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Hilal Sezgin Für eine Ethik der Verbundenheit

Hilal Sezgins Band „Nichtstun ist keine Lösung“.

Wahrscheinlich war es noch nie sehr leicht, ein richtig guter Mensch zu sein. Aber in den Gewässern der postheroischen Diskursgesellschaften gibt es besonders viele Klippen, an denen selbst der redlichste Zeitgenosse zerschellen kann. Die Publizistin und Tierethikerin Hilal Sezgin (die im FR-Feuilleton einmal im Monat über das Thema „Unter Tieren“ schreibt) wird nicht müde, die Paradoxien des modernen Moralanspruchs zu durchforsten. Ist es Witz oder Wirklichkeit, dass es an der Uni Kurse für Flüchtlingshelfer gibt, die in die Welt der Mülltrennung einführen?

Schwer zu sagen, ob das gut oder eher überflüssig ist. Aber mit Fragen wie diesen geht es erst richtig los, und Hilal Sezgin führt weitere Beispiele an aus der unübersichtlichen Lebenspraxis. „Ein Nachbar ist wieder im Krankenhaus; sollen wir auf einen Besuch vorbeigehen – oder lieber nicht, weil ihm seine chronische Krankheit peinlich ist? Ich würde gerne eine Putzhilfe einstellen; ist es Ausbeutung, wenn ich andere Frauen bei mir putzen lasse, oder ist es im Gegenteil Unterstützung, solange ich sie gut bezahle?“

Wenn die große Grübelmaschine losrattert, kommt das moderne Subjekt nicht zur Ruhe, und Hilal Sezgin weiß, dass keine passende Bedienungsanleitung für ethisches Alltagshandeln im Handschuhfach liegt. Man muss halt ausprobieren. Aber die gelernte Philosophin weiß mit dem gerade erschienenen Band „Nichtstun ist keine Lösung“ immerhin den Rat beizusteuern, dass man mit dem, was man tut und lässt, nie vollständig als Person zur Disposition steht.

Und so zielt Hilal Sezgins Plädoyer für politische Verantwortung nicht auf die Errichtung von Mauern mit moralischer Mindesthöhe, sondern auf eine Ethik der Verbundenheit. „Ausweichen, immer zu Hause bleiben und die Schotten dicht machen ist eben keine Lösung. Ethisches Handeln kann genauso anstrengend, ärgerlich, bisweilen ergebnislos sein wie alle anderen bedeutsamen Tätigkeiten; aber es ist eine essenzielle Art und Weise, sich mit der Welt und den Mitmenschen in Beziehung zu setzen und die Getrenntheit zu überwinden, die unsere Existenz bei oberflächlicher Betrachtung zu bestimmen scheint.“

Verbundenheit enthält dann wohl auch Dinge wie Demut, Rücksicht und die Bereitschaft, sich vom anderen überraschen zu lassen.

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