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Harry Oberländer Vom Glück, dem Scheitern zu entgehen

Keine Sentimentalitäten, aber viel Literatur: Ein wohltuender Abschied für Harry Oberländer, scheidender Leiter des Hessischen Literaturforums im Mousonturm Frankfurt.

21.12.2015 09:43
Christoph Schröder
Harry Oberländer, hier noch als Leiter des Hessischen Literaturforums im Mousonturm. Foto: Andreas Arnold

Offiziell dürfen ja gar nicht so viele Menschen in diesen Raum im dritten Stock des Mousonturms. Aber es wollte und durfte ja auch niemand fehlen an einem Abend, an dem eine der zentralen Figuren der Frankfurter Literaturszene in den Ruhestand verabschiedet wurde: Harry Oberländer, im November 65 Jahre alt geworden, geht, und es ist nur zu hoffen, dass er nicht so ganz geht. Jedenfalls waren alle da (nur der Minister hatte keine Zeit).

Zum Ausstand hatte Björn Jager, Oberländers Nachfolger als Geschäftsführer des Hessischen Literaturforums, Freunde und Wegbegleiter gebeten, Oberländer auf der Bühne ihre Referenz zu erweisen für die „Pionierleistung“ (so Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth), die der in Bad Karlshafen geborene Frühzugezogene in rund 30 Jahren für das Hessische Literaturforum erbracht hat.

Die Würdigungen, die sich anschlossen, bezogen sich erstaunlicherweise weniger auf den Institutionsleiter denn auf den Dichter Oberländer. Der hat in diesem Jahr den ziemlich großartigen Gedichtband „chronos krumlov“ in der Edition Faust veröffentlicht. Alban Nikolai Herbst, der gemeinsam mit Eva Demski den Vorstand des Literaturforums bildet, eröffnete den Reigen literarischer Kurzinterventionen mit Variationen auf eines der Gedichte aus dem Band; eine ähnliche Idee hatten Olga Martynowa und Daniel Jurjew, während Oleg Jurjew Oberländer seinerseits mit einem Gedicht beschenkte, das dieser sogar in einem Rahmen mit nach Hause tragen durfte.

Eva Demski: „Sei lieb zu Dir“

Wilhelm Genazino würdigte Oberländer als einen Mann, der heiter und humorvoll geblieben sei, obwohl er wisse, „dass wir Glück brauchen, um dem Scheitern zu entgehen“. Eva Demski unterbreitete einige sinnvolle Vorschläge für die zukünftige Freizeitgestaltung (zum Beispiel für 7,50 Euro mit dem Schiff zur Gerbermühle fahren oder mal tagsüber in ein türkisches Dampfbad gehen). Dem Rat „Sei lieb zu Dir“ muss man sich so oder so anschließen.

Und Werner Söllner, langjähriger Weggefährte Oberländers, erinnerte sich an den Tag im Jahr 1983, an dem die beiden Männer sich kennen- und auf Anhieb schätzen lernten. Söllners Gedicht „Der Logenschließer“, dass Oberländer zugeeignet ist, war dann auch derart treffend, dass der Geehrte selbst es zum Abschluss noch einmal vorlas.

Es war ein wohltuend unsentimentaler Abend. Das Sentimentale liegt Oberländer nicht. Das Hessische Literaturforum schließt nun erst einmal für knapp drei Monate. Dort wird umfassend renoviert. Harry Oberländer wird sich nun dem Schreiben seiner Autobiografie widmen. Er hat viel zu erzählen.

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