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Heidegger Antisemitismus Es denkt ja keiner mehr

Fortgesetztes Streiten, und jetzt steht offenbar eine neue Runde bevor: Ist die Philosophie Heideggers noch zu retten?

30.03.2015 20:35
Dirk Pilz
Martin Heidegger (1889-1976). Foto: dpa

Und noch einmal 500 Seiten Heidegger. Band 97 der Gesamtausgabe, „Anmerkungen I – V (Schwarze Hefte 1942 – 1948)“. Sehr viel über das „Geschwätz“ allerorten und die „heute Stil gewordene Angst vor dem Denken“, über die „machenschaftliche“ Technik, über die Demokratie („Deckname für den planetarischen Schwindel“) – und über den Nationalsozialismus. Das ist nicht überraschend.

Vor einem Jahr erschienen die ersten drei Bände dieser „Schwarzen Hefte“, benannt nach der Farbe des Einbandes: Notizen Heideggers in schwarzen Kladden. Die Gesamtausgabe ist keine historisch-kritische, keine, die Streichungen, Ergänzungen und Änderungen dokumentiert, sondern eine „Ausgabe letzte Hand“. Sie wurde noch vor Heideggers Tod 1976 begonnen, und er wollte gern, dass diese „Schwarzen Hefte“ die Gesamtausgabe abschließen. Sie waren ihm besonders wichtig, um 1970 hat er sie noch einmal genau durchgesehen.

Es gibt sie schon vor dem Ende der Ausgabe, weil sie besonders wichtig für die Rezeption Heideggers sind. Heidegger glaubte, mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten sei das „deutsche Volk jetzt dabei, sein eigenes Wesen wieder zu finden und sich würdig zu machen eines großen Schicksals“. Und dieses Schicksal begriff er nicht nur politisch, sondern auch philosophisch. Seit „Sein und Zeit“ von 1927 verfolgte er den Gedanken, dass die Geschichte der Menschheit eine Fehlentwicklung in Richtung einer technischen „Machenschaft“ sei, eines „Seins“, das im Namen eines prozesshaft-dynamischen „Seyns“ überwunden werden müsse. Dafür sei ein „anderer Anfang“ notwendig, den er mit dem Nationalsozialismus gekommen sah – und durch das „Weltjudentum“ gefährdet. Ab 1938 spricht Heidegger vom „rechnenden Denken“ der Juden, die dieses „Machenschaftliche“ perfekt beherrschten. Er entwickelt einen Antisemitismus, der von seiner Philosophie nicht zu trennen ist.

Man sieht das abermals sehr deutlich im jüngsten Band der „Schwarzen Hefte“, wenn er den „Westmächten“ eine Nachkriegseuropapolitik der „Gedankenlosigkeit“ vorwirft. Das ließe sich noch als Revisionismus abtun, aber Heidegger schreibt an gleicher Stelle eben auch, dass der „Nazismus“ ein „Durchgang durch eine unumgängliche Entscheidung im Ganzen“ sei, nämlich unausweichliche Station auf dem Weg zum „Seyn“. Der „Irrtum“ über das Hitler-Regime habe allenfalls darin bestanden, „wie wenig vorbereitet“ und „geschichtlich geeignet“ die NS-Funktionäre gewesen seien.

Das ist ein Schock für die große Heidegger-Forschergemeinde weltweit. Bislang meinte man, die politischen Ansichten und die Philosophie Heideggers gut trennen zu können.

Man sieht es sehr schön an der ungemein gründlichen Freiburger Dissertationsschrift von Tobias Keiling, mit der er Heideggers Idee der Seinsgeschichte als phänomenologischen Realismus interpretiert; das ist ein durchaus neuer Punkt innerhalb der Heidegger-Exegese. Aber Keiling, der die „Schwarzen Hefte“ noch nicht kannte, tut, was der elaborierte Heideggerianismus immer sehr gern tat in der Vergangenheit: die Seins- von der Realgeschichte trennen. Und eben das ist jetzt nicht mehr möglich: Heideggers „seinsgeschichtlicher“ Antisemitismus und „Nazismus“ betrifft den Kern seiner Philosophie.

In Freiburg will man deshalb an der Albert-Ludwigs-Universität Heideggers einstigen Lehrstuhl in eine Juniorprofessor für Logik und sprachanalytische Philosophie umwandeln; dagegen regt sich großer Widerstand, verständlicherweise. Es wirkt wie der hektische Versuch, die Heidegger-Geschichte per Schlussstrich beenden zu wollen. Dabei kommt es darauf an, genau zu prüfen, ob etwa sein Frühwerk, vor allem „Sein und Zeit“, tatsächlich noch frei ist von seinem Antisemitismus, ob sich bestimmte Aspekte seiner oft triftigen Technikkritik etwa retten lassen.

Dafür braucht es diese Gesamtausgabe – die allerdings selbst ins Zwielicht geraten ist. Wie kann es zum Beispiel sein, dass im Band 39 die Abkürzung „N.soz.“ als „Naturwissenschaft“ gelesen wurde? Der Verleger Vittorio Klostermann hat kürzlich einen von der „Zeit“ öffentlich gemachten Brief an die Herausgeber geschrieben und besorgt nachgefragt, ob es womöglich weitere „Lesefehler“ oder „nachträgliche Streichungen“ gebe. Es sieht ganz danach aus. Es sieht danach aus, als müsse das Heidegger-Forschen und -Lesen noch einmal von vorn beginnen.

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