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Heimatroman „Hineinstechen in die Heimat, bis es nur so spritzt“

Andreas Maiers Heimatroman „Das Zimmer“ ist eine fulminante Tirade. Sie ist Auftakt einer vielbändigen hessischen Familiensaga.

Das ist der Dorn in den Augen des Autors Maier und geht vielleicht nie mehr weg: eine neue „Ortsumgehung“??? bei Friedberg. Foto: sascha rheker/attenzione

Der Erzähler lässt keine erzählte Zeit verstreichen, um den Geruch des Onkels, somit den des Protagonisten zu erwähnen, wo wir Menschen doch wissen, dass ausdrücklich Gerüche Erinnerungen, speziell unsere Kindheits- und Jugenderinnerungen auslösen. So auch hier. In Andreas Maiers Roman „Das Zimmer“ sind die ununterbrochen ekelhaften Ausdünstungen des Onkels so etwas wie sein Fingerabdruck. Mit ihm ist ein widerlicher Mensch zu identifizieren, den der Erzähler dann am Schlafittchen hat, einen Mann, eine Kellerexistenz. Bis zum Schluss in Andreas Maiers neuem Roman bleibt es beim Onkel J. oder beim J. Unbehagen und UnruheVon Anfang an ist in dem Roman, der „Das Zimmer“ heißt, das Unbehagen des Erzählers nicht nur leise angedeutet, sondern regelrecht ausgesprochen, von der Unruhe ganz abgesehen, die den Erzähler stets beschlich, einen auch nach Jahren, zur Zeit der Erinnerung, weiterhin angespannten jungen Mann, denn sonst würde er beim Keller, in dem J. ebenfalls sehr viel verkehrt, wohl kaum gleichzeitig an Kaurismäki-Filme und einen Gestapokeller denken.

Es gibt von Anfang an keinen Zweifel am Dunklen, am Abgründigen für den Lesenden. Das Zimmer stellt sich für den Erzähler als „eine Art frühester Darkroom in meinem Bewusstsein“ dar. Oder ist das womöglich nur Einbildung? So sehr der Ich-Erzähler auf seiner Phantasie beharrt („Ich stelle mir vor....“), ist die Illusion etwas, was der Autor Maier dem Leser von Anfang an nimmt. Denn es geht um das Hässliche, angefangen vom nazibraunen VW-Variant, den der Onkel sein Eigen nennt, ganz abgesehen von J.’s Umtrieben, als Waldgänger in der Wetterau, als Kneipengänger von Bad Nauheim, als Bordellgänger im Frankfurter Kaiserstraßenquartier.

Andreas Maiers Romane sind das Werk gewaltiger Tiraden. Das Schwadronieren hat gut und gerne Endlosschleifenformat. In „Das Zimmer“ kommt es abermals zur Benützung des Thomas-Bernhard-Tons, auch nun besteht der Redeschwall aus eingedickten Bewusstseinsströmen, die zu fixen Vorstellungen gerinnen, von Maier durchtrieben stilisiert. Das Dilemma des Maier-Personals war bis heute stets, dass es sich von seinem eigenen Wortaufkommen mitreißen ließ, in eine Welt, die unter dem Redefluss hart wurde wie Schlacke. Aus dem Aggregatzustand fand kein Geschöpf Maiers mehr heil heraus.

Auch nicht das Erzähl-Ich jetzt. Seine Geschichte ist die eines Heimatvertriebenen, und die Vertreibung ist weniger ein Prozess als ein Dauerzustand. Dazu muss man wissen, dass Maiers soeben veröffentlichter Roman undenkbar ist ohne sein Anfang des Jahres publiziertes Büchlein „Onkel J. Heimatkunde“ (s. FR v. 6.4.10), mit seinen rund zwei Dutzend Geschichten, Kolumnen, deren Zentrum die Wetterau ist, der Kleinkosmos an der A 5, wie auch jetzt im Roman, die BAB-Raststätte, ein Epizentrum der Scheußlichkeit, in der niederschmetternden Nachbarschaft von Bad Nauheim und Friedberg, unweit von Frankfurt a.M. Das Bändchen war durchsetzt von Hinweisen, einen Roman zu schreiben, in dem der Wetterau ein Grabstein errichtet wird, naturgemäß ein monströser.

Wenn durch den Kolumnenband der Onkel, „geburtsbehindert und jagd- und waldfanatisch“ geisterte, dann pirscht jetzt dieselbe Figur durch den Roman, ein Mann der nicht gesund lebt, der sich von vier bis fünf Litern Bier pro Tag ernährt, die Tasse Bohnenkaffee mit fünf Teelöffeln zuckert und praktisch wie ein Schlot raucht. Was ihm wichtig ist, sind Handfeuerwaffen, Frauenmagazine, Landserhefte, Panzermagazine, die Heinoliebe und, zu Weihnachten, die Glocken des Stephansdoms im Radio. Luis-Trenker-Filme im Fernsehen machen J. zum Schwärmer.

Nach rund einem Viertel Roman ist der Mann mental geradezu durchgearbeitet. Der Erzähler (der dem Leser Gemeinsamkeiten mit dem Autor nahelegt) hat in seine so gut wie erlegte Figur den Finger gelegt wie in eine offene Wunde – doch darin bohrend und bohrend, entdeckt der Erzähler bei J. nicht allein ekelerregende, entsetzliche Einzelheiten.

Der Onkel als Taugenichts

Der Onkel, Paketschlepper auf der Post am Frankfurter Hauptbahnhof, ist als Monstrum nicht vergessen, bestimmt nicht, doch nun steigt er auf zum Fremdkörper, zum „Nichtsnutz“ (dem Erzähler gleich!), zu dem die Dinge geradewegs redeten, die Pflanzen, die Waldtiere (wie zu einem Autor!). Dem Erzähler entpuppt sich J. als ein Taugenichts, den es zwar nicht in die weite Welt verschlägt, der sich aber der Heimatvertreibung durch all die Zumutungen der Moderne widersetzt, angefangen von der „Ortsumgehung“.

„Ortsumgehung“, dies ist das Leitmotiv: als grelles Kennwort für eine Politik, die den Dorfkern ignoriert. Folgt man Maiers polemischer Heimatverlustrechnung, dann wurde die Wetterau in den letzten vierzig Jahren zum Schauplatz einer Auszehrung. Doch so sehr die Heimatvertreibung sich auch vollzieht – intensiv lässt Maier sie Wort für Wort abprallen an der Sprache, nicht am Dialekt, denn der Wetterauer Maier ist ja keinesfalls ein Dialektautor, sondern am Lapidaren: „In Wahrheit ist alles wortlos in meinem Onkel.“

Dass Maier generell ein Heimatkundler ist, wissen wir seit seinem Roman „Wäldchestag“ (2000). Heute ist Maier 43, und er ist ein fortwährend Heimathassender, wie er nur unter ewig Heimatverliebten zu finden ist, worüber, wie gesagt, Heimat sich als eine abscheuliche Provinz des Menschen förmlich aufdrängt. Dazu gehört, dass sich die Wetteraugegenwart nach dem ständigen Extrem verzehrt, der Untertreibung und der ebenso furchterregenden Übertreibung.

Mag dieser Extremismus ganz bestimmt seine Manierismen haben, mag die Untertreibung mit der Banalisierung des Bösen kokettieren und die Übertreibung mit der Bagatellisierung des Ordinären, mögen Klamauk und Kalauer Triumphe feiern – doch dann, wieder mal, steht da so eine ungeheuerliche Unbeholfenheit von Satz: „Schmerz, ein für ihn fremdes Wort. Auf dem Schmerzauge war er blind, sozusagen.“

Doch es geht nicht allein um die Thomas-Bernhard-Adaption. Der Maier-Ton macht vertraut mit einer umfassenden Unbedarftheit, einer Lebensunbedarftheit, wie sie ausgerechnet der Anblick der ersten Mondlandung offensichtlich werden lässt, einerseits eine existenzielle Hilflosigkeit, im Grunde die ontologische Prädisposition des Menschen, mit ihren zivilisatorisch jedoch schädlichsten Folgen: „Immer wussten die Menschen nicht weiter, kaum waren sie irgendwo, sei es zu Hause, sei es auf dem Mond. Es war überall dasselbe, wo sie waren, musste gleich etwas her, damit sie es aushielten, die Menschen.“

Das Vollstellen jeder unmittelbaren Umgebung aus Hilflosigkeit. Kolonisation und Verheerung der Heimat aus Ratlosigkeit. Scheinbar naive Sätze sind von einer eminenten Irritationsdichte, auch diese. Maier setzt die Dinge auf den Prüfstand (die ganze Wetterau ist ein Maschinenpark, vom Mähdrescher über den US-Panzer und den VW-Variant bis zum Hänger) und setzt die Verhaltens- und Denkweisen vernichtenden V-Effekten aus. Eine ununterbrochene Beschäftigung des Autors gilt der sprachlichen Schieflage, die eine des Bewusstseins ist, auf jeden Fall desillusionierend: „Im Hanauer Hof haben wir die Toten alle totgetrunken nach ihren Beerdigungen“.

Maiers Bilder sind buchstäblich blutige Bilder: „Mein Onkel, das Tier, wie viele dachten, der Sehnsuchtsbolzen, wie ich heute denke.“ Es ist J., der wenige Seiten später wie ein vom Sehnsuchtsbolzen getroffenes Tier „ins offene Messer“ läuft. Es besteht aus einer Gemeinheit des Erzähler-Ichs als Kind.

Die Zeitrechnung in diesem Zeitroman von 1969 nennt die Mondlandung oder die Sesamstraße als Zäsuren, das Präsens, in dem der Ich-Erzähler (zumeist) erzählt, spricht von der Vergangenheit wie von besseren Zeiten. Verklärung als Beseelung ressentimentgeladener Seelen. Kein Roman Maiers ohne Gedankenschritte, die Gedankensprünge sind, denn Maiers Personal denkt so wie auf Verabredung.

Grandios abgründig

Dieser grandiose Roman, der auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis stand, um jedoch gestern früh nicht auf die Shortlist genommen zu werden, ist der Auftakt zu einer Familiensaga. Zu ihr gehört, dass der Onkel bereits auf der Schwelle vom ersten Romandrittel zum zweiten Romandrittel zu Tode kommt, indem er in einem Krankenhaus einen Grand-Guignol-Tod stirbt, als zappelnde Marionette am langen Draht der Apparatemedizin.

J. hat dennoch ein literarisches Fortleben – doch so gut wie keine Seite in Maiers Heimatkunde ohne die Hyperfunktion einer abgründigen Ironie. Sie macht Halt vor nichts, nicht einmal vor einem Sylvestersonnenaufgang über der Wetterau, der nicht nur die Menschen und Sonnenanbeter nervös macht, sondern die Morgenlandschaft selbst „voller Erwartung“ zittern und vibrieren lässt.

Dieser ganze verheerende Humor wird nicht aufhören. Nein, keine Nestbeschönigung: „Tief hineinstechen in die Heimat, bis es nur so spritzt“, war schon das Motto der „Heimatkunde“. Gleich mehrere Bände der maierschen Familiensaga sind angekündigt, elf, so sickerte es durch. Maier bleibt der Heimataktivist, wie es sonst keinen mehr gibt.

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