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I.J. Kay „Nördlich der Mondberge“ Und jede Putte heult

Panoptikum der Seelenwracks: „Nördlich der Mondberge“, der sensationelle Debütroman einer britischen Autorin, die sich I.J. Kay nennt.

05.06.2015 16:34
Sabine Vogel
Giraffe in Masai Mara, Ort der Träume von I.J. Kays ungewöhnlicher und ungewöhnlich gebeutelter Heldin. Foto: REUTERS

Gibt keinen Gott. Der Hund Sheba wird totgetreten vom Scheißkerl-Vater Bryce. Der fällt von einer Leiter und wird von Zaunlatten aufgespießt. Die Leiter führte zum Baumhaus, wo Kriegerin Lulu, so hieß sie damals, sich mit ihrem Baby-Bruder verschanzt und der Leiter, na ja, einen Schubs gegeben hat.

Als sie von der Halt-den-Mund-Mutter des Mordes beschuldigt wird, halluziniert sie wegen einer Fliegenpilzvergiftung, ist zehn Jahre alt und wiegt 20 Kilo. Sie kann keine richtige Syntax und keine Grammatik, aber kennt alle Pflanzen und Tiere, und sie kann laufen wie ein Rolls Royce. „Könnte rennen. Kein Wohin. Wumms. Haut mir fast den Kopf weg“. Die Trommeln werden lauter.

Die Masai Mara am Autobahnring bei London

Nach Abwasch, Bodenfegen und Baby-Bruder versorgen flüchtet sie sich aus dem gewalttätigen Säuferhaushalt in die Masai Mara. Die ist nicht in Afrika, wie es in dem vom Opa geschenkten Buch steht, sondern ein Brachgelände in den Vorstädten neben dem Autobahnring bei London. Dort hat sie ihren Speer versteckt und die rote Tischdecke, die sie sich über der Schulter verknotet.

Und dort hinterlässt der Sandwichman ihr manchmal was zum Essen. Er nagelt auch hölzernen Klötze in den Stamm der großen Buche, damit sie besser hochklettern kann. Und doch ist er es, der ihr das Angstspiel beigebracht hat.

Das ist nur eine der vielen Geschichten, die faulknerhaft polyphon und zwischen Gewalt und Lebensgier mäandern, an die sich die Protagonistin dieses grandios geschriebenen Buches bewusstseinsstromernd erinnert. Die Autorin I.J. Kay, eine Britin, die laut Klappentext in Bristol und in Gambia lebt und gerne auf einem Boot durch England schippert, verbirgt sich hinter einem Pseudonym. Auch ihre Heldin agiert unter vielen Namen, als Catherine Clark, Kim Hunter, Beverly Woods oder eben Louise Adler, genannt Lulu King.

Die erzählende, gut 30-jährige Heldin mit den vielen Identitäten – „Frag ich mich, wer ist ich?“– wird nach zehn Jahren Haft für einen danebengegangenen Pistolenschuss, der dem fett-verweichlichten Jungen Quentin bei einer Sex-Orgie das halbe Gesicht weggefetzt hat, entlassen. Sie bekommt eine eiskalte Wohnung im für Asoziale umgebauten Pfarrhaus zugeteilt, die sie mit Spiegeln, Sperrmüll und Wandgemälden möbliert. In einer Fabrik im Gewerbegebiet von Rose Green, wo es keine Rosen gibt und kein Grün, füllt sie jede Nacht Marmelade in Donuts. Wenn sie sich nicht doch noch vor der Schicht umbringt. Tut sie nicht.

Sie ist Kriegerin und ihr Programm heißt Überleben. „We haven’t come all this way to die out in the ordinary“. Dafür sterben ein halbes Dutzend andere. Kann sein, dass Lulu daran zum Teil nicht ganz unschuldig ist. Das Kissen auf Mamas Gesicht? Zimperlich geht es nicht zu in diesem Unterschichtmilieu.

Zum neunten Geburtstag hat sich Lulu gewünscht, für einen Tag in die Schule gehen zu dürfen. Das Gericht hat das eh angeordnet, aber die Mutter mimt lieber Liza Minelli am Klavier und bringt der Tochter eine verhackstückte Analphabetensprache bei.

Gerbrochen, verstümmelt, gestammelt wird die Sprache

Diese Sprache. „Meergras spricht Chinesisch“. Gebrochen, verstümmelt, gestammelt wird sie zur ratternden Erzählwaffe dieser versehrten Existenz zwischen Strafanstalten, Resozialisierungsheimen, Verwahrlosung und Chlorreiniger nach hungrigem Sex. Leute gucken sich gegeneinander an, statt gebracht wird etwas gebrungen – und umgebrungen.

Sie kann Kupplungen „reperieren“ und blitzschnell mit dem Messer umgehen, Kampfsport hat sie im Gefängnis trainiert. Sie ist gut in Pferdewetten, sie wird Croupier, da ist sie schon eine Bohnenstange von knapp 1,90 und oft zu müde, um die falschen Wimpern zu tragen. Und wohnt mit der „walisischen Schlampe“ Gwen zusammen, mit der ein weiterer Alptraum beginnt.

Und doch gibt es das Glück. Mit einer zäh erkämpften Entschädigung für einen Arbeitsunfall bricht sie auf nach Afrika, reist zu den ersehnten „Montbergen“, wo sie eine Freundin findet. Dieser Lynn, die 2001 auf dem Ben Nevis starb, ist dieser furiose, wohl also auch irgendwie autobiografische Roman gewidmet.

Immer wieder in diesem Panoptikum aus Seelenwracks gibt es nämlich ein paar, die der Liebe Lulus wert sind: Michael vom Töpferkurs, Danny Fish, der kommt. Dann geht er wieder.

Anton, „der samtiche Gentleman“ aus dem Ostflügel des Irrenhauses, im verfallenen Westflügel versteckt sich die jugendliche Lulu.

Und George. Der hängt sich auf. Und alle Engel schluchzen, jede Putte heult. Die Ungeheuer beißen sich in die Wade und weinen. Die Servierdame in der Kantine und der Gärtner weinen. So viel Traurigkeit.

Aber lustig ist diese literarische Rakete eben auch unentwegt. Zur Masai Mara reist die Kriegerin im Pauschalpaket mit einer schrulligen Rentnercombo. „Übergerascht, wie viel Glück wir haben. Wir pflanzen Zeit, so gut wir können.“ Der Galgenhumor und die anarchischen Formulierungen, die Vielstimmigkeit, der explosive Cocktail aus Zorn, Zärtlichkeit, Traum und Trotz, der kaleidoskopische Wirbel der Rückblicke, die jeden Sinn von Chronologie ad absurdum führen, all das erzeugt einen magischen Sound, dem man sich kaum entziehen kann.

Und weil sich so viele Popsongzitate darin finden, sei hier ausnahmsweise der Superlativismus der Popkritik erlaubt: Dies ist das irrste, verwegenste, betörendste, berührendste, kurzum, das tollste Buch des Jahres!

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