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Hörbücher Von Menschen und Schildkröten

Sorgen und eine Möglichkeit: Überzeugende Hörbücher zu Texten von Arno Frank, Thomas Melle und Elizabeth Shaw.

Arno Frank
So und jetzt kommst du von Arno Frank.

Zum Lachen und zum Weinen. Der Satz, der Buch und Hörbuch den Titel gab, klingt so gönnerhaft, wie er gemeint ist: Arno Frank begibt sich in die Perspektive eines Kindes in den 80er-Jahren, dessen Vater sich als großer Durchblicker präsentierte. Wenn der Mann mal wieder darüber schwadroniert hatte, wie er die Welt durchschaut und welche nächsten Projekte jede Menge Kohle bringen werden, dann schloss er mit den Worten: „So, und jetzt kommst du.“. Doch der Junge und seine beiden Geschwister spielen keine wichtige Rolle im Leben dieses Mannes. Der braucht Statussymbole – eine Villa, ein großes Auto. Dass er in Deutschland als Hochstapler auffliegt, stoppt ihn nicht, die Familie zieht weiter nach Frankreich und Portugal.

Arno Frank erzählt diese – leider wahre – Geschichte des Aufsteigens und Vergehens mit vielen zeittypischen Details in kurzen Kapiteln als Roadtrip mit größer werdenden Stolperstellen. Devid Striesow nimmt mit wandelnder Stimme den Hörer mit an die Cote d’Azur und in das schlichte Zimmer eines Lissabonner Hostels. Er lässt aalglatte und komplizierte Typen aufkreuzen. Dabei bleibt auch er in der Perspektive des staunenden, zunehmend verwirrten Kindes. Wer wird schon dem eigenen Vater misstrauen? Dieses Hörbuch ist zum Lachen und zum Weinen.

Der eine und wir anderen . „Der erste Aufenthalt in einer Psychiatrischen Klinik ist meist traumatisch“, liest er. Und: „Lasse also, der du eintrittst, alle Selbstbilder fahren.“ Von der Psychiatrie hat man schon gelesen und gehört, aber nicht so. Thomas Melle ist über Jahre anderen seltsam vorgekommen, hat Freundschaften aufs Spiel gesetzt, Freundinnen enttäuscht, die eigene Arbeit zerstört. Über Jahre war er unendlich produktiv und ideensprühend, hat dann immer wieder den Punkt des Erträglichen überschritten. „Das Hirn stürzt herrenlos davon.“

Der Schriftsteller Thomas Melle leidet er an einer bipolaren Störung. Diese Krankheit lässt sich nicht wie ein Beinbruch diagnostizieren. Sie hat in sein Leben eingegriffen, lange bevor er sie benennen konnte. Mit dem Buch „Die Welt im Rücken“ holt sich der Autor die Bestimmung über sich selbst zurück – in radikal direkter Sprache. Im vergangenen Jahr erschienen, kam es auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis. In diesem Jahr folgte das Hörbuch. Melle liest es selbst. Man kann nicht aufhören zuzuhören, und man versteht: Er schreibt nicht nur von sich, sondern auch von uns, der Gesellschaft.

Putzi und die bummelnde Bettina. Elizabeth Shaw (1920-1992), die Irin aus der DDR, hat ein umfangreiches grafisches Werk hinterlassen. Aber das kennen nur noch wenige Eingeweihte. Sie schuf Dutzende Kinderbücher mit eindeutigen Figuren in klaren Farben, meist vermenschlichte Tiere voller Liebreiz. Wer sich an sie erinnert, hat die Bilder sofort vor Augen. Wie märchenhaft wunderlich und fabelhaft lehrreich die Geschichten dazu waren – und sind! –, führt nun dieses Hörbuch vor Ohren. Eingängige Stimmen wie Anna und Katharina Thalbach, Dieter Mann und Volker Kaminski lesen von Putzi, der einen Pokal gewann, von der bummelnden Bettina und von der Schildkröte, die zum Geburtstag lauter unpassende Geschenke bekommt, aber sich dennoch freut. Damit kann ein Kind einschlafen oder den Tag beginnen. Die handelnden Tiere und (wenigen) Menschen wirken wie Geschwister mit ihren kleinen Sorgen und verqueren Ideen.

Kinderbuch-erfahrenen Eltern und Großeltern mag es unglaublich klingen, aber man braucht die Bilder von Elizabeth Shaw gar nicht. Ihre Geschichten haben auch ohne die Illustrationen ihren Reiz. Da geht es uns wie der Schildkröte: Sie ließ sich von jedem Gast etwas erzählen und war froh.

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