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Herta Müller Sie liefert sich aus

Die Schriftstellerin Herta Müller, die bei Lesungen gerne mal im Publikum sitzt, wird am heutigen Freitag 65 Jahre alt.

Literatur
Herta Müller feiert ihren 65. Geburtstag. Foto: dpa

Wer in Berlin zu einer literarischen Veranstaltung geht, dem kann es passieren, dass unter den Zuhörern Herta Müller sitzt. Wer öfter hingeht, der wird sie öfter sehen. Ja und? fragt nur, wer nie zu einer solchen Veranstaltung geht. Die Grundregel ist dort nämlich: Die Prominenz sitzt oben auf dem Podium. Unten sitzt das Publikum.

Die Literaturnobelpreisträgerin von 2009 Herta Müller gehört zum Publikum. Ich mag das. Nicht nur, weil wir damit in derselben Kategorie sind, ich mich also gewissermaßen nobilitiert fühle. Ich mag es vor allem, weil es mich in meiner Liebe für ihre Texte bestätigt. Die sind nicht schwierig, aber von einer die Lektüre erschwerenden Eindringlichkeit. Herta Müllers Texte ergreifen den Leser. Er wehrt sich und kommt doch nicht weg von ihnen. Dass er sich wehrt, ist ein Verdienst der Autorin, dass er dabei scheitert, nicht weniger. Herta Müller legt keine Leimruten aus, auf denen hingerissene Leser wie die Fliegen hängen bleiben. So viel Schreckliches auch geschieht in ihren Büchern, sie schreibt keine Horrorgeschichten.

Ihr erstes Interesse scheint den Wörtern zu gelten und ihrer Zusammenstellung. Das gibt ihr und uns – ihren begeisterten Lesern – die Möglichkeit, uns ganz den von ihr geschilderten Schrecken zuzuwenden, weil wir immer mitdenken, wie wir über ihn denken und reden. „Arbeitszwang ist die Umkehr von Zwangsarbeit“ schreibt sie und schon denken wir nicht nur über Arbeitslager, sondern auch über uns und unsere Sprache nach.

Wenn ich Herta Müller bei einer Lesung im Publikum sehe und sie beim Zuhören beobachte, dann denke ich, dass sie immer auf der Suche ist, nicht nur nach Möglichkeiten, ein Unglück abzuwenden, sondern wohl ebenso sehr danach, wie wir darüber reden sollten, um nicht immer wieder ins selbe Unglück zu stürzen.

Dann sehe ich sie lächeln über ein Wort und denke: Das merkt sie sich jetzt. Ich bilde mir ein, Herta Müller bei der Arbeit zuzuschauen. Ich liebe sie dafür, dass sie das uns allen erlaubt. Dass sie sich preisgibt. Oder doch jedenfalls unserer Neugierde ausliefert. Aber, so denke ich, das ist nichts als die Rückseite ihrer eigenen Neugierde, die sie zu den Veranstaltungen ihrer Kolleginnen und Kollegen treibt, die sie die präsenteste Nobelpreisträgerin der Stadt sein lässt. Ich denke, dass Herta Müller in Berlin lebt, ehrt diese Stadt. Vor allem aber freut es ein paar ihrer Bürger. Das wollte ich ihr sagen.

Heute vor 65 Jahren wurde Herta Müller in Nitchidorf geboren, einem Ort im Banat, der 1785 als „Ausländersiedlung“ für ins Land gerufene Deutsche gegründet worden war. 1987 verließ Herta Müller den Banat und kam nach Berlin. Herta Müller gehört zu den Flüchtlingen, denen Berlin – hoffentlich – zur Heimat wurde.

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