Lade Inhalte...

Historische Romane Die bösen Umtriebe der Bosse

Ein großartiger Manotti-Doppelschlag: „Die ehrenwerte Gesellschaft“ und „Das schwarze Korps“.

Die Befreier (unser Bild) erobern langsam Paris, die Kollaborateure versuchen ihre Leute in Sicherheit zu bringen. Davon erzählt „Das schwarze Korps“. Foto: Getty Images

Mit respektablen Tätigkeiten wie Professorin (für Wirtschaftsgeschichte) und Gewerkschafts-Generalsekretärin verdiente die 1942 geborene Dominique Manotti ihren Lebensunterhalt, ehe sie vor einigen Jahren Kriminalromane zu schreiben begann. Diese sind sowohl äußerst kenntnisreich, was die Beziehungen zwischen Wirtschaft und Politik betrifft, als auch tadellos geschrieben auf eine lakonische, schnörkellose, tiefschwarze, aber auch fein ironische Art. Obwohl sie es also allein allemal wunderbar kann, hat sich Manotti im vergangenen Jahr mit einem Kollegen zusammengetan, der nur unter dem Pseudonym DOA (Dead on Arrival) bekannt ist. Großartig ist das Ergebnis mit dem Titel „Die ehrenwerte Gesellschaft“. In Frankreich gab es dafür 2011 gleich den Preis für den besten Kriminalroman.

Die Handlung ist, wie stets bei Manotti, figurenreich und alles andere als unterkomplex; man muss sich schon ein wenig konzentrieren. Ausgangspunkt ist ein ermordeter Undercover-Ermittler, der sich an eine Unternehmensjuristin herangemacht hatte. Zufällig wurde die Tat von einem Hacker per Webcam aufgenommen, als er „nur“ die Dateien des Polizisten kopieren wollte.

Kriegsreporter in Paris

Weiterhin spielen zwei Präsidentschaftskandidaten in dieser „ehrenwerten Gesellschaft“ eine Rolle. Dazu ihre jeweiligen mitintrigierenden Unterstützer. Es gibt eine ein Stück jenseits der Legalität operierende, aber immerhin von jugendlichem Idealismus getriebene Umweltschutzgruppe; zu ihr gehört der Hacker. Und es gibt sich weit jenseits der Legalität bewegende Polizisten. Außerdem Wirtschaftsleute natürlich, die weder zimperlich noch charakterfest sind. Sie sind diesmal vor allem in der Beton- und – Achtung! – Atomindustrie tätig. Im Gegensatz zu den meisten Kriminalromanen kommt hier eine Berufsgruppe gut weg: Journalisten. Allerdings sind es englische Frankreich-Korrespondenten, die tapfer recherchieren. Der eine machte sich einst als Kriegsberichterstatter einen Namen, was angesichts geradezu mörderischer Umtriebe kein Nachteil ist.

Die hohe Kunst bei so verschärften Machenschaften besteht darin, die Glaubwürdigkeit zu wahren – Manotti und DOA beherrschen sie. Wie hier auf allen (politischen, ökonomischen, polizeilichen, gewerkschaftlichen) Ebenen getrickst und später versucht wird, noch schnell die eigene (Karriere-)Haut zu retten, das ist plausibel. Das Autorenduo gibt dem Leser dabei einen stolzen Wissensvorsprung – und dennoch bleibt „Die ehrenwerte Gesellschaft“ spannend. Die beiden brauchen dazu keinen blutigen Kitzel: Die Autopsie eines Opfers findet sozusagen im Roman-Off statt, nur die Hand des Staatsanwalts „zittert leicht“. Und sie schaffen es, auch die Einsamkeit und Liebessehnsucht des von seiner Arbeit aufgezehrten Menschen immer wieder anklingen zu lassen. Ohne Gefühlskitsch.

Ebenfalls am heutigen Dienstag erscheint als Ariadne-Kriminalroman, wo man sich um Manotti große Verdienste erworben hat, der bereits 2004 in Französisch publizierte „Das schwarze Korps“. 1944 im besetzten Paris spielt dieses gerade durch seine nüchternen, sparsamen Formulierungen bestürzende Buch. Auch hier haben französische Wirtschaftsbosse eine ziemlich perfide Rolle, sie kooperieren kräftig mit den Deutschen, um weiterhin ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen – und sie versuchen sich in Rekordgeschwindigkeit wieder, nun ja, umzuorientieren, als die Alliierten in der Normandie landen. Überhaupt scheut sich Manotti nicht, weniger über mutige französische Widerständlern, sondern vor allem über die Kollaborateure zu schreiben. Dienstfertig sind sie, manche ebenso brutal wie die SS, gern würden sie noch den letzten Juden finden und ausliefern.

Manotti erspart dem Leser nichts, aber sie schweift auch nie ab, erzählt zielgerichtet wie ein Pfeil und knapp. Die Zusammenarbeit mit DOA, geboren 1968 und vor allem Drehbuchautor, hat Manottis Stil kaum verändert, ihn vielleicht noch ein wenig lakonischer gemacht. Messerscharf und sprachklischeefrei reihen sich die Sätze, vieles könnte man Einstellung für Einstellung so verfilmen.

Und auch der jüngste Roman Dominique Manottis – und DOAs – ist wieder im besten Sinn politisch und gesellschaftskritisch. Er ist gänzlich zeigefingerfrei, trotzdem desillusioniert er selbst die weitgehend illusionslose Leserin noch einmal. „Die ehrenwerte Gesellschaft“ schärft die Aufmerksamkeit für die – aktuellen – Umtriebe der Wirtschafts- und Politik-Bosse. Es ist ein Krimi, der klugerweise keine Antworten gibt, aber für ein gesundes Misstrauen sorgt.

Dominique Manotti & DOA: Die ehrenwerte Gesellschaft. Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer. Assoziation A, Berlin 2012, 278 Seiten, 14 Euro.

Dominique Manotti: Das schwarze Korps. Aus dem Französischen von Andrea Stephani. Ariadne, Hamburg 2012, 280 Seiten, 17,90 Euro.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen