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Holocaust Willige Vollstrecker in Europa

Christian Gerlachs Geschichte der Vernichtung der europäischen Juden weist der zeitgeschichtlichen Forschung neue Perspektiven.

Konzentrationslager Auschwitz
Das Foto entstand im Winter 1945, in den Tagen nach der Befreiung von Auschwitz. Foto: AFP

Wer über Täter als Vollstrecker der Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg sprechen will, sollte seinen Blick nicht allein auf Deutsche richten. Das reicht nicht. Mit dieser Empfehlung, die eigene Perspektive zu weiten, startet der Historiker Christian Gerlach seine aktuelle Studie über „den Mord an den europäischen Juden“. Eine Untersuchung, die sich wie eine Zäsur für das großflächige Forschungsfeld lesen lässt. Denn Gerlach setzt seine These wie einen Pflock: „Die Gewalt gegen Juden während des Zweiten Weltkriegs war nicht nur geographisch von europäischem Ausmaß, sondern hatte auch eine europäische politische Dimension über das deutsche Handeln hinaus.“ Liefern will er ausdrücklich „eine Synthese, keine Gesamtdarstellung, die alle Aspekte des Themas behandelt“. So nimmt er sich vor, unterschiedliche Opfergruppen zu benennen, um sie nicht in einer Bilanz verschwinden zu lassen.

Der Historiker, Professor für Zeitgeschichte in globaler Perspektive an der Universität Bern, wagt einen Bericht über die Ermordung der europäischen Juden, und erwähnt in diesem Zusammenhang auch andere Gewalttaten: Neben dem Mord an sechs Millionen Juden auch den an drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen. Und er führt Sinti und Roma, Zwangsarbeiter, Partisanen und Behinderte als Opfergruppen an.

Gerlach erzählt keine Einzelschicksale. Vielmehr macht er seine eher nüchtern wirkende Darstellung an Fakten und Statistiken fest: In einer Tabelle listet er verschiedene Opfergruppen und „Zeiträume der größten Vernichtung“ auf. In der ihm eigenen und an den Historiker Raul Hilberg erinnernden, betonten Sachlichkeit, die ihm den Vorwurf fehlender Empathie eingebracht hat, notiert er: Allein in den „größten nichtjüdischen Gruppen starben drei Millionen sowjetische Kriegsgefangene.“ 

Gerlach steckt zunächst das Panorama ab, das heute die Forschung der Ermordung der europäischen Juden bestimmt. Er will Verantwortlichkeiten unter den Tätern genauer und auch jenseits der Grenzen von „denen Oben“ und „denen Unten“ markieren. Gerlach baut in diesem Zusammenhang deutscher Besatzungspolitik in Europa auf seinen, einer gleichnamigen Studie den Titel gebenden Begriff der „extrem gewalttätigen Gesellschaften“. Bei der Ermordung der Ausgegrenzten wirkten die Deutschen und ihre Verbündeten in besetzten Gebieten zusammen. Daher scheint es Gerlach geboten, „das Muster der Besatzungspraxis zu verstehen“. Denn bei allen Unterschieden „teilten die mit Deutschland verbündeten und die meisten von ihm besetzten Länder weitgehend bestimmte politische Merkmale: Dazu gehörten glühender Nationalismus, ein biologisches oder organisches Verständnis des Volkes (...) und ein korporatives Gesellschaftsbild“. Deswegen spreche er auch von einer „partizipatorischen“ Dimension: „Der Massenmord wurde von diversen Initiativen und Interessen vorangetrieben, die sich zu einem Angriff gegen Juden bündelten.“ Für sie galt der vorauseilende Gehorsam als Ausweis der Ergebenheit.

Der Autor gliedert seine, vor einem Jahr auf Englisch erschienene Abhandlung in drei Teile, in denen er Ursachen, Ereignisse und Dimensionen beleuchtet. Seine Untersuchung bearbeitet den Zusammenhang von Krieg, Ernährung und Völkermord. Diesen Kontext hat er bereits in seiner überaus materialreichen Studie „Kalkulierte Morde“ über die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland hervorgehoben. Es geht ihm um Massenmord, Bekämpfung von Partisanen, die Strategie des Verhungerns und die Möglichkeit, Deutsche in diesen besetzten Gebieten anzusiedeln. Dieses Bündel von Motiven findet der Autor gerade im Zusammenhang mit dem 1941 einsetzenden Feldzug wieder: „Eine große Zahl sowjetischer Kriegsgefangener ließ man als Teil des Plans, die UdSSR in einem einzigen Ansturm zu besiegen, verhungern“. 

Gerlach will den Kanon der Betrachtung erweitern und lenkt den Blick darauf, dass es nicht allein den Befehl zum Töten von der Spitze der Bürokratie gegeben hat. Vielmehr gab es „eine Kultur, in der Befehle häufig vage formuliert wurden, damit Soldaten und niederrangige Offiziere Raum für eigene Entschlüsse erhielten“. In diesem Sinne empfiehlt Gerlach auch, die Frage nach antijüdischen Motiven der Täter, die in der Kontroverse um den US-Historiker Daniel Goldhagen eine bedeutende Rolle spielte, weiter zu fassen. Diese Denkweise sei für Erklärungen zwar „wichtig, erklärt aber nicht, Eugenik, Geburtenförderung, Euthanasiemorde, Militarismus, Expansionismus oder Rassenpolitik gegen Sinti und Roma, Farbige, Slawen oder ,Asoziale‘“. 
Ausdrücklich rät er davon ab, einzelnen Ländern „eine einzige beherrschende Form“ des Antisemitismus zuzuordnen, etwa den ,rassischen Antisemitismus‘ in Deutschland. Vielmehr habe es „gleichzeitig verschiedene Stränge“ eines solchen Denkens gegeben, die „überall miteinander verwoben waren.“

Gerlach hat eine überaus lesenswerte Studie vorgelegt, die Ansporn für weitere Debatten ist. Etwa darüber, dass der Mord an den Juden eine Tat vieler Menschen mit unterschiedlichen Motiven gewesen ist. Die Verfolgung konnte funktionieren, weil „die Führung selbst unter Beamten, militärischen Dienststellen und SS- und Polizeikräften politische Macht verlieh“. 
Für Gerlach gibt es „gute Gründe, etwas mehr über nichtjüdische Opfer zu sprechen und die jüdischen Opfer nicht ständig ins Zentrum zu stellen, wenn man über deutsche Gewalt spricht.“

Damit würde in den Fokus der Betrachtung rücken, dass der Krieg von vornherein als Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion geführt worden ist und damit der von den Nazis stets herausgehobene Zusammenhang in ihrem Denken zwischen Juden und Bolschewismus zentral war. Ausdrücklich verweist Gerlach in seiner ausgezeichneten Studie auf Kroatien, Rumänien, Ungarn – Länder, die Massenmorde an den Juden organisierten und die Nazis bei der Ermordung von Sowjetbürgern eilfertig unterstützten. Hitlers Helfer wollten die Juden und den Bolschewismus vernichten. 95 Prozent der Opfer, das hebt Gerlach hervor, starben erst nach dem Einmarsch in die Sowjetunion.

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