Lade Inhalte...

Herz in der Enge Im Nebel der Missverständnisse

Marie NDiayes Roman "Mein Herz in der Enge".

20.02.2009 00:02
KATRIN HILLGRUBER

Von einem Tag auf den anderen verstehen die Grundschullehrerin Nadia und ihr Mann Ange die Welt nicht mehr. 15 Jahre lang haben die beiden voller Idealismus ihren Beruf ausgeübt, haben selbst den Geruch der Schulgänge und Tafeln lieben gelernt. Doch eines Tages beginnen die Schulkinder, die Kollegen und Nachbarn ihrem Blick auszuweichen. Sie greifen sie scheinbar grundlos an. Der gutmütige Ange - im Wortsinn ein Engel - trägt eine schwärende Wunde davon und wird immer hinfälliger. Bald wagt er sich nicht mehr aus dem Haus. Nadia hingegen wird von Fremden angepöbelt und von Bekannten ignoriert. "Wir haben es an Demut fehlen lassen", wirft sie sich vor, "wir waren vor lauter guten Absichten blind".

Rituale der Ausschließung

Marie NDiaye gehört zu den eigenwilligsten Autorinnen Frankreichs. 2007 zog sie mit ihrer Familie nach Berlin, weil sie die Stimmung seit der Wahl Sarkozys als "trübsinnig und enervierend" empfand. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den renommierten Prix Femina für den Roman "Rosie Carpe". Das Attribut "kafkaesk" für ihren unterkühlten Stil wertet sie als Kompliment. Die Tochter einer Französin und eines Senegalesen wurde 1967 in Pithiviers bei Orléans geboren. Ihren Vater lernte sie erst mit elf kennen. Sechs Jahre später wurde bei einem Wettbewerb ihr schriftstellerisches Talent entdeckt. Das Motiv der Fremdheit hat für ihr Werk zentrale Bedeutung: "Ich lebte als Mischlingskind zu einer Zeit in Frankreich, als das noch recht selten war. Gleichzeitig war ich durch und durch Französin. Ich hatte wohl schon sehr früh das Gefühl einer gewissen Differenz gegenüber meinem Land und meiner Sprache, ja meiner Kultur. Darunter habe ich aber nie gelitten, es war vielmehr eine Konstante."

In Frankreich erscheinen Marie NDiayes Bücher in der renommierten Edition Minuit, die dem Nouveau Roman verpflichtet ist. Doch sie zählt eher Joyce Carol Oates zu ihren Vorbildern, in deren psychologisch dichten Texten unzählige amerikanische Mädchen Gewalt erfuhren. Häufig thematisiert NDiaye, eine "Mistress of Suspense", Rituale der Ausschließung, die sich auf höchst beunruhigende, ja schockierende Weise körperlich manifestieren. Diese Kunst erreicht in ihrem mittlerweile achten Roman "Mein Herz in der Enge" ihren unheimlichen Gipfel.

Unter dem Vorwand, helfen zu wollen, schleicht sich ein unangenehmer Nachbar in der Wohnung von Ange und Nadia ein und drängt ihnen ekelerregendes Essen auf. Nadia, Mutter eines erwachsenen und ihr längst entfremdeten Sohnes, bemerkt eine bedrohliche Zunahme ihres Leibesumfangs. Parallel dazu hüllt ein undurchdringlicher Nebel die Stadt ein. Bordeaux, die heitere südwestfranzösische Hafenstadt, ist kaum wiederzuerkennen. Sie erinnert an das neblige London in diversen Kriminalfilmen.

Mit dem Nebel verschwimmen alle Erklärungen. Unter dem dünnen Firnis der Zivilisation brechen Zorn und Ohnmacht durch. Dabei muss sich der Leser ganz auf Nadias Wahrnehmung verlassen, also auf die Wahrnehmung einer der beiden Ausgegrenzten. Doch die Frau, die zunächst als Opfer erscheint, wandelt sich unmerklich, je mehr sie von ihrem undurchsichtigen Vorleben preisgibt. Dabei schwingt stets ein Hauch von afrikanischem Ahnenkult mit.

Aus der Ich-Perspektive gibt es kein Entrinnen. Nie weiß man genau, ob Nadias Beobachtungen der Realität oder einem wachsenden Verfolgungswahn entspringen - etwa wenn Nadia ihren Sohn und dessen neue Frau Wilma besucht, eine jagdbesessene Gynäkologin: "Ihrer beider Gesichter warfen einen blassen Schein in den dunklen Flur, denn sie leuchteten vor Lust und Stolz, während sie sich wahrscheinlich ihre Expeditionen in die Macchia ins Gedächtnis riefen, ausgerüstet mit schweren Waffen, die ich später in ihrem Schlafzimmer sehen würde. Steigert das Entsetzen den Wildgeschmack des Fleischs?" Am Ende dieses so raffinierten wie beklemmenden Buches ist nichts, wie es zu Anfang schien. Auch wenn sich der Nebel lichtet: Die Auflösung der Paranoia erschreckt nicht weniger als diese selbst.

Marie NDiaye: Mein Herz in der Enge. Roman. A. d. Frz. v. Claudia Kalscheuer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2008. 285 S., 22,80 Euro.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen