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"Harzreise" Wenn die Seele brennt

Balanceakt von Strenge und Aufgewühltsein: Dorothea Dieckmanns erstaunliche Erzählung leistet Erinnerungsarbeit an den Vater.

14.10.2008 00:10
ANTON THUSWALDNER

Eine seltsame Frau, diese Dorothea Dieckmann. Sie ist intelligent und zeigt das auch noch in jedem Augenblick. Das ist schon kühn genug. Aber sie geht noch weiter. Die Sprache handhabt sie auf hartnäckig eigenwillige Weise, nichts da von diesem trägen Allerweltsjargon, der immer und überall passt. Es bereitet ihr keine Schwierigkeit, eine Erzählung von knapp hundert Seiten zu einem Ereignis zu gestalten, das ein Lebensdrama, das die Seele verbrennt, als großes Gefühlskino ebenso wie als raffiniertes Denkstück in Szene setzt. Diese Autorin muss zuerst einmal gelobt werden dafür, dass sie mit der gängigen Leidens- und Erfahrungsprosa nichts im Sinn hat. Sie geht aufs Ganze, riskiert viel. Dieses Risiko trägt sie mit Anstand. Sie zeigt keine Angst vor Pathos und schreckt nicht davor zurück, in Berührung mit der Romantik zu kommen. Etwas altertümelnd Hehres macht sich breit, wenn die Erzählerin sich auf die Suche nach "einer anderen, versteckten Wirklichkeit" begibt und von einem "Geheimnis" redet, nicht irgendeinem; es handelt sich vielmehr um ein "anderes Geheimnis, ein lebendiges, offenes". Und hat man sich an diese etwas großspurige Herangehensweise gewöhnt, steht die Erzählerin schon wieder ganz wo anders und tritt so sperrig in Erscheinung, wie eine nur sein kann, die all ihre Skepsis aufbringt, um der "Legendenzeit", aus der sich Familienmythen speisen, eigenständige Recherchen entgegenzusetzen. In manchen Szenen erweist sie sich als ungeheuer starke, energische Erzählerin, in anderen als eine bloß ambitionierte. Aber immer geht es um die Existenz, also um alles.

Das Unglück steht am Anfang dieser Erzählung. Der Vater ist gestorben, die Tochter betreibt jetzt intensive Suche nach dem Menschen, der er einmal gewesen ist und der Familie, der er entstammt. Geblieben ist ihr von ihm ein Pastellbild des heute weitgehend vergessenen Malers Alfred Loges, ein Ausschnitt aus einer Landschaft im Harz, der Kindheitsregion des Vaters. "Das Bild spricht immer wieder meine Erinnerungen an", notierte er einmal. Auf den Satz stößt die Erzählerin zusammen mit anderen Aufzeichnungen und dem Bild in einer Kladde. Dieses Bild - es ist als Farbdruck dem Buch beigelegt - wendet sie als Schlüssel für das Leben ihres Vaters an. So kommt sie nie in Versuchung, sich dem emotionsgeladenen Stoff distanzlos zu nähern. Das Bild, die Aufzeichnungen ("Wenn ich besonders schöne oder wichtige Erinnerungen finden will, muss ich weit in meine Kindheit zurückgehen. Ich meine damit: vor die Nazizeit, also vor 1933 und damit vor das Jahr, in dem ich zur Schule kam") und die Spurensuche am Ort von Vaters Kindheit, das sind für die Erzählerin die Wege, Aufschluss über einen Menschen zu bekommen. Aber in Wahrheit brodelt und kocht es in ihrem Inneren; deshalb diese Gemengelage von lästigem Aufgewühltsein und einer selbst auferlegten Strenge und Konzentration.

Im Mittelpunkt steht das Bild. Es bündelt Zeitgeschichte. Aus der Tiefe der Vergangenheit kommt der vagabundierende Künstler, der öfters wochenlang im Gutshaus der Großeltern Quartier bezog und mit Bildern bezahlte. Was ist aus ihm geworden?

"Leute ohne festen Wohnsitz gehen leicht in der Geschichte verloren." Dann fordert diese Gutshausfamilie Aufmerksamkeit, sie gehört zu den Besseren im Dorf, fühlt sich wohl etwas erhaben über all die anderen. Der älteste Sohn allerdings ist stets umflort von einer Aura der Melancholie. Er verträgt die Grobheit seiner Alterskollegen nicht, bleibt Einzelgänger und Außenseiter. Mit diesem Verlorenheits-Nimbus stattet die Erzählerin ihren Vater auch als alten Mann aus. Die Zeiten werden härter, der Arzt wird aus dem innersten Kreis verstoßen, er flüchtet nach Palästina. Das Bild wechselt seine Besitzer, wird "von der Landschaft getrennt, die es festhielt". Es gerät nach dem Krieg zwischen die politischen Systeme, dabei "sollte es von Dauer sprechen".

Dorothea Dieckmann ist ein kleines kompaktes Stück Prosa gelungen, das auf knappem Raum von den inneren und äußeren Störungen des Gleichmaßes erzählt. Das Bild steht für die Sehnsucht nach Beständigkeit, Ruhe und für eine Macht der Natur, gegen die menschliches Drängen und Wollen belanglos wird. So entwirft die Erzählerin das Gegenprogramm zur Umwälzung aller Werte, der Vernichtung aller Sicherheiten und der Entwertung des Menschen. Grund genug für eine auftrumpfend rebellische Sprache!

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