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Ian McGuire: Nordwasser Und alles kommt noch viel schlimmer

Figuren aus der Geisterbahn: Ian McGuires effekthascherischer Blut-im-Eismeer-Roman „Nordwasser“.

Eiswasser
Selbst das Eis randaliert in „Nordwasser“ von Ian McGuire. Foto: rtr

Hier geht ein Autor aufs Ganze und zielt aufs Große. „Sehet den Menschen“, heißen die ersten Worte des Romans „Nordwasser“, aber der, von dem im Folgenden hauptsächlich zu lesen ist, hat einen Gutteil von Menschlichkeit nie besessen oder aber schnell verloren. Henry Drax mit dem „borstigen Kopf“ tötet, wie andere atmen, und ein Kinderschänder ist er auch. Ungewiss, was ihn antreibt; und Ian McGuire will es auch gar nicht erklären. „Der Schmerz, den er verspürt, ist sein Körper, der zu ihm spricht.“ Vielschichtiger, präziser wird es nicht mehr.

Hier geht ein Autor aufs Ganze – und das umfasst in diesem Fall: Blut, noch mehr Blut, dazu andere Körperflüssigkeiten in allen Variationen, spritzendes Hirn, spritzender Dünnschiss, zäher, stinkender Eiter, noch mehr Blut. Eigentlich müsste das Leben erstarren, dort, wo der größte Teil des Romans spielt, aber alle paar Seiten dampft und schmiert wieder das Blut. Drax und der, der sein Gegenspieler werden wird, ein irischer Arzt namens Sumner, heuern auf einem Walfangschiff an. Das fährt dorthin, wo selbst das Eis randaliert und zum Mordschaos „gewaltige Paukenschläge“ beisteuert statt erhabene Stille.

„The North Water“ des 1964 geborenen Briten Ian McGuire war 2016 für den Booker Prize nominiert. Aber es ist ein Roman, bei dem man die Anstrengung spürt, etwas Unerhörtes, Überwältigendes zu schreiben. Etwas zu schreiben, von dem die Kritik meinen kann, es sei wie „eine Begegnung zwischen Joseph Conrad und Cormac McCarthy“ („New York Times Book Review“). McGuire bekommt das instinktgetriebene Monster, von dem er erzählen will, jedoch nicht wirklich zu fassen. Drax kratzt sich auf der Gass’ am Sack und leckt seine Finger einzeln ab, „um auch wirklich alles für sein Geld bekommen zu haben“, dann denkt er, im Ernst, an „den agnostischen Himmel von Yorkshire“. Sumner steht ihm nicht nach, er kontempliert „die Redundanz allen Fleisches“ und „die Hilflosigkeit von Gewebe“.

Die beiden gehören zur Besatzung der Volunteer. Zunächst schlachtet man Robben ab, dann Wale, man lagert alles ein und berechnet schon mal den guten Profit. Aber es kommt auch ein etwas blödianischer Schiffsjunge mit „Bauchweh“ zu Sumner, dieser stellt Missbrauch fest und entlarvt schließlich auch den Vergewaltiger. Und ein anderes Verbrechen deutet sich außerdem an: Der Kapitän soll das alte Schiff nach dem Willen seines Besitzers versenken – es ist eben altersschwach und vorzüglich versichert. Nahebei wartet bereits ein zweites Walfangschiff, der Kapitän ist eingeweiht und soll die Schiffbrüchigen aufnehmen.

„Nordwasser“ lässt keinen Zweifel: Das wird nicht übel ausgehen, sondern noch viel übler. Selbst das Hundchen an Bord schliddert bald in seinem Blut – ein Eisbärjunges hat es erwischt –, und der verschwundene Schiffsjunge taucht tot in einem Fass wieder auf, „gleich einer monströsen Pilzwucherung“. Wäre es für den Mörder nicht viel einfacher gewesen, ihn über Bord ins Eismeer zu schmeißen?

Alles ist Effekt in diesem Roman, Horrorspektakel. Vieles wird überstrapaziert. Manches klingt einfach nur falsch. „Sehet den Menschen“? Von einer Geisterbahn hat sich Ian McGuire seine Figuren ausgeliehen.

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