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Heinrich Böll zum 100. Geburtstag „Es ist nicht sehr angenehm, ein Deutscher zu sein“

Dem Schriftsteller und Intellektuellen, Missverstandenen und Vielgelesenen, Einzelgänger und Menschenfreund Heinrich Böll zum 100. Geburtstag.

Vor 100 Jahren wurde Heinrich Böll geboren
Vor 100 Jahren, am 21. Dezember 1917, wurde der Schriftsteller Heinrich Böll in Köln geboren (Foto um 1973). Foto: epd

Als der Höhepunkt der sich über zwei Jahrzehnte hinziehenden politischen Hetzkampagne gegen den Schriftsteller Heinrich Böll im Winter 1972 erreicht war, die Springerpresse und die Unionsparteien ihn als geistigen Mentor und Prediger von Gewalt und Terrorismus moralisch und politisch zu vernichten versuchten, schrieb der damalige Bundeskanzler Willy Brandt an den Dichter: „Resignieren sollten Sie nicht. Ich habe es auch nicht getan.“

Tiefe Sympathie verband diese beiden Männer, die in den gesellschaftspolitischen Wendejahren der Bonner Republik von einem unbelehrbaren konservativen Deutschland diffamiert wurden. Böll, der sich allen politischen Vereinnahmungsbestrebungen energisch widersetzte, ließ den Kollegen Günter Grass 1973 auf dessen Bitte, sich für die von der SPD geführte Bundesregierung einzusetzen, wissen: „Nein, lieber Günter Grass, ich wäre bereit für Willy Brandt alles zu tun, aber ich kann nichts für (s)eine Regierung tun... .“ Und Brandt schrieb zu Bölls 65. Geburtstag: „Einen Einzelgänger nannte ich ihn. Ich fürchte, es gibt noch immer eine Tendenz, der Unabhängigkeit suspekt ist. Die es nicht leiden kann, wenn jemand sich nicht mit Haut und Haaren einer Partei verschreibt, sondern es vorzieht, mit allen Vor- und Nachteilen, die das hat, seine eigene Bahn zu nehmen.“ 

Der Lübecker Arbeitersohn und in den Jahren der deutschen Diktatur im skandinavischen Exil lebende Brandt und der vier Jahre jüngere, aus einer Kölner Kleinbürgerfamilie stammende, von seinen Soldatenjahren traumatisierte Böll wurden zu Symbolfiguren des anderen Deutschland.

Nicht frei von wiederkehrenden Depressionen, drohten sie beide an den heimischen Kampagnen zu zerbrechen. Beide wurden von der Welt jedoch mit den vielleicht höchsten offiziellen Ehren bedacht, die sie zu vergeben hatte: Brandt erhielt 1971 den Friedens- und Böll 1972 den Literaturnobelpreis. Was ihre inländischen Gegner fast um den Verstand brachte und bei großen Teilen einer ihre eigene Zukunft suchenden jungen Generation tiefe Freude auslöste. Man darf mit guten Gründen behaupten, dass die politische und vor allem die moralisch-ethische Geschichte der Bundesrepublik ohne das mutige Wirken dieser beiden Jahrhundertgestalten anders verlaufen wäre. 

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