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Ilija Trojanow / Christian Muhrbeck: Wo Orpheus begraben liegt Morgen ist auch noch ein Jahr

Wo Orpheus zuhause ist: Eine Reise nach Bulgarien mit dem Schriftsteller Ilija Trojanow und dem Fotografen Christian Muhrbeck.

01.08.2014 17:32
Von Sabine Vogel
Wie eine biblische Figur steht eine Frau mit herbschönen Zügen auf einer Müllhalde. Foto: Christian Muhrbeck

Wir kennen ihn als beredten Weltensammler (so auch der Titel seines 2006 mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichneten Romans über den „Nomaden auf vier Kontinenten Sir Richard Francis Burton), als Paddler den Ganges hinunter und furchtlosen Pilger nach Mekka, als charmanten Hansdampf in allen erdenklichen Globalisierungsforen, als Entdecker, Kompilierer, Essayist, Leitartikler, Mahner, Werber, als Übersetzer und Herausgeber bekannter und unbekannterer Autoren, als Filmer, Kolumnist, Kurator usw.; wie macht er das alles, wann schreibt der eigentlich, fragte man sich da schon manchmal.

Und dann reist Ilija Trojanow seit einigen Jahren auch noch immer wieder nach Bulgarien, wo er 1965 in Sofia geboren wurde. Zusammen mit dem Berliner Reportage-Fotografen Christian Muhrbeck, gefördert mit dem Grenzgängerstipendium der Robert-Bosch-Stiftung, ging die Reise in Trojanows „paprikaspätsommriges Zuhause“, in eine ferne, für uns fast archaisch abgeschieden wirkende osteuropäische Gegenwart, an den gerne sogenannten Rand von Europa.

Die beiden aber kommen nicht als journalistische Abenteuertouristen auf der Suche nach der exotischen Story vom Abseits. Sie kommen nicht als Fremde, sie werden dort mit den Leuten gegessen und getrunken haben, gelacht, geschwiegen, vielleicht geraucht, gehustet und gesungen haben mit Alina Stosiek und Lyudmila Dimova, mit Hassan Strakow, Kirill Ivanov und Familie Nesterov und einigen Leuten mehr, die in der Danksagung am Ende des Buches aufgeführt sind.

Trojanow hört zu, Muhrbeck sieht hin. Trojanow notiert O-Töne, Abbruchsätze, Impressionen. Er tritt als Autor zurück, enthält sich literarischer Besinnlichkeiten oder vermeintlicher Schönschreiberei. Er lässt die Leute selber reden, imitiert ein wenig ihren wortkargen Tonfall, die Gebetsmühlen stottern, die Zuhälter lügen, sprachlose Wut erzeugt keine Elegien.

Die Fischer, die früher Schlosser, Schweißer und Dreher waren, fischen am Donauufer gegenüber der Giftfabrik meistens nicht genug Fische, um ihr Bier bezahlen zu können. Trojanows leiser Bericht liest sich, als ob sich die Geschichten der Überflüssigen, Abgehängten und Abgewickelten wie von selber erzählt hätten nur weil mal einer zugehört hat. Und in den Grauwerten der Schwarz-Weiß-Fotos von Christian Muhrbeck scheint alles gezeigt über Armut und Hoffnungslosigkeit, Dreck, Scheitern, Resignation, und auch über den Überlebenstrotz, das Gelächter und die Wut und über die „vermaledeite Zeit“.

Dieses Bulgarien im Osten der Europäischen Union ist kein Urlaubsziel. Da will keiner hin, und keiner kommt von dort weg. Aberwitzige Denkmäler stehen in der Landschaft herum, wie von der Hand eines infantilen Greises im unbewohnbaren Niemandsland abgeworfen und dem Vergessen überlassen, surrealistische Dekorationen eines zum historischen Witz zerbröselten Alptraums, alte Baracken, neue Baracken, alte Menschen, junge Menschen, in einer Wiese ein Flugzeug auf einem Betonsockel gepflanzt, Blechgeschirr hält ewig, wie das Gift der stillgelegten Mine im Wasser und den Lungen der Zurückgeblieben. Morgen ist auch noch ein Jahr.

Trojanows Texte und die Fotografie von Muhrbeck über Hochzeiten, Beerdigungen und Dorffeste, über Stadtränder, Vororte, Nullorte und Nischen, sie begleiten sich gegenseitig, ohne sich illustrativ zu erklären. Immer bleibt ein Riss dazwischen, in den das Licht unserer eigenen Projektionen fallen kann. Statt zu illusorischen „Oasen der Magie“ geht der Weg mit einer jungen Reisereporterin in Zügen mit abgewetzten Sitzen zu Hinterwäldlern „am Arsch des Landes“.

Bei der Grabwache für einen verstorbenen Hundertjährigen besaufen sich alle, denn dadurch soll dessen Eintritt ins Jenseits geschmeidiger verlaufen. Die Hütten der Müllsammler haben milchige Plastikplanen anstelle von Fenstern. Sie nennen sich „Dale“, wahrscheinlich vom indischen „Dalit“, der Kaste der Unberührbaren, für sie ist Schrottsammeln „legale Arbeit“, denn nur dafür gibt es die 20 Lewa Kindergeld.

„Wer vom Müll lebt, wird zu Müll.“ Die Bretterverschläge sind zu niedrig, um aufrecht darin zu stehen. Musiker Zanko ist für eine Hochzeit nach Griechenland engagiert, 500 Euro!, dafür muss er sich rasieren, sein Rasiermesser ist weg, aber die Kinder finden eine Klinge im großen Depot. Wie eine biblische Figur steht eine Frau mit herbschönen Zügen auf der Müllhalde.

Wieso aber biblisch? Weil sie mit ihrer ausgestreckten Hand und dem Oberkörper, leicht von unten fotografiert, vorm Gutwetterhimmel wie eine antike Statue wirkt? Weil ihr Lächeln über das verwüstete Land triumphiert? Weil sie jene so gern bei Armutsgestalten bemühte heroisch-archaische „Würde“ verkörpert? Weil der Fotograf Komposition und Lichtregie beherrscht? Oder vielleicht doch, weil der umherirrende Sänger Orpheus in den aus balkanischen Ewigkeiten gemeißelten Furchenlandschaften dieser Gesichter Zuhause ist?

Christian Muhrbeck/Ilija Trojanow: Wo Orpheus begraben liegt. Hanser Verlag, München 2013. 224 Seiten, 24,90 Euro.

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