Lade Inhalte...

Homer „Keine Silbe zu viel, keine zu wenig“

Präzision, aber nicht Pedanterie, Freiheit, aber nicht Willkür: Der Philologe Kurt Steinmann über seine Übersetzung von Homers Ilias, über den Glanz der Versform, die Ethik der Götter und das Wunder eines elftägigen Friedens.

Homer
Skulptur des griechischen Dichters Homer am Eingang der Albert-Ludwig-Universität in Freiburg. Foto: Imago

Herr Steinmann, gleich, in welcher Übertragung man den Anfang von Homers „Ilias“ kennen mag – er ist bislang stets falsch übersetzt worden. Auch weil man die Göttin singen lässt. Stimmt das? „Göttin, singe vom Zorn“, heißt es in früheren Fassungen. Sie haben es anders übersetzt.
Das ist eine Aussage von Raoul Schrott. Er hat die Göttin zur Muse umgedeutet. Aber seine Version hat sich nicht durchgesetzt, von ihr ist nicht mehr die Rede. Ja, üblicherweise wurde der Beginn mit „Zorn“ übersetzt: „Singe vom Zorn“. Ich habe es mit „Ingrimm“ übersetzt, Schrott verwendet „Bitternis“. Aber hier geht es um einen tief festsitzenden Trotz, Groll mit der Färbung zum Hass, verbunden vor allem mit dem Stolz, nicht mehr mitmachen zu müssen. Die Göttin wird angerufen, weil der Dichter meint, nicht über das Wissen zu verfügen, das er bräuchte, um all die verwinkelten Fakten zusammenzubringen. Dieser griechische Topos kommt mehr als einmal vor. Da entlastet sich der Dichter im Grunde genommen etwas von der Verantwortung.

Sie haben beide Epen übersetzt. Die „Ilias“ gilt als das etwas sperrigere Epos im Vergleich zur „Odyssee“. Warum ist das so?
Erstens könnte es auch an der Länge liegen, wenngleich ich die Meinung nicht teile. Die „Odyssee“ hat 12 110 Verse, die „Ilias“ hat 15 693 Verse, also weit mehr. Die „Odyssee“ ist bunter, abwechslungsreicher, erzähltechnisch raffinierter. Beschäftigt man sich allerdings näher mit der „Ilias“, entdeckt man, dass sie ebenfalls wunderbar erzählt ist. Das ist nicht so raffiniert mit den Rückblenden wie in der „Odyssee“. Aber es gibt viele Einlagen, und viele spätere berühmte Sagen, etwa um Herakles, Ödipus, sind da schon im Kern enthalten. Die „Odyssee“ ist zugänglicher, aber die „Ilias“ ist vielleicht etwas wuchtiger, sie ist stärker, hat eine ungeheure Kraft. Die „Ilias“ hat etwas, was die „Odyssee“ nicht hat, sie ist näher bei den unverstellten Wurzeln des Menschseins.

Was hat Sie an der Übersetzung gereizt?
Der Anreiz ist für jeden Übersetzer, der ein großes literarisches Werk anpackt, es besser zu machen als die Vorgänger. Worin besser? In der Präzision. Ich nehme den Text sehr ernst. Ich nehme den Text als Dokument. Schadewaldt, einer der Übersetzer, hat sein Verfahren als dokumentarisches Verfahren bezeichnet. Das heißt Vollständigkeit, nichts weglassen oder hinzufügen, das Bewahren der Bilder und Vorstellungen und auch ihrer Reihenfolge. Das hat er 1958 in der Prosa-Übersetzung der „Odyssee“ geleistet. Viel später hat er dann bei der „Ilias“ im Jahr 1975 sich abgewandt von der Prosaform, hat allerdings keine Hexameter-Form gewählt, sondern eine rhythmisierte Prosa. Es ist ihm wahrscheinlich bewusst geworden, dass seine Prosa-Fassung zwar sehr, sehr genau ist und er dem deutschen Lesepublikum damit erstmals vermittelt hatte, was wirklich in der „Odyssee“ steht, aber auch, dass sie nüchtern und glanzlos war. Gleichmaß gehört zum Wesen der epischen Dichtung. Die äußere Form des homerischen Epos ist mit ihrem Inhalt untrennbar verbunden. Der Hexameter verleiht dem Vers einen fließenden Rhythmus und einen Glanz, den die Prosafassung nicht leisten kann. Das war mein Anspruch, ob er hier eingelöst wurde, müssen andere entscheiden. Aber man ist nie vollkommen als Übersetzer.

Ihr bestes Hilfsmittel?
Ich habe sehr von meinen Vorgängern, aber auch vom Basler Kommentar profitiert. In Basel ist ein umfassender Kommentar zur „Ilias“ im Entstehen. Es ist etwas ganz Grandioses. Jede Textstelle der „Ilias“ wird sprachlich, inhaltlich, kulturgeschichtlich, archäologisch bearbeitet. Für jedes Buch werden Bände vorgelegt. Die Reihe ist längst nicht am Ende.

Es gab ja schon einige Übersetzer wie den Klassiker von Johann Heinrich Voß, 1793.
Natürlich wird Voß heute noch am meisten gelesen. Es gibt einprägsame Formeln, aber wenn wir genauer hinsehen, erkennen wir, dass Voß oft nicht direkt am Text ist und seine rhythmische Form dem außerordentlichen Lakonismus Homers nicht gerecht wird. Es ist eine Art Verinnigung und Verherzlichung, ein typischer Idyllenton ist bei Voß festzustellen im Geiste des Pietismus. Es ist schon schön, man kann Voß auch heute noch lesen und sich daran ergötzen, aber man muss wissen, dass er den Text oft nicht richtig erfasst und rhythmisch auch verfehlte Bezüge aufweist.

Wie sehen Sie Ihre Übersetzung im Vergleich mit jener Raoul Schrotts, der 2008 eine sehr provokante Übertragung lieferte?
Ja, er hat eine sehr provokante Übersetzung gemacht. Und wer heute provoziert, findet Beifall, zumindest Echo und Aufmerksamkeit. Die Art, wie Schrott gearbeitet hat, missfällt mir und den Philologen, zumindest größtenteils. Ein Beispiel: Im fünften Buch der „Ilias“ gibt es eine Stelle, wo die wörtliche Übersetzung so lauten würde: „Schande, Griechen, ganz üble Schandbuben oder Memmen, wunderschön in Bezug auf das Aussehen.“ Ich habe das sehr deftig übersetzt: „Schmach euch, Agaier, ihr feigen Säcke, im Aussehen so blendend.“ Und Raoul Schrott: „Schande über euch, bloße Gipsfiguren seid ihr Griechen, taugt nur für einen Tempel.“ Das ist nicht übersetzt, sondern fantasiert. An anderer Stelle begann es schlicht: „Da begann Athene, die funkeläugige Göttin ...“ Daraus macht Schrott: „Vor allem Athene machte Augen, als könnte sie kein Wasser trüben.“ Da merken Sie, dass das mit Homer nicht mehr viel zu tun hat. Das ist eigenes Dichten, nicht Übersetzen.

Sie haben auch Veränderungen gemacht. Statt „Nicht sinne auf Trug“ übersetzen Sie: „Suche doch nicht, derart zu schwindeln.“ Warum diese Veränderung in der Übersetzung?
Es geht um den griechischen Begriff, der List bedeutet. Es ist üblich zu sagen „Trug“ oder „Trugrede“. Das Wort „Schwindel“ liegt uns natürlich näher, als wenn ich sage „Trug“. Ich kann sagen „Lug und Trug“, aber „Trug“ allein ist ungewöhnlich. Wenn wir uns unterhalten, spreche ich zwar vom Betrug, aber nicht von „Trug“. Ich bin näher bei der gesprochenen Sprache, ohne in den Jargon zu verfallen. Ich folge darin im Prinzip dem Philologen Friedrich Schleiermacher (1768-1834), der fremden Sprache so nahe zu bleiben, wie es die eigene erlaubt. Man darf das Fremde stehenlassen, aber nicht befremden. Wichtig ist es, dass man präzise ist. Präzision, aber nicht Pedanterie, Freiheit, aber nicht Willkür, sind meine Übersetzungsprinzipien.

Die „geflügelten Worte“ machen Sie zu „gefiederten“. Warum?
Das ist nicht meine Erfindung, sondern die vom Archäologen Roland Hampe, der im Übrigen bei Reclam eine ganz passable Übersetzung geleistet hat im Jahr 1979. Wir kennen alle die „geflügelten Worte“. Aber hier geht es nicht um die Fittiche, die Federn eines Vogels, sondern es geht um die Federchen am Pfeil, die den Flug des Pfeiles stabilisieren. Es ist eine andere Vorstellung.

Warum fasziniert uns „Ilias“ auch heute noch so und wie konnte es sein, dass solch ein Werk schon so früh entstehen konnte?
Das ist wirklich ein Geheimnis. Es gibt die biologische Theorie, von Aristoteles begründet, dass Dichtung in kleinsten Anfängen beginnt und allmählich wächst, erblüht und gedeiht. Aber hier steht gleich am Anfang ein solches Monument. In der Dramatik ist es ähnlich, das erste erhaltene Werk sind die „Perser“ 472 v. Chr., auch ein vollendetes Werk. Wir wissen nicht, was es vor der „Ilias“ an epischen Gesängen gab. Aber sicher nie ein solches Werk. Es ist ein Wunder, dass es etwa um 720 v. Chr. entstanden ist und eine Zeit schildert, die 500 Jahre vorher sich abspielte. Es setzt die Schriftlichkeit voraus, ohne die Schrift die Phönizier wäre das nicht möglich gewesen. Das Ganze ist so subtil und genau verfasst, es ist so organisch gewachsen, dass man nichts herausbrechen kann, ohne dass das Ganze großen Schaden nimmt.

Was kann uns die „Ilias“ heute lehren? Sie handelt vom Krieg, der Zerstörung. Sie begeistert und scheint uns zugleich zu warnen.
Das empfinde ich auch so. Man darf sicher nicht so weit gehen, sie als pazifistisches Werk zu betrachten oder als Aufruf zum Krieg. Aber sicher ist sie kein martialisches Epos, das den Krieg verherrlicht. Die Darstellung des Krieges als sinnlose Katastrophe finden wir eher darin. Was lehrt sie uns? Das Kriegsepos befasst sich größtenteils mit Töten und Sterben und schildert den Tod von rund 250 Kriegern. Auffällig ist, dass dreimal so viel Trojaner wie Achaier in der „Ilias“ ihr Leben lassen. Es ist ein Epos des Tötens. Die Tötungspraxis wird im Detail und drastisch beschrieben. Der Autor will einen Realismus erreichen, als wollte er sagen: Genauso schrecklich ist der Krieg. Die „Ilias“ endet aber nicht mit dem Tod von Achill, nicht mit der Einnahme Trojas.

Was erwartet uns am Ende?
Im 24. Gesang steht die Auslösung der Leiche Hektors durch seinen greisen Vater, da geschieht etwas ganz Gewaltiges. Achill wurde von Christa Wolf in ihrem Roman „Kassandra“ das Vieh Achill genannt, er benimmt sich ja auch viehisch. Neun Tage schleift er Hektors Leiche dreimal um den Grabhügel Patroklos’. Oder er lässt 20 Troer zum Töten abführen. Ein furchtbares Berserkertum, ein Blutrausch. Am Schluss jedoch steht etwas ganz anderes. Die Götter beschließen aus ethischen Gründen, dem Treiben ein Ende zu setzen. Achill wird aufgefordert, Priamos, den Vater Hektors, zu empfangen und dessen Sohn auszuliefern. Eine wunderbare Begegnung der beiden im Leid vereinten Männer. Achill leidet wegen Patroklos’ Tod, Priamos trauert um seinen Sohn. Aber der Zorn des Achill verwandelt sich in eine neue Menschlichkeit, eine des Erbarmens, der Mäßigung und der Versöhnung. Hektors Leiche wird zur Bestattung freigegeben. Ein elftägiger Waffenstillstand wird beschlossen, im Gesang wird die Leiche bestattet. Danach geht das Töten weiter. Aber immerhin elf Tage wird Menschlichkeit geübt. Der Held, der vom ersten bis zum 18. Tag abwesend war und grollte, findet zurück zur Menschlichkeit. Als Hektor in den Kampf mit Achill ging, sagte er zu seiner Frau: Aber dem Todeslos ist noch keiner entronnen, sobald er geboren wurde. Jeder muss sterben. Es ist fast philosophisch geprägt.

Eine Szene, die Sie gefesselt hat.
Auch die Schildbeschreibung im 18. Buch hat mich gefesselt. Achill wird eine neue Rüstung von Hephaistos geschmiedet. Auf seinem Schild sind 180 Verse der Gesellschaft der Zeit gewidmet. Nur zehn Verse sind dem Krieg gewidmet. Wir bekommen einen Einblick in die Zivilisation vor ungeheuer langer Zeit.

Gab es eine Szene, an der Sie sich die Zähne ausgebissen haben?
Es gab solche Szenen, ja. Ich versuche, es am selben Tag zu lösen. Ich unterbreche dann, gehe vielleicht etwas spazieren, bedenke das Ganze. Schwierig war es immer, das Gleichmaß zu wahren, den Hexameter. Keine Silbe zu viel, keine zu wenig. Es hat sich dann bei den 16.000 Versen herausgestellt, dass einige Verse, nicht viele, einen Versfuß zu viel oder zu wenig hatten. Eine sehr tüchtige Lektorin des Verlags hat mich darauf aufmerksam gemacht.

Interview: Michael Hesse

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum