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Ilse Aichinger zum 90. Es geht immer um Genauigkeit

Eine der wichtigsten Autorinnen der deutschen Sprache wird 90 Jahre alt: Ilse Aichinger. In ihrem einzigen Roman „Die größere Hoffnung“ schreibt sie über ihre Erfahrungen mit dem Antisemitismus.

01.11.2011 17:09
Sabine Rohlf
Die österreichische Schriftstellerin Ilse Aichinger. Foto: dpa

Ein Haifisch schwamm neben ihnen her. Er hatte sich das Recht ausgebeten, sie vor den Menschen beschützen zu dürfen.“ Das höfliche Meerestier aus Ilse Aichingers „Die größere Hoffnung“ wirkt in einen Roman über antisemitische Gewalt in Wien ein bisschen befremdlich. Doch in Aichingers Logik ist er genau dort, wo er hingehört: In den kurzen, klaren Sätzen einer Traumpassage begleitet er ein Papierschiffchen voller „Kinder mit falschen Großeltern, Kinder ohne Paß und ohne Visum, Kinder, für die niemand mehr bürgen konnte.

Aichinger fand in ihrem Roman viele phantastische, traumhafte Bilder. Sie beschwören eine Welt der Ausgestoßenen, aber auch ihre verzweifelte Hoffnung auf Schutz oder Güte, die von den meisten Mitmenschen kaum noch zu erwarten war. Sie selbst hatte diese Welt erlebt. Während ihre Zwillingsschwester Helga 1939 mit einem Kindertransport nach England entkam, überlebte sie selbst, von den NS-Behörden als „Mischling 1. Grades“ eingestuft, mit ihrer Mutter in Wien. Ihre Großmutter, eine Tante und ein Onkel wurden 1942 deportiert und im Vernichtungslager Maly Trostinez nahe Minsk ermordet.

Die Kritik reagierte überrascht auf den 1948 veröffentlichten Roman der 27-Jährigen. Die Gruppe 47 war begeistert und lud sie zu ihren Treffen ein. 1952 gewann sie mit ihrer „Spiegelgeschichte“ den ersten Preis der Gruppe: Sie erzählt ein Leben vom Sarg bis zur Geburt – in konsequenter Verdrehung der Zeitläufe zeigt sich hier Aichingers Talent für vertrackt Surreales.

Bei den Tagungen der Gruppe 47 lernte sie auch Güter Eich kennen, sie heiratete ihn 1953 und bekam mit ihm einen Sohn und eine Tochter. In den folgenden Jahren entfaltete sie ihre Sicht der Wirklichkeit in Erzählungen, Gedichten und Hörspielen. Das Meer, Schiffspassagen und Reisen blieben wichtige Motive. Ebenso wie Gleichgültigkeit, Mitleidlosigkeit, das halbherzige Versagen gegenüber Gewalt.

Das Schweigen erforschen

Einen Roman schrieb sie nie wieder, ihre Texte wurden immer knapper. „Ich will meine Dörfer / ohne Worte lassen / und nur den Schnee / durchschwingen / und offen gegen die Zäune.“ Was sie zu Beginn ihres Gedichtes „Selbstgebaut“ formuliert, zeigt eine Haltung, die der Sprache misstraut, auf Ungesagtes lauscht, das Schweigen erforscht. Den herkömmlichen Wegen der Sinnerzeugung weicht sie aus, unter der Überschrift „Schlechte Wörter“ (1976) sagt sie das so: „Ich bin auch bei der Bildung von Zusammenhängen vorsichtig geworden.“

Aichinger zeigt, dass Sprachreflexion und Ethik zusammengehören. Damit war sie in ihrer Generation nicht allein, auch Kollegen wie Paul Celan oder eben Günter Eich zweifelten an der Tragfähigkeit der Sprache. Sie alle suchten ihre je eigene Antwort, Aichinger fand sie in exakt ausgeloteten Widersprüchen, in Konfrontationen von wörtlichem und übertragenen Sinn eines Wortes, in präzisen Bildern des Abschieds, des Verlusts und des Schmerzes.

Obwohl sie Gedichte schrieb und ihre Prosa poetische Qualitäten aufweist, lehnt sie den Begriff der Dichtung ab: „Dichtung klingt mir zu vage, zu sehr nach einer Wolke, die rasch zerblasen werden kann. Es wird immer um Genauigkeit gehen, die gerade im Bereich der Literatur leicht abhanden kommt.“

Nach Günter Eichs Tod im Jahr 1972 und dem ihres Sohnes Clemens 1998 veröffentlichte Ilse Aichinger immer weniger. Erst im Herbst 2000 begann sie mit Kolumnen für die Österreichische Tageszeitung „Der Standard“ wieder regelmäßig zu schreiben. In einem Zeit-Interview zu ihrem 75. Geburtstag, also vier Jahre zuvor, formulierte sie einen Anspruch, der zu diesen Texten passt: „Berichte schreiben, nichts Erfundenes. Genau sein. Kleine Dinge beobachten, Details. Punkte.“

Assoziative Reisen

Ihre Kolumnen erkunden die täglichen Wege in ihrer Heimatstadt Wien ebenso wie ihre Kindheitserlebnisse dort. Sie verknüpft Kinobesuche, Tramfahrten, Beobachtungen, Lektüren mit Erinnerungen – und mit Überlegungen zum Vorgang des Erinnerns.

Diese späten Texte geben direkter Auskunft über Aichingers Leben und ihre Ansichten als alles, was sie in jüngeren Jahren verfasste. Mancher Kritiker feierte das als Sensation. Und doch sind sie keine autobiographischen Berichte, sondern assoziative Reisen durch innere und äußere Topographien. Aichinger schrieb sie im Café, auf Fahrkarten, Zettel, auf Servietten.

Mit ihren kurzen spröden Texten, mit ihrem schmalen ?uvre ist sie kein lautstark gefeierter Literaturstar, aber eine der wichtigsten Autorinnen unserer Sprache. Alle, die sich am Pathos einer selbstgewissen Erinnerungskultur, am Wortschwall von TV-Historikern oder redseligen Nazi-Enkel-Romanen stören, sollten sie lesen.

Sofern sie es nicht längst tun. Man kann mit „Die Größere Hoffnung“ der jungen Ilse Aichinger beginnen oder den Zeitungstexten der über 80-Jährigen, mit der Prosa oder den Gedichten der mittleren Jahre: Man wird immer viel lernen. Über Sprache und Menschen, über die österreichisch-deutsche Vergangenheit und über die unterschiedlichen Möglichkeiten, mit all dem umzugehen.

Am 1. November wird Ilse Aichinger 90 Jahre alt. Sie lebt in Wien, wo sie immer noch fast täglich ihr Stammcafé aufsucht (Café Demel am Michaelerplatz) und häufig ins Kino geht, ihre große Leidenschaft.

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