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Heinrich Himmler Tagebücher Ghettos als "Reiseziele"

Die Großnichte des SS-Reichsführers und Massenmörders Heinrich Himmler spricht im FR-Interview über die Publikation privater Briefe ihres Großonkels und wie es sich anfühlte, die überlieferten Legenden einer Täter-Familie zu zerstören.

29.01.2014 15:50
Kerstin Krupp
Heinrich Himmler mit seiner Frau Marga und den Kindern Gudrun (Mitte) und Gerhard sowie einer Freundin Gudruns (l.) Foto: AP/dpa/Realworks Ltd./DIE WELT

In Israel sind 200 Briefe aufgetaucht, die der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, an seine Frau Marga geschrieben hat. Himmlers Großnichte Katrin Himmler war – mit dem Historiker Matthias Wildt – die erste Wissenschaftlerin, die die Briefe zu Gesicht bekam und auswerten konnte.

Frau Himmler, „Ich fahre nach Auschwitz. (…) Küsse, Dein Heini“ – lehren uns solche Briefe Neues über den Organisator des Holocausts?

Man kann die frühe Radikalisierung in seiner Weltanschauung aus den Briefen lesen. Die ersten sind von 1927, dem Jahr, in dem sich Marga und Heinrich kennengelernt haben. Bereits in den 1920er-Jahren war Himmler verantwortlich für die Organisation der Hitlerversammlungen, hielt zahlreiche Reden und war viel mit Hitler zusammen. Seine Position war wichtig und das Verhältnis zu Hitler sehr eng. Bislang dachte man, dass er bis zur Machtergreifung 1933 ein unbedeutender Parteifunktionär war.

Haben Sie auch Neues über den Menschen Himmler erfahren?

Interessant ist, dass er bis zum Ende mit sich im Reinen war. Er wusste, was er tat, und wollte es so gründlich wie möglich erledigen. Gewissensbisse sind nicht zu erkennen. Gleichzeitig wird aus den Briefen klar, wie einig sich Marga und Heinrich sind, in der Ablehnung der Weimarer Demokratie, in ihrem Judenhass und in ihrer Menschenverachtung.

Finden die Ghettos oder Erschießungen keine Erwähnung?

Sie werden nur angedeutet durch die Namen der „Reiseziele“, die er aufzählt. Dass er an den betreffenden Tagen an die Orte der Verbrechen fuhr, erschließt sich aus dem historischen Kontext. Die Briefe sind nicht wegen spektakulärer neuer Erkenntnisse über den Massenmörder interessant. Aber sie ergänzen wichtige Aspekte des Bildes, das von Himmler bereits existiert.

Inwiefern?

Es gab nicht die strikte Trennung von Privatsphäre und Öffentlichkeit, keine Spaltung der Persönlichkeit wie sie oft bei führenden NS-Tätern angeführt wird. Himmler war nicht unter der Woche der Massenmörder und am Wochenende der liebevolle Vater. Er war auch für seine Tochter und den Pflegesohn ein äußerst strenger Erzieher. Vor allem der Sohn hatte sehr unter Prügel und Liebesentzug zu leiden.

Das war nicht selten in dieser Zeit.

Und doch spricht aus den Briefen eine Härte, etwas Gewalttätiges, Gefühlskaltes, das schon in seinen frühen Tagebüchern anklang. Die Briefe ergänzen das Bild. Sie sind die Antworten auf die Briefe von Marga, die bereits im Bundesarchiv in Koblenz aufbewahrt werden. Aus ihnen spricht eine vordergründige Fürsorglichkeit, wie das Versenden von Süßigkeiten an seine Kinder, die etwas Oberflächliches hat, denn sie geht in den Briefen einher mit einer Eiseskälte und einer unbeirrbaren moralischen Selbstgewissheit, in der er sich mit seiner Frau einig wusste.

Wo waren die Briefe über die Jahre?

Sie waren im Besitz eines Holocaust-Überlebenden in Israel. Wie er dazu kam, ist unklar. Er selbst hat zwei Versionen in Umlauf gebracht. In der einen hat er sie auf einem belgischen Flohmarkt gefunden, in der anderen hat er sie dem Sekretär eines Vertrauten von Himmler abgekauft. In den achtziger Jahren tauchten sie erstmals in Israel auf. Der damalige Direktor des Bundesarchivs, Josef Henke, untersuchte damals in Tel Aviv die Schriftstücke und bestätigte deren Echtheit. Der Besitzer wollte die Dokumente wohl verkaufen. Das gelang ihm aber nicht. Vielleicht wirkte der Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher nach.

Wie kamen Sie an Himmlers Post?

2007 kaufte der Vater der Filmemacherin Vanessa Lapa die Dokumente. Lapa drehte darüber den Dokumentarfilm „Der Anständige“, der auf der Berlinale laufen wird. Sie hat mich dazugezogen, weil sie mein Buch „Die Brüder Himmler“ kannte. Und Michael Wildt hatte bereits Jahre zuvor die Gelegenheit gehabt, einige Kopien der Dokumente zu sichten. So kam es, dass wir sie als Erste auswerten durften.

Sie beschäftigen sich seit über 15 Jahren mit Ihrer Familie. Warum?

Mit der NS-Zeit habe ich mich schon vorher intensiv auseinandergesetzt – nur nicht mit meiner Familie. In der Familie war lange Konsens, dass Heinrich das „schwarze Schaf“ gewesen sei und alle anderen mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun gehabt hätten. Was ich herausfand, widerlegte recht schnell die familiäre Überlieferung.

Wie geht es jemandem, der die Familienlegende zerstört hat?

Es war nicht einfach, aber ich habe es nie bereut. Ich habe so viele positive Rückmeldungen, auch von Holocaust-Überlebenden erhalten, denen es wichtig war, dass sich Täternachfahren öffentlich bekennen.

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