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Hühnerdiebe und andere Staatsfeinde

Nikolaus Wachsmanns kluges Buch über den Strafvollzug in Nazideutschland schließt eine Forschungslücke

17.01.2007 00:01
HORST MEIER

Auf dem Schutzumschlag sind mehrere Fotografien zu sehen. Oben, großformatig, die Rückenansicht eines Aufsehers in Uniformjacke, der eine Gittertür schließt. Darunter Polizeifotos, wie sie bis heute üblich sind - einmal Profil, einmal frontal. Der Gefangene links wirkt zart und durchsichtig: nackter Oberkörper, eingefallene Augenhöhlen, fein geschnittenes Gesicht; die schmalen Lippen deuten ein verzagtes Lächeln an. Der Gefangene rechts könnte ein Halbstarker aus den fünfziger Jahren sein: Scheitel mit schwungvoller Haartolle, Hemd und Jackett; der Blick um Fassung bemüht, doch überschattet von Angst und Schrecken.

Die Studie über den Strafvollzug im NS-Staat, die Nikolaus Wachsmann vorlegt, ist die erste Gesamtdarstellung. Wachsmann, geboren 1971 in München, lehrt in London Geschichte. Er schließt eine wichtige Forschungslücke. 1935 saßen mehr als 100 000 Häftlinge in 167 größeren Gefängnissen, 3500 Menschen waren in fünf SS-Lagern interniert. "Die berüchtigten KZ wurden... also von den ‚normalen' Justizanstalten vollkommen in den Schatten gestellt. Das sollte sich (bis 1943) nicht ändern."

Die Rolle der Justiz war tragender als bisher angenommen: "Das Dritte Reich wurde nie zu einem reinen Polizeistaat - Terror im NS-Regime hieß auch Justizterror." Richter, Ministerialbeamte, Gefängnisdirektoren und Wärter beteiligten sich nicht nur auf Druck von außen, sondern gleichsam kreativ am Terror gegen "Gewohnheitsverbrecher" und "Asoziale", gegen "Fremdvölkische" und politische Gefangene. Wachsmann legt das Behördengeflecht von Polizei und Justiz bloß, beschreibt begrenzte Konflikte und reibungslose Zusammenarbeit. War die Justiz anfangs darauf bedacht, für Fragen der Haft allein zuständig zu sein, ging man bald dazu über, angeblich gefährliche Häftlinge vor der Freilassung der Gestapo zu melden. Deren Vorbeugehaft war lebensgefährlich.

Der Autor analysiert die Entwicklung eines Regimes, das jeden Gedanken an die Würde des Menschen als "Humanitätsduselei" verachtete und sich im Krieg radikalisierte. Unterdessen mutierte eine zunächst noch an Normen gebundene Justiz immer mehr zu einer Institution des polizeilichen Maßnahmestaats. Mit Blick auf gewöhnliche Kriminelle, die heute wie damals einsitzen, formuliert Wachsmann einen Satz, den man sich merken muss: "Verbrechen an Verbrechern sind auch Verbrechen."

Ein Kapitel gilt dem Alltag "im nationalsozialistischen Gefängnis", der zwar zunehmend durch Hunger und Kälte, Zwangsarbeit und Misshandlungen, Krankheit und Tod geprägt war. Der aber, betont der Autor, größere Überlebenschancen bot als im KZ. Indem Wachsmann etwa aus Briefen zitiert, die von der Zensur angehalten wurden, verschafft er eine Vorstellung vom Leidensweg der Gefangenen.

Bis man unversehens die Gesichter vom Schutzumschlag wiedererkennt: Bretislaus Krejsa, geboren 1901, war einer von hunderten Tschechen, die als "Staatsfeinde" verfolgt wurden - das Abhören von "Feindsendern" genügte. Nach zwei Jahren U-Haft hatte Krejsa dreißig Kilo abgenommen. 1942 vom Volksgerichtshof für zehn Jahre ins Zuchthaus geschickt, verfiel er zusehends. Trotzdem zwang man ihn zu schwerer Arbeit in der Rüstungsindustrie. Er starb 1943 an Herzversagen.

Richard Franke, geboren 1906, zeitweise im Heim aufgewachsen und arbeitslos umherziehend, hatte man wegen Diebstahls vielfach verurteilt. Zuletzt zu fünfzehn Jahren Zuchthaus mit anschließender Sicherungsverwahrung - nur weil er Hühner und Kaninchen gestohlen hatte. Als "Asozialer" Ende 1942 der Polizei überstellt, wurde er ins KZ Mauthausen verschleppt. Keine zwei Monate später war er tot.

Mehrere tausend andere Sicherungsverwahrte teilten sein Schicksal. Aufgrund einer Abmachung zwischen Reichsjustizminister Thierack und Polizeichef Himmler wurden an die 20 000 Gefangene zur "Vernichtung durch Arbeit" erfasst: als "Unverbesserliche", als "fremdvölkische" Polen, als Sinti und Roma oder Juden. Später weitete man die Mordaktion aus. Ende 1944 schrieb das Justizministerium: "Bei verschiedenen Besuchen in den Vollzugsanstalten fallen immer Gefangene auf, die durch ihre körperliche Gestaltung den Namen Mensch gar nicht verdienen; sie sehen aus wie Missgeburten der Hölle. . . Es wird erwogen, auch diese Gefangenen auszuschalten." Die Befreiung kam für viele zu spät. Sie starben auf Gewaltmärschen oder wurden kurz vor dem Eintreffen der alliierten Soldaten ermordet.

Die Geschichte des Strafvollzugs in Nazideutschland, die Nikolaus Wachsmann schreibt, ist beeindruckend. Sie braucht den Vergleich nicht scheuen mit Werken wie dem von Richard Evans über die Geschichte der Todesstrafe in Deutschland oder dem von Michael Wildt über die Führungsriege im Reichssicherheitshauptamt. Für die Häftlinge dauerte das "tausendjährige" Reich wirklich tausend Jahre. So ist dieses Buch ein trauriges Buch. Es ist ein mitfühlendes Buch, das den Akten Lebenszeichen abgewinnt. Es ist ein kluges Buch, das den immensen Stoff souverän bewältigt, das spannend erzählt, kühl analysiert und vielschichtig argumentiert.

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