Lade Inhalte...

Herta Müller Wer im Exil ist, konnte immerhin fliehen

Die Schriftstellerin Herta Müller bekommt in der Nationalbibliothek Frankfurt den Ovid-Preis.

Herta Müller
Dichterin Herta Müller. Foto: afp

Am Ende erinnerte Herta Müller sichtbar erschüttert an das Schicksal von Liu Xia, Witwe des jahrelang inhaftierten, 2017 an Krebs gestorbenen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiabo. Dass sie immer noch unter Hausarrest stehe, ihrerseits inzwischen schwer krank, mache deutlich, dass Exil immerhin bedeute, ein Land verlassen zu können. Vielen Menschen sei selbst das verwehrt. Sie selbst, hatte Müller zuvor erklärt, wolle sich nicht anmaßen, sich Exilantin zu nennen. Heute könne sie, anders als zahllose andere, nach Hause zurückkehren. Das (gegenwärtig strapazierte) Wort Heimat, sagte sie, solle man unbedingt anerkennen für die, die ihre Heimat verloren hätten.

In der Deutschen Nationalbibliothek, also auch am Ort des Deutschen Exilarchivs 1933-1945, wurde das Publikum in die unendliche Geschichte von Flucht, von Vertreibung sowie von Rettung verwickelt. Literaturnobelpreisträgerin Müller, 1953 in Rumänien geboren, erhielt hier den Ovid-Preis des PEN Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland. Ovid starb nicht nur selbst im Exil, auch seine Metamorphosen sind ja zu einem nicht geringen Teil Fluchtgeschichten dramatischer Art und lassen auch manche Verwandlung als seltsames Exil erscheinen (gerade konnte man angesichts von „Frankfurt liest ein Buch“ in Anna Seghers’ „Siebtem Kreuz“ auf die Stelle stoßen, an der Georg Heisler in höchster Not sich wünscht, in einen Baum verwandelt zu werden).

Der jüdische Literaturwissenschaftler Guy Stern, vor 96 Jahren in Hildesheim geboren, 1937 als einziges Mitglied seiner Familie in die USA entkommen, hielt die Laudatio. 2017 war er der erste Träger des jungen Preises. Ihn interessierten die Berührungspunkte von Müllers Werk mit den Zielen dieses sehr besonderen PEN, dessen Gründungsschreiben von 1934 im Exil-Archiv aufbewahrt wird. Der Wunsch, die Literatur zu retten, gehöre zu den Gemeinsamkeiten, der Wunsch, auch die Unbekannten vor dem Vergessen zu bewahren, und der Kampf gegen die Tyrannei, der hier einmal wieder glasklar als solcher benannt wurde. Herta Müller, die Collagen zeigte und vorlas, nannte neben China auch die Türkei und Russland beim Namen. Solchen Regimen dürfe nicht stillschweigend nachgegeben werden, sagte sie in Richtung Regierung, aber auch in unser aller Richtung.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen