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Historienroman Hilary Mantel "Brüder" Hinter den Kulissen der Geschichte

Nach ihrem Meisterwerk "Wölfe" erscheint mit "Brüder" ein neuer Historienroman von Hilary Mantel. "Brüder" dreht sich um die Helden der Französischen Revolution – und ihre Frauen.

16.08.2012 17:36
Kirsten Voigt
Hilary Mantel: Brüder. Aus dem Englischen von Sabine Roth und Kathrin Razum. DuMont, Köln 2012 1100 Seiten, 22,99 Euro.

Nach ihrem Meisterwerk "Wölfe" erscheint mit "Brüder" ein neuer Historienroman von Hilary Mantel. "Brüder" dreht sich um die Helden der Französischen Revolution – und ihre Frauen.

Hilary Mantels „Wölfe“ war ein Meisterwerk. Der 2009 mit dem Booker-Prize ausgezeichnete Historienroman schuf eine frappierend plausible neue Sicht auf eine zwielichtige Figur der englischen Geschichte: Thomas Cromwell. Mantel unternahm die Umdeutung dieses Charakters vor allem, indem sie sich erzählerisch tief in dessen Bewusstsein grub. Das gelang durch eine subtile und atmosphärisch einleuchtende Verschränkung von Privatestem – und das hieß Imaginiertem – und verbürgten historischen Begebenheiten. So wog in diesem packenden Psychogramm einer machtbewussten grauen Eminenz die fürsorgliche Umsicht, mit der dieser Cromwell als Familienvater und Ehemann agierte, mindestens so viel wie der Hang zur Ranküne und strategischen Kälte. Und um Cromwell herum erweckte die 1952 im englischen Glossop geborene Autorin mit Esprit Figuren eines großartigen Tableaus der Epoche Heinrichs VIII. zum Leben, in Porträts, die in ihrer untergründig süffisanten Schärfe jenen Holbeins kaum nachstehen.

Fülle an Figuren als Manko

Unter dem Titel „Brüder“ hat der Dumont-Verlag nun einen Roman der Autorin aufgelegt, der 17 Jahre vor „Wölfe“ entstand. Die Vorfreude darauf ist doppelt groß, weil Mantel sich in ihm eines noch weit dramatischeren und folgenreicheren Kapitels der europäischen Geschichte annahm: der Französischen Revolution. Außerdem steht nicht lediglich eine Figur, sondern ein Triumvirat im Zentrum. Das aber erweist sich leider gerade als Manko. In der immensen Fülle der Figuren, ihrer Absichten, Schicksale und Verstrickungen, verliert sich der Erzählfluss, und die zahlreichen Spannungsbögen knicken auf der zu weiten Strecke von 1?100 Seiten ein. Jedoch liegt alles, was „Wölfe“ zu einem grandiosen epischen Ereignis machte, das dem Historienroman neue Triftigkeit verschaffte, schon in „Brüder“ begründet.

Der Originaltitel „A?Place of Greater Safety“ spielt darauf an, dass Sicherheit eine geradezu sinnleere Kategorie im Frankreich der Revolutionsjahre wird. Die Stimmung allgegenwärtiger Todesangst vermittelt „Brüder“ beklemmend, indem der Blick in die intimen Rückzugssphären der Revolutionäre, auf ihre Amouren, ihre Fehltritte, familiären Schwierigkeiten, Hoffnungen und Schicksalsschläge einen mindestens ebenso breiten Raum einnimmt wie das politische Geschehen, der Kampf auf der Straße, im Nationalkonvent und Wohlfahrtsausschuss. Dadurch kommt auch den Frauen der Revolution eine bedeutende Rolle zu, sie gewinnen Stimme und Profil im Angesicht eines Jahre währenden, andauernden Ausnahmezustands.

Die unter dem Banner von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zeitweilig Vereinten entwickeln sich zu Konkurrenten um Ansehen, Frauen und politische Macht. Und aus den Kontrahenten Maximilien de Robespierre, Georges-Jacques Danton und Camille Desmoulins – 1758, 1759 und 1760 geboren – werden Täter und Opfer, deren Leben sämtlich im Jahr 1794 enden.

Geschichte von der Kindheit bis zum Schafott

Mantel verfolgt den Weg dieser Männer von deren Jugend, den problematischen Beziehungen zu ihren Eltern, von ihrer Ausbildung bis zum Moment, in dem Robespierre die tödlichen Haftbefehle gegen seine einstigen Mitstreiter unterzeichnet, und also bis zu deren letzten Minuten auf dem Schafott.

Dass Robespierre seinen Opfern nur kurze Zeit später folgte, liefert der Anhang lakonisch nach. Mantel beutet das Grauen nie literarisch aus. Das lässt sich etwa an der Anlage einer Szene wie jener der Tötung Jean-Paul Marats festmachen. Sie wird nicht als Spannungs-Episode in Live-Optik, sondern rückschauend erzählt. Ähnlich undramatisch verfährt Mantel auch mit dem, was zumindest eine Klimax der Revolutionsereignisse, nicht aber dieses Romans ist: den Hinrichtungen Ludwigs XVI. und Marie Antoinettes.

In „Brüder“ bereitet sich vor, was Mantel in ihrem späteren Werk vervollkommnet hat: Schon hier liest man intelligente, kühn pointierte Dialoge, erlebt man Helden an sorgsam ausgemalten Schauplätzen, hinter der Kulisse. Hier wird all das zum Thema, was historische „Figuren“ zu Menschen macht. Der durch Narben von Kindheit an gezeichnete Koloss Danton tritt als brachialer, energiegeladener Demokrat ins Rampenlicht und verfolgt gleichzeitig mit kaum geringerem Nachdruck hedonistische und ökonomische Eigeninteressen. Der „Laternenanwalt“ Desmoulins, ein stotternder Journalist, der in einer der aufregendsten Szenen des Romans den Sturm auf die Bastille losbrechen lässt, bleibt renitent befangen in der lebenslangen Auflehnung gegen seinen Vater und sensibel, begabt, romantisch, leidenschaftlich, eitel und verzweifelt bemüht um Kompensation. Und Robespierre erscheint nicht nur als Advokat der Vernunft, sondern auch als ein in seine zwanghafte Prinzipientreue und sein emotionales Abstinenzlertum eingekerkerter Selbstinszenierer. Die Vielschichtigkeit von Antrieben und Zielsetzungen hält dieser Roman ständig präsent. Mantel leuchtet ihre Figuren vorurteilslos aus, lässt Innen- und Außenperspektiven einander ergänzen.

Das Gift der Machtbesessenheit

Auch 1992 beschäftigte sie sich schon mit dem Gift der Machtbesessenheit, mit menschlicher Bösartigkeit, hier in Gestalt des entfesselten Mobs, der sich am Blut berauscht, aber auch einiger besonders hassbegabter Individuen. Dass die Eigendynamik der Tötungsmaschinerie nicht nur die Väter der Revolution schließlich fressen wird, sondern schon weit vor ihrem physischen Tod zerstört hat, erkennt der Leser lange vor dem Ende dieser schwierigen Protagonisten. Leider teilt er mit ihnen manchen Erschöpfungszustand. „Brüder“ zeigt Hilary Mantel auf dem Weg zur Höhe ihrer heutigen, souveränen künstlerischen Möglichkeiten. Auf neue Bücher dieser Autorin darf man gespannt bleiben.

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