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Hideo Yokoyamas „64“ Manche Türen müssen zu bleiben

Hideo Yokoyamas großartiger Kriminalroman „64“ ist so fesselnd wie irritierend fremd.

Hideo Yokoyama
Der Roman aber ist durchaus wohlgeordnet: Hideo Yokoyama in seiner Schreibstube. Foto: Kentaro Takatashi

Es beginnt als eine ganz private Geschichte und wird zu einem epischen, personenreichen Polizeiroman. Es beginnt mit einem Ehepaar, dessen Teenagertochter verschwunden ist, und endet mit intriganten Macht- und Rangkämpfen im weitläufigen Polizeiapparat. Letzteres wird gleichsam vom Rand aus beobachtet, denn Hideo Yokoyama bleibt in seinem so außergewöhnlichen wie eindrucksvollen Thriller „64“ bei einer Hauptfigur, ihren Beobachtungen und Wahrnehmungen: Mikami ist Pressedirektor der Polizei in einer Präfektur und gehört damit zur Verwaltung; alte Loyalitäten binden ihn aber noch ans Kriminaluntersuchungsamt (KUA), wo er lange Jahre Ermittler war. 

Die beiden Abteilungen mögen sich nicht sehr, oder genauer: Das KUA schaut herunter auf die Leute der Verwaltung, diese Schreibtischhocker (und vielleicht Verräter). Die Verwaltungskollegen wiederum misstrauen Mikami, denn bis vor kurzem gehörte er ja noch zu den anderen. 

Die private Geschichte: Mikami und seine Frau Minako eilen jedes Mal angstvoll in die Pathologie, wenn ein Teenager tot aufgefunden wird: Tochter Ayumi ist nach einem Streit mit dem Vater verschwunden. Sie könnte getötet worden sein, sie könnte sich das Leben genommen haben, sie könnte nur aus Trotz weggelaufen sein. Für die Polizei ist sie eine „Hochrisiko-Vermisste“, für die Eltern ein andauernder, bohrender Schmerz. 

Am schlimmsten für Mikami aber ist, was Ayumi wüten und verzweifeln ließ: Unglücklicherweise sieht sie ihrem Vater ähnlich („Er sah aus wie ein freiliegendes Stück Fels“) und nicht ihrer schönen Mutter. Diese geht nach drei Telefonanrufen, bei denen am anderen Ende nur Stille war, so gut wie nicht mehr aus dem Haus, weil sie überzeugt ist, das könne nur Ayumi gewesen sein, die die Stimmen ihrer Eltern hören wollte. 

Die Polizei-Geschichte: Im „64“-Kern geht es um eine 14 Jahre zurückliegende Entführung (passiert „am fünften Januar im vierundsechzigsten Jahr der Showa-Zeit“. Die Showa-Zeit endete damals, im Januar 1989, mit dem Tod Kaiser Hirohitos). Das entführte Mädchen wurde ermordet, obwohl die Familie zahlte, der Täter nie gefasst. 14 Jahre später möchte der Generalinspekteur daran erinnern, möchte auch die Eltern des Kindes besuchen. Mikami soll den gewünschten Pressekontakt vorbereiten, dafür sorgen, dass die Reporter vor Ort einige Fragen an den aus Tokio anreisenden Generalinspekteur stellen. 

Mikami entdeckt, dass der Vater – seine Frau ist inzwischen gestorben – erstens mit der Polizei nichts mehr zu tun haben will. Dass zweitens damals etwas Ungeheures passiert sein muss, das auch den symbolischen Abschluss der Showa-Zeit verhindert. Es wird von einem „Koda-Memo“ geraunt – aber was kann darin stehen? Koda, einst Mitglied der Vor-Ort-Einheit, arbeitet mittlerweile als Parkplatzwächter. Und dann ist auch er verschwunden. 

Auf knapp 800 Seiten, in 81 also eher kurzen Kapiteln erzählt der 1957 geborene Hideo Yokoyama eine sich langsam, aber unerbittlich, detailliert, aber immer wieder auch rasant entwickelnde Geschichte. Der Rezensentin ist auf dem Krimimarkt nichts Vergleichbares bekannt, am ehesten könnte man die inhaltliche und formale Kühnheit von „64“ vielleicht mit der der in den nuller Jahren entstandenen Fernsehserie „The Wire“ vergleichen. Und wie in „The Wire“ ist das Milieu, um das es geht, zwar einerseits aus Film und Fernsehen vertraut, ist es andererseits von so faszinierender wie irritierender, ja  bestürzender Fremdheit. 

Bestürzend, denn man begreift als mitteleuropäische Leserin bald, wie dramatisch, möglicherweise daseinserschütternd es für einen Japaner ist, aus seiner Rolle zu fallen, das Gesicht zu verlieren. Und wie genau und unter allen Umständen die Hierarchie beachtet werden muss. So ist es eine der wildesten, drastischsten Szenen des Buches, als Pressedirektor Mikami mit körperlicher Gewalt zu verhindern versucht, dass wütende Presseleute mit einer Beschwerde direkt zum Präsidiumspräsidenten gehen, dass sie also eine (Büro-)Tür öffnen, die keinesfalls ohne Anmeldung und Termin geöffnet werden darf. Aber auch Mikami selbst übertritt im Laufe des Romans einige Grenzen japanischer Etikette: Er hat irgendwann so viel über das Geschehen von vor 14 Jahren herausgefunden, ist so verwirrt und empört, dass er sich vergisst. Sogar eine mit Japan gänzlich unvertraute Leserin kann diese Ungeheuerlichkeit nachempfinden. 

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