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Homer Der Herr der Lügen

Emily Wilsons staunenswerte „Odyssee“-Übersetzung ins Englische.

Kirk Douglas in "Die Fahrten des Odysseus", 1954
Kirk Douglas als Homer-Held im US-Spielfilm „Die Fahrten des Odysseus“, 1954. Foto: epd

Verschiedentlich habe ich bereits die neue Übersetzung der „Ilias“ von Kurt Steinmann gepriesen. Sie ist gut!, sprachlich sehr versiert, ungemein umsichtig.

Aber jetzt habe ich Emily Wilson entdeckt, britische Altertumswissenschaftlerin, Professorin in Pennsylvania, geboren 1971. Sie hat die „Odyssee“ ins Englische übersetzt. Das Buch erschien Anfang November, die erste Auflage war schnell vergriffen. Aus guten Gründen. Denn diese „Odyssee“ klingt, als wäre sie ein Stück Gegenwartsliteratur. Wilson ist sprachlich nie flapsig, aber sie klammert sich auch nicht an harzige, holprige Wörter. Sie gibt der „Odyssee“ zurück, was sie im altgriechischen Original ist und was im Englischen das Gefühl fürs „storytelling“ meint. Den Spannungsatem einer großen Geschichte. Wilson verabschiedet sich nicht nur von unnötig antikisierenden Begriffen, sie schiebt den gesamten ideologischen Ballast beiseite, der früheren Übersetzungen oft um den Hals gehängt wurde. Hier tritt kein Homer als Vorbereiter des Christentums auf, hier wird keine angeblich idyllische Antike beschworen. Hier ist Odysseus auch kein anzuhimmelnder Held, sondern ein „Lord of Lies“, ein Herr der Lügen, sprich ein Erzähler, Erfinder, Erdichter.

So frei, so frisch war noch kein Blick auf Homer und Odysseus. Nicht zufällig: Dies ist die erste Übersetzung der „Odyssee“ von einer Frau, seit das Buch 1615 erstmals auf Englisch erschien, damals übertragen von George Chapman. Emily Wilson hat im Sommer in einem Beitrag für die Tageszeitung „The Guardian“ selbst darauf hingewiesen, dass das Übersetzen antiker Texte wie übrigens auch das Verfilmen der antiken Stoffe in Hollywood fest in der Hand weißer Männer ist – und es jetzt aber Frauen wie Pamela Mensch, Caroline Alexander, Josephine Balmer und sie selbst gibt, die sich das Lesen, Denken und Übersetzen nicht mehr diktieren lassen, die auch nicht mehr auf Anerkennung in einem akademischen Männerzirkel zählen. Homer wird damit nicht zum wack’ren Vorkämpfer eines heutigen Feminismus, schon gar nicht zum Verbündeten der Gender-Studies, sondern zum Dichter für alle und jeden, zum Zeitgenossen wie zum Zeitzeugen einer uneinholbaren Vergangenheit.

Homer von einer Frau übersetzt bedeutet auch, die Vieldeutigkeit der Texte zu erhalten. Wieder und wieder könne man Homer übertragen, hat Wilson in einem Interview gesagt, und dabei wieder und wieder Neues entdecken, „das sagt doch was“. Es sagt zum Beispiel, dass Übersetzen aus der immergleichen Perspektive dem Reichtum der Vorlagen nicht gerecht wird.

Es gibt übrigens, wenn ich recht sehe, bislang keine deutsche Übertragung der „Odyssee“ oder „Ilias“ von einer Frau.

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