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Helmut Rellergerd alias Jason Dark Das Geheimnis von Geisterjäger John Sinclair

Deutschlands erfolgreichster Schriftsteller mit einer Gesamtauflage von 400 Millionen: Helmut Rellergerd alias Jason Dark. Ein Fan auf der Suche nach dem Geheimnis der Grusel-Kriminalfälle von „John Sinclair".

Heft 250, 1983. Foto: Bastei

Eine unheimliche Stille hat sich über den Ort gelegt. Seit ich von der Hauptstraße abgebogen bin, habe ich keine Menschenseele mehr gesehen. Häuserfassaden starren mich an wie stumme Gesichter. Vorsichtig gehe ich weiter. Irgendwo hier muss es sein.

Heute werde ich es erfahren. Ein Geheimnis, das schon viele gesucht haben. Doch nur einer hat es bislang gefunden. Er ist der Hüter. Zu ihm muss ich. Automatisch setzte ich einen Fuß vor der anderen. Als ob eine fremde Macht meine Schritte lenkt. „Ja“, flüstere ich mir selbst zu, „heute wird es mir offenbart: das Geheimnis des ewigen Schreibens.“

Ein Rascheln dicht neben mir. Dann ein aggressives Knurren. „Werwolf!“, schießt es mir durch den Kopf. Intuitiv gleitet meine rechte Hand in die Jackentasche. Mist! Schon wieder die Gnostische Gemme vergessen. Wo habe ich die eigentlich nochmal hingelegt? Schon meine ich, den heißen Atem der Bestie im Nacken zu spüren. Doch das Untier reicht mir nur knapp bis zum Schienbein. Ein Zaun hält Nachbars übereifrigen Border Collie von mir fern.

Eine Schrecksekunde lang hatte ich vergessen, wo ich bin. Refrath, ein Stadtteil von Bergisch-Gladbach vor den Toren von Köln. Eine Vorstadtidylle, wo die Einwohner ihr Brot bei Bäcker Horst kaufen, im Eiscafé ihr Käffchen trinken und wo man Grauen normalerweise als eine Kombination von schlecht getrenntem Müll und verdreckten Jalousien definiert. Inmitten dieser nichtsahnenden Gemeinschaft lebt er, der Herr des Bösen. Und ich bin auf dem Weg zu ihm.

Ich spüre, dass mein Ziel nahe ist. Ein unauffälliges Einfamilienhaus. Hausnummer dreizehn. Was sonst? Kein Name am Klingelschild. Könnte es eine Falle sein? „Du musst weitergehen“, flüstert eine innere Stimme mir zu. Ich klingele.

Schwere Schritte bewegen sich auf die Tür zu, dumpf wie die Schläge eines Uhrpendels. Mein Herz rast. Dann steht er leibhaftig vor mir. Meine Lippen formen das einzige Wort, dass mir jetzt in den Sinn kommt: „Meister!“

Einen Augenblick lang scheint die Zeit still zu stehen. Als hätte sie jemand mit Buddhas Stab eingefroren. Im Türrahmen steht ein Riese, über 1,90 Meter hoch, das in Ehren ergraute Haar akkurat nach links gescheitelt.

Das also ist Deutschlands erfolgreichster Schriftsteller. 400 Millionen Gesamtauflage. „Rellergerd, angenehm! Kommen Sie doch rein! Möchten Sie etwas trinken?“ Rellergerd hat er gesagt. Ja, das ist sein wahrer Name. Doch den kennen nur die Eingeweihten. Für den Rest der Welt heißt er Jason Dark.

40 Jahre, jedes Wochenende

Am 13. Juli 1973 prangte dieses Pseudonym erstmals auf einem Heftroman aus dem Bastei-Verlag. Der Titel: „Die Nacht des Hexers“. Der Held: Ein englischer Scotland-Yard Kommissar namens John Sinclair, Spezialist für das Übernatürliche, Feind der Hölle und der Dämonen. Kurz: ein Geisterjäger. Und vierzig Jahre später ist John Sinclair immer noch im Einsatz. Woche für Woche auf 64 Romanseiten. Dank Jason Dark.

Seine gewaltige Hand weist mir den Weg ins Wohnzimmer. Das Böse ist schlau. Und es hat sich gemütlich eingerichtet. Der Mann, der das Dunkel im Namen trägt, bevorzugt zumindest für sein Wohnzimmer die Farbe Weiß. Durch breite Panoramafenster fällt der Blick auf einen gut gepflegten Garten. Der Meister sitzt mir direkt gegenüber. Wie alles anfing, möchte ich von ihm wissen. „Tja“, sagt er mit tiefer und leicht rauchiger Stimme, „eigentlich wollte ich ja Journalist werden. Aber mein Vater meinte, ich sollte was Anständiges lernen.“

Das hat gesessen. Wie aber wurde aus dem Chemietechniker Helmut Rellergerd, Jahrgang 1945, Jason Dark? „Meinen ersten Roman habe ich noch bei der Bundeswehr geschrieben. Ein Krimi“, sagt er. Wie entstand die Figur John Sinclair? „Damals war ja mit ,Larry Brent‘ schon eine Gruselserie auf dem Markt. Der Bastei-Verlag wollte auch so etwas machen, den ,Gespenster Krimi‘. Es hat sich nur niemand getraut, den ersten zu schreiben. Da habe ich das gemacht.“

Wie schafft man es, 40 Jahre lang jede Woche einen Roman abzuliefern und nebenbei noch Taschenbücher am Fließband zu produzieren, Filmromane und was weiß ich nicht alles? „Ich setze mich immer noch jeden Morgen um acht an die Schreibmaschine und lege los.“ Der Meister antwortet ruhig und routiniert. Er hat seine Geschichte schon ziemlich oft erzählt. Wie aus dem einmaligen Ausflug ins Gruselgenre zunächst eine Subserie innerhalb der Gespenster-Krimi-Reihe wurde. Dass sich die Abenteuer des Geisterjägers so gut verkauften, dass die Serie 1978 ausgekoppelt wurde.

„Möchten Sie vielleicht mein Archiv sehen?“, fragt er plötzlich. Das Archiv! Das muss es sein. „Ja, Meister!“ – „Es reicht vollkommen, wenn Sie Herr Rellergerd sagen.“ Der Meister weist mir den Weg zu einer Tür in der Diele. Als er sie öffnet, blicke ich in abgrundtiefe Dunkelheit. Vorsichtig setze ich meinen Fuß auf die erste Stufe. Dann macht es plötzlich Klick. „Sie sollen ja auch was sehen“, vernehme ich hinter mir die Stimme des Meisters.

Als ich den Kellerraum betrete, überlege ich kurz, ob ich nicht vielleicht durch ein Zeitportal gefallen bin. Holzvertäfelte Wände umringen mich. Auf einem Tisch steht ein altmodisches, silbernes Radio mit Kassettendeck. Die Stimme des Meisters holt mich zurück in die Gegenwart. „Das sind sie also“, sagt er, „alle meine Romane.“ Regalreihen ziehen sich an der Wand entlang. Bretter biegen sich unter der Last der darin lagernden Hefte. Mehr als 1800 sind es inzwischen. Dazu 312 Taschenbücher und unzählige Romane außerhalb des Sinclair-Universums. Und die Übersetzungen, ins Finnische, Niederländische, Tschechische. „Aber nirgends hat sich Sinclair so verkauft wie in Deutschland.“ Und damit meint er nicht nur die Romane.

Keine Rede von der Fernsehserie

Bereits in den Achtzigern gab es eine erfolgreiche John-Sinclair-Hörspielreihe mit mehr als 100 Folgen. Vor 13 Jahren startete die als Edition 2000 bekannte Neuvertonung, deren Einzelfolgen sich inzwischen häufiger verkaufen als die Romanhefte. Es hat John-Sinclair-Comics gegeben, ein Computerspiel, unzählige Merchandise-Artikel. Auch eine kurzlebige Fernsehserie wurde Anfang des Jahrtausends bei RTL ausgestrahlt. Aber über die reden der Meister und seine Anhänger heute nicht mehr. Als hätten sie kollektiv einen Schluck vom Trank des Vergessens genommen.

„Dann zeige ich Ihnen mal meinen Schlagplatz.“ Schlagplatz? „Da, wo ich in die Tasten haue.“ Ich folge ihm zurück ans Tageslicht und hinauf ins Dachgeschoss. Sein Schlagplatz ist ein kleiner Schreibtisch unterhalb der Dachschräge. Über den Arbeitsplatz wacht ein Porträt des Meisters. Es zeigt ihn in jüngeren Jahren auf dem Höhepunkt seiner Macht. Damals, Mitte der achtziger Jahre, als die Auflage an der Marke von 100.000 kratzte. Heute sind es wohl noch an die 12.000 Leser die wöchentlich „Sinclair“ am Kiosk kaufen. „Warum lässt er das Bild nicht an seiner statt altern?“, frage ich mich.

In diesem Moment sehe ich es. Unauffällig ruht es unterhalb des Porträts. Ein metallisch grünes Artefakt aus längst vergangener Zeit. Aus einer halbrunden Öffnung, die an das grinsende Maul Baphomets erinnert, ragt ein Stück Papier. Was auch immer es ist, ich spüre die Macht, die davon ausgeht. Ein Schriftzug prangt unterhalb der Öffnung: Olympia. „Bestimmt aus Atlantis.“ Der Meister zieht eine Augenbraue hoch. „Naja, nicht ganz. Ist auch schon die dritte Schreibmaschine. Bei meiner Schlagzahl nutzen die sich ja ganz schön ab.“ Schreibmaschine? „Am Computer zu schreiben, lerne ich nicht mehr“, sagt er. „Aber ich habe gehört, dass sich diese Ebooks ganz gut verkaufen.“ „Hast du denn noch nie eins gesehen, Meister?“ „Rellergerd“, sagt er und zuckt mit den Schultern. „Nein, bislang noch nicht.“ Ich greife in meine Schultertasche. Zwei Klicks später öffnet sich wie von Geisterhand die neueste John Sinclair-Ausgabe. „Totenland“ lautet der Titel. Aufmerksam verfolgt der Meister, wie ich durch die digitale Ausgabe seines Roman blättere. Wir lächeln beide. „Toll“, sagt er, „vielleicht kauf ich mir so was.“

Dann folge ich dem Meister wieder hinab ins Wohnzimmer. „Meine Kräfte schwinden“, sagt er, als auf der Couch Platz nimmt. „Nein, Meister!“, platzt es aus mir heraus. „Du darfst noch nicht gehen!“ „Rellergerd. Einfach nur Rellergerd!“, sagt er leicht genervt. „Wer hat was von Aufhören gesagt? So lange ich Leser habe, mache ich weiter. Und wenn mich irgendwann der Teufel holt, wird sich schon zeigen, ob sich jemand findet, der das fortführt.“ In diesem Moment wird es mir bewusst. Ich kann das Geheimnis nicht lüften. Die Kraft der ewigen Schreibe entscheidet selbst, wem sie zufließt. Und sie hat ihn gewählt: Helmut Rellergerd alias Jason Dark.

Zum Abschied reicht er mir die Hand: „War schön mal wieder einen Sinclair-Fan zu treffen.“ Was bleibt noch zu sagen? Nur das eine: „Danke, Herr Dark! Im Namen des Zehnjährigen, dem Sie vor 22 Jahren beigebracht haben, dass Lesen Spaß macht.“ Er lächelt verlegen. „Herr Rellergerd! Passen Sie auf sich auf.“

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