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Haruki Murakami: Die unheimliche Bibliothek Der anspruchsvolle Kannibale

Der bildungshungrige Junge gerät im unterirdischen Labyrinth der Stadtbibliothek in das Verlies eines Bibliothekars, der scharf ist auf sein Gehirn, das er aussaugen wird - Haruki Murakamis Kindheits-Erzählung "Die unheimliche Bibliothek".

Junge mit bösen Träumen, etwa von riesigen Kellerasseln. Foto: Kat Menschik

Ein Junge, der, sowie er eine Frage hat, in die Stadtbibliothek rennt, um in den Büchern dort eine Antwort zu finden – das ist „es war einmal…“, ein Märchen also. Die älteren Leser werden sich an die Tage erinnern, die sie in Stadtbibliotheken zwischen den Regalen auf dem Boden sitzend verbrachten. Wie Murakamis Held. Während heute jeder Jugendliche in seinem Computer mehr Antworten findet, als er jemals Fragen haben könnte.

Der Weg hinaus war aber auch ein Akt der Befreiung, keine Mutter mehr, die jeden Moment ins Zimmer kommen konnte. Doch zu ihm gehörte die Angst vor dem Unbekannten, die Angst vor den Antworten.

Der bildungshungrige Junge in Murakamis Erzählung gerät im unterirdischen Labyrinth der Stadtbibliothek in das Verlies eines Bibliothekars, der scharf ist auf sein Gehirn, das er aussaugen wird, nachdem der Held es durch fleißige Lektüre, durch Auswendiglernen esoterischen Wissens über die Techniken des Steuereintreibens im Osmanischen Reich, so gekräftigt hat, dass es ein Leckerbissen sein wird für den anspruchsvollen Kannibalen.

Der Junge entkommt diesem Alb, von dem er und von dem auch der Leser nicht weiß, ob er nicht doch – wenigstens – in der Fiktion der Erzählung eine Realität war.

Ein Märchen mit der Brutalität, die zu diesem Genre gehört und mit jenem Zweifel an der Unmöglichkeit einer triftigen Unterscheidung von Traum und Wirklichkeit, die seinen größten Reiz ausmacht. Die Vorstellung, an einem so sicheren, behüteten Ort wie der Stadtbibliothek, von einem zu einem Monster mutierten Bibliothekar umgebracht zu werden, rührt an die grundlegende Verunsicherung, die jeder erfährt, der die Ängste der Kindheit mit dem Übertritt ins erwachsene Leben nicht hat ablegen können.

Es gibt im Leben eines Jeden immer wieder Augenblicke, da es schwer fällt, durch die eigene Angst hindurch die Wirklichkeit zu erkennen. Der Brief des Finanzamtes wird zu einem Existenz bedrohenden Ungeheuer wie der harmlose Bibliothekar im Albtraum von Murakamis Helden.

Wer das nur lächerlich findet, für den mag „Die unheimliche Bibliothek“ nichts als ein Kinderbuch sein, dem anzusehen ist, dass sein Autor Stephen King gelesen hat. Die anderen aber werden ihm auf den Leim gehen und sich wiedererkennen in dem Jungen, in seinem Traum von einem schönen Mädchen und einem Schafsmenschen – wir lesen Murakami –, die ihm heraushelfen aus dem Verlies seiner Angst.

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