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Hitler’s American Model Die Nazis lernten von den USA

Ein Buch über der Entstehung der Rassengesetze der Nazis: Es belegt, dass Hitler fasziniert war von der amerikanischen Rassentrennung.

Ku-Klux-Klan
Ku-Klux-Klan-Mitglieder in Atlanta, 30er Jahre. Foto: afp

Die Nationalsozialisten waren fasziniert von den USA. Man kann das in den verschiedensten Veröffentlichungen von Hitlers „Mein Kampf“ bis zu begeisterten Reiseberichten in der nationalsozialistischen Presse der 30er Jahre lesen. Der 1957 geborene James Q. Whitman ist Rechtsanwalt und Professor für Ausländisches Recht und Vergleichende Rechtswissenschaft an der Yale University. Er hat Anfang des Jahres ein Buch vorgelegt, in dem er zeigt, wie genau nationalsozialistische Juristen sich ansahen, wie US-Juristen und US-Politiker Fragen des Staatsbürgerschaftsrechts behandelten.

Die USA sind in diesen und noch mehr in der Behandlung der sogenannten Rassenfrage ein immer wieder konsultiertes Vorbild für die in den Nürnberger Gesetzen von 1935 kulminierende rechtliche Entwicklung. Whitman verfolgt die zu den Rassengesetzen führenden Debatten auf den einschlägigen Tagungen und in den Zeitschriften. Das Buch ist dem „Geist von Louis B. Brodsky“ gewidmet. Brodsky (1884-1970) spielt in der von Whitman erzählten Geschichte eine zentrale Rolle. Er war jener Friedensrichter, der 1935 die Männer freisprach, die während einer Anti-Nazi-Kundgebung die Hakenkreuzfahne vom Schnelldampfer Bremen, der im Hafen von New York lag, gerissen hatten. Die deutschen Behörden verlangten eine Entschuldigung. Der US-Außenminister erklärte Nazi-Deutschland sein „Bedauern“. Aber nicht so Brodsky.

Gefallen an den Segregationsgesetzen

Whitmans Held ist Brodsky. Die Protagonisten seiner Geschichte sind andere. Das sind die deutschen Juristen, die sich bemühen, eine Rassengesetzgebung zu entwickeln und es sind die amerikanischen Juristen, die sie bereits praktizieren. Die Idee, dass „Vermischung“ eine Rasse schwäche, dass eine der wesentlichen Aufgaben der Politik daran bestand, die Bevölkerung möglichst reinrassig zu halten oder wieder zu machen, war kein Nazi-Einfall. Es war eine weit verbreitete Vorstellung der hundert Jahre zwischen Gobineau und Auschwitz. Überall auf der Welt. Die Immigrationsgesetzgebung der USA fand Hitlers Beifall. Ebenso all die Verfahren, mittels derer dort Schwarze, Filipinos, Chinesen und Japaner de jure und/oder de facto in Bürger zweiter oder dritter Klasse verwandelt wurden.

Den Nazis gefiel wahrscheinlich besonders der Zynismus, mit dem amerikanische Juristen die Verfassung Verfassung sein ließen und sie mit immer wieder neuen Gesetzen und Verordnungen unterliefen. Allerdings war genau das auch ihr Einwand gegen die USA. So sehr sie deren Rassismus begrüßten, so sehr missfielen ihnen zwei Dinge: Er richtete sich in erster Linie gegen Schwarze statt gegen Juden und er wurde nicht wirklich offen installiert.

Whitman weist darauf hin, dass in den von ihm behandelten ersten Jahren der Naziherrschaft die Vernichtung der Juden noch nicht das Ziel war. Mit den Nürnberger Gesetzen wird den Juden das Leben erschwert, nicht genommen. Die amerikanischen Gesetze, an denen die Nazis Gefallen fanden, waren Gesetze, die die Bürgerrechte aller Nicht-Weißen zum Teil beträchtlich einschränkten und das immer mehr taten. Es waren nicht die Lynchpraktiken des Ku-Klux-Klan, auf die die Nazi-Juristen sich bezogen. Es waren Immigrations- und Segregationsgesetze. Am 4. Juli 1776 erklärten die dreizehn Vereinigten Staaten von Amerika in ihrer Unabhängigkeitserklärung, dass alle Menschen gleich geschaffen sind. Erst am 2. Juli 1964 – mitten im Vietnamkrieg – erklärte der damalige US-Präsident Lyndon B. Johnson, dass Hotels, Kinos, Einkaufszentren, Bäder, Bibliotheken, alle öffentlichen und öffentlich zugänglichen Einrichtungen „Farbigen“ den Eintritt nicht mehr verwehren durften. Ihnen durften auch keine Sonderplätze mehr zugewiesen werden. Das erst war das Ende der Rassentrennung.

Rassisch gemischte Ehen nicht anerkannt

Die Preußische Denkschrift zur Strafrechtsreform, entstanden unter der Federführung des späteren Präsidenten des Volksgerichtshofs, Roland Freisler, erschienen im Sommer 1933, bezieht sich ausdrücklich auf amerikanische Vorbilder. Vor allem, was das „Blutrecht“ angeht, die Regelungen also, die der „Vermischung“ gegensteuern sollen. Es gab damals, das betont Whitman, überhaupt keine andere Gesellschaft, von der die Nazis in dieser Sache hätten etwas lernen können. Einzig die USA hatten eine breite Palette juristischer Techniken entwickelt, die Bevölkerung in rassisch getrennte Gruppen aufzuteilen und diese Trennung durchzusetzen. Dreißig amerikanische Staaten erkannten rassisch gemischte Ehen zivilrechtlich nicht an. In vielen von ihnen wurden gemischte Paare, die kirchlich heirateten, bestraft. So etwas ist, darauf weist Whitman hin, höchst selten: Ehen werden nur selten kriminalisiert. In Maryland wurden Mischehen zum Beispiel mit Freiheitsstrafen von mindestens 18 Monaten bis zu zehn Jahren bestraft. In Südafrika dagegen war damals, stellten Nazijuristen fest, zwar außerehelicher Geschlechtsverkehr zwischen Schwarz und Weiß verboten, nicht aber Ehen.

Whitmans Buch handelt von der Entstehung der Rassengesetze der Nazis. Es handelt nicht von Völkermord und Holocaust. Whitman zeigt uns einen wichtigen Aspekt der Entstehung des NS-Staates. Er zeigt auch, wie juristischer Sachverstand sich in Dienst nehmen ließ für ein Projekt, das mit jedem Erfolg sich weiter radikalisierte. Whitman zeigt das sehr schön am Justizminister Franz Gürtner, bis 1937 Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei.

Er war Justizminister schon in den Kabinetten Papen und Schleicher gewesen. Wie antisemitisch er persönlich auch schon immer gewesen sein mag, dass die Nürnberger Gesetze, gegen die er starke Einwände juristisch-handwerklicher Art hatte, einmal Realität werden würde, dass gar die Vertreibung der Juden gelingen könnte: daran hatte er wahrscheinlich immer erst gedacht, als es schon fast Realität war. Der Sohn eines Lokführers starb am 29. Januar 1941. Da spielte der Justizapparat verglichen mit der Gestapo nur noch eine geringe Rolle.

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