht die Polizei zunächst von einem Unfall aus. Johanna kann das nicht glauben, denn der Sportjournalist war einer heiklen Sache auf der Spur, deren Hintergründe er nicht einmal ihr anvertrauen wollte. Hat sein Tod mit den dubiosen Machenschaften zu tun, die seit einiger Zeit im Vorstand des FSV Mainz 05 rumoren? Oder geht es um ein ganz anderes, viel weitreichenderes Problem? Johanna beginnt auf eigene Faust zu ermitteln – und bringt damit sich und ihren Sohn zunehmend in Gefahr.

Es gibt Frankfurt-Krimis, Darmstadt-Krimis, Wiesbaden-Krimis, Taunus-Krimis. Das Morden vor lokaler Kulisse ist in der Belletristik schon lange en Vogue und hat unlängst auch die großen Fußballvereine der Region erfasst. Die Eintracht, die Darmstädter Lilien („Bölle-Hölle“), sogar die Kickers Offenbach wurden in Kriminalromanen verewigt. Mara Pfeiffer hat mit „Im Schatten der Arena“ also einen Mainz 05-Krimi vorgelegt. 

Geschichte mit viel Lokalkolorit 

Fan der 05er zu sein, ist dem Gefallen an der Lektüre sicher zuträglich. Eine zumindest vage Ahnung davon, wie es zugeht in der Bundesliga und im Profifußball, schadet ebenfalls nicht. Wer in Mainz wohnt oder mal dort gewohnt hat, wird mit Entzücken auf bekannte Schauplätze und Schrullen stoßen. Die Protagonistin trifft einen Polizisten im „Haddocks“, die Stadt wogt mitten durch die Fastnachtszeit, ein Motivwagen soll mit dem Mainz-05-Präsidenten bestückt werden, der trotz nachgewiesener Selbstbereicherung an seinem Stuhl kleben bleibt. 

Dennoch wäre es verfehlt, „Im Schatten der Arena“ schlicht als Fußball-Krimi mit Lokalkolorit ins Regal zu sortieren. Mara Pfeiffer schafft es, mit den Mitteln des Genres und einer fluffig schnörkel- und hemmungslosen Schreibe ein nach wie vor großes gesellschaftliches Tabu zu thematisieren: Homosexualität im Profifußball – der Männer, wohlgemerkt. Denn während bei Fußballerinnen oft schon dummdreist vorausgesetzt wird, dass sie lesbisch sind, werden schwule Fußballer in den höheren Ligen noch immer als Ding der Unmöglichkeit betrachtet.

Auch auf die Gefahr hin, dass die Herren der Schöpfung nun endgültig – und zu Unrecht – abgeschreckt sind: „Im Schatten der Arena“ ist unbedingt ein Buch für Frauen, ob fußballbegeistert oder nicht. Hauptfigur des Romans ist eine alleinerziehende, berufstätige Mutter, die mit ihrer zynischen und schnodderigen Art bei ihren Mitmenschen nicht ausschließlich Sympathien wachkitzelt, zumal nicht bei Männern. Frauen hingegen – nicht nur alleinerziehende Mütter – werden manches aus ihrem eigenen Leben wiedererkennen.

Ein Buch für Frauen

Das Kind liegt röchelnd mit Fieber im Bett, will aber doch so gern zum Heimspiel ins Stadion, die Arbeit macht Druck, die Öffnungszeiten der Kita sind job-inkompatibel, die Erzieherinnen nerven, die Kollegen mitunter auch, der Kindserzeuger ist abwesend und die Oma zwar äußerst patent, aber eben nicht unbegrenzt belastbar.

In diesen alltäglichen Wahnsinn schlägt der Tod des besten Freundes ein wie eine Bombe, Johanna wird vor Trauer schier verrückt, so sehr sie auch versucht, einen klaren Kopf zu bewahren und die Sache aufzuklären. Jonas‘ blutjunge letzte Liebschaft hat geschätzt den IQ einer rheinhessischen Weinbergschnecke, bestenfalls den eines „Kälbchens“, wie Johanna sie hinterrücks nennt. Ein Fremder steckt Sohn Luca einen Zettel mit einer Drohung zu, die Teenie-Tochter der Chefin strippt im Internet. Und dann platzt da auch noch dieser gutaussehende Polizist ins Geschehen. Kater Obama ist der einzige, der in dem Tumult die Ruhe bewahrt.

Homophobie nicht auf bestimmten Verein beschränkt  

Welche Verbindung nun wirklich besteht zwischen dem getöteten Sportjournalisten Jonas und dem Bundesligisten Mainz 05, wird erst ziemlich weit hinten im Buch klar. Ungefähr gleichzeitig klar wird auch, dass Homophobie ein Problem ist, das sich keineswegs auf einen einzelnen Verein beschränkt. Die Thematik hätte genauso gut anhand eines anderen Bundesligisten thematisiert werden können.

„Ich bin schwul – und das ist auch gut so.“ Dieser Satz, den einst Berlins ehemaliger Bürgermeister Klaus Wowereit zum Bonmot machte, taucht wiederholt auf im Buch – vor allem im Zusammenhang, dass Fußballer ihn eben nicht einfach sagen können. Mara Pfeiffer, wie ihre Protagonistin Johanna Journalistin in Mainz, schafft es, zumindest anzureißen, woher sie kommt, die Homophobie im Profifußball: Die Ressentiments der Mitspieler, das Macho-Gebahren mancher Fans, die Angst des Vorstands vor einem Skandal, die Skrupellosigkeit halbseidener Manager und Berater. Im Buch wird Thomas Hitzlsperger erwähnt, der sich als erster und bislang einziger Profifußballer geoutet hat – allerdings erst nach seiner aktiven Zeit.

Marcus Wiebusch, Frontmann der Band Kettcar, schildert in einem Interview im Buch, was ihn dazu bewegt hat, das Lied „Der Tag wird kommen“ zu schreiben. Der Tag, an dem der erste aktive schwule Fußballer aus dem Schatten der Arena tritt – und das alles kein Problem ist, man lieben kann, wen man will, wie es der fünfjährige Luca formulieren würde.

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