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Harro Zimmermann "Friedrich Sieburg" Eine deutsche Karriere

Harro Zimmermanns große Biographie über den Publizisten und Nazi-Mitläufer Friedrich Sieburg: Der Biograph schont ihn nicht und übersieht nicht seinen fatalen Opportunismus. Der Respekt vor dem Stilisten und Ästheten Sieburg ist jedoch nicht zu überhören.

13.11.2015 17:43
Wilhelm von Sternburg
Friedrich Sieburg
Friedrich Sieburg, 1958. Zwei Jahre zuvor war er Leiter der Literaturbeilage der FAZ geworden. Foto: Picture alliance

Ein schillernder Charakter wird betrachtet. Der Publizist, Schriftsteller und Historiker Friedrich Sieburg (1893-1964) machte in allen politischen Systemen, die sein Leben begleiteten, Karriere. Ehrgeiz, Narzissmus und Begabung lassen diesen Egomanen die Katastrophen seiner Zeit glänzend überstehen. Nach den Studentenjahren in Heidelberg – wo er zum glühenden Stefan-George-Anhänger wird, aber rasch beim „Meister“ und seinem Kreis auf Ablehnung stößt – und Tübingen wird er Offizier und Kriegsteilnehmer. In den Weimarer Jahren geht er 1924 als Korrespondent für die „Frankfurter Zeitung“ nach Paris und verdrängt den wesentlich bedeutenderen Journalisten und Schriftsteller Joseph Roth aus dieser Position. Roth 1925 über den „Konkurrenten“: „Sein Charakter soll seinem Talent nicht entsprechen.“

Ende der zwanziger Jahre schließt sich Sieburg dem von Hans Zehrer geleiteten rechtskonservativen Tat-Kreis an. Die sich politisch überhebenden Tat-Leute glauben mit einer autoritären Staatsführung unter der Führung von Reichswehrminister Kurt von Schleicher ließe sich die Republik und der Ansturm der Links- und Rechtsradikalen überwinden.

Als Hitler an die Macht kommt, bekennt sich Sieburg öffentlich zum Dritten Reich. Der Literaturwissenschaftler und ehemalige Redakteur bei Radio Bremen, Harro Zimmermann, hält in seiner Biographie fest: „Ein Jahr nach der Machtergreifung Hitlers ... steht er stramm an der Seite der neuen deutschen Außenpolitik.“ Bis 1939 bleibt Sieburg Paris-Korrespondent der „Frankfurter Zeitung“ und stellt sich willfährig in den Dienst des Auswärtigen Amtes. Zu Recht hebt Zimmermann hervor, dass Sieburg kein Antisemit und kein überzeugter Anhänger des Nationalsozialismus war. Allein um seiner persönlichen Karriere willen wird dieser eitle Selbstdarsteller zum aktiven Mitläufer und handelnden Diplomaten des Naziregimes.

Über den deutschen Juden Heinrich Heine, dessen Werk er im Grunde überaus schätzt, schreibt Sieburg 1942 ungemein diffamierende Zeilen, und im Ausland setzt er sich in den dreißiger Jahren für die Ideen und Taten der Nazis ein. Als enger Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Paris hat er mit Sicherheit ausreichende Informationen über den Terror und die Kriegspläne der Berliner Regierung. Zimmermann zitiert den im Pariser Exil lebenden und später in der DDR journalistisch arbeitende Maximilian Scheer mit den vernichtenden Sätzen: „Er war ein Mitverschwörer, um nicht zu sagen ein Agent der Nazis ... Sieburg war aktiv mitschuldig an der Vorbereitung des Krieges.“

Sieburgs zweijähriges Berufsverbot

Im Kreis der deutschen Exilanten bleibt der Nazi-Helfer ein Geächteter. Er wird zum Vorbild für Lion Feuchtwangers Figur des opportunistischen Journalisten Erich Wiesener im Roman „Exil“. Für Thomas Mann ist er 1934 ein „Agent des Propagandaministeriums“, und im November 1945 wird Mann sich im Tagebuch über die „Frechheit ... der Verwendung von Nazis in Deutschland“ empören und dabei den Namen Sieburg notieren. Dieser wiederum nennt die Emigranten „hochverräterische“ Ignoranten, die auf die „Niederlage Deutschlands“ warten.

Auch nach 1945 bleibt der sich ins Schwäbische zurückziehende Sieburg ein Konservativer. Er verdrängt und vertuscht seine NS-Karriere. Die Niederlage ist für ihn keine „Befreiung“ sondern ein „Unglück“, und im Tagebuch notiert er, Hitlers Blutrichter Roland Freisler sei „zu früh gestorben“. Nicht nur der Schriftsteller Robert Neumann wird im Fall Sieburg „die Konspiration des Schweigens bezüglich der Kompromittierten des Dritten Reiches“ beklagen. „Ich reserviere mein Mitleid für seine und meine Kollegen Ossietzky und Mühsam – zu Tode geprügelt, während der ,Lutteur et Nazi‘ wie Gott in Frankreich saß.“

Nach zweijährigem Berufsverbot beginnt Sieburgs bundesrepublikanische Karriere. Er steigt in der Medienlandschaft – so jedenfalls wissen es seine Bewunderer zu interpretieren – zum „Literaturpapst“ auf. Ein Papst der die neue deutsche Literatur – Günter Grass, Heinrich Böll, Martin Walser, Arno Schmidt, Alfred Andersch usw. – in seinen Artikeln und Rezensionen mit höhnischer Missachtung belegt.

Nachdem er Karl Korn mit Hilfe des damals mächtigen FAZ-Herausgebers und Sieburg-Bewunderers Erich Welter aus der Verantwortung für das Literaturblatt der Zeitung herausdrängt hat, nimmt er in seiner neuen Führungsrolle entscheidend Einfluss auf die konservative Wende der FAZ, die sich in den kommenden Jahren immer stärker abzeichnet. Hat Korn noch redlich seine eigene Nazivergangenheit öffentlich aufgearbeitet, sich als leitender Feuilletonredakteur für die Autoren der „Gruppe 47“ und die Werke der Moderne in der Malerei eingesetzt, liest man jetzt bei Sieburg: „Hans Werner Richter ist ein Manager von großem Geschick, seine ,Gruppe 47‘ verleiht sich gegenseitig Literaturpreise, und im Schallkreis seines Megaphons verwandelt sich jedes zaghafte Beginnen in ein Lebenswerk, das die Rundfunkprogramme und die kulturellen Pressenotizen füllt.“

Sieburgs Bücher sind heute noch lesbar

Die Bilanz seines Biographen Harro Zimmermann trifft den Punkt: „Dass die intellektuellen Kämpfe und Interventionen der Grass und Walser, der Enzensberger, Böll und Richter, der Jens und Habermas jemals den Boden bereiten könnten für eine neue geachtete Identität der Bundesrepublik, deren moralischer Kern im Gedanken an die Schuld der Deutschen wurzelt, überschreitet die Grenzen des geschichtlichen Erfahrungshorizonts bei Friedrich Sieburg.“

Zimmermann hat eine bedeutende und wichtige Biographie geschrieben. Er schont seinen „Helden“ nicht und übersieht nicht den fatalen Opportunismus dieses von Ruhmsucht und gesellschaftlichem Ehrgeiz überwältigten Literaten, Machtmenschen und Snobs. Der Respekt des Biographen vor dem Stilisten und Ästheten ist jedoch nicht zu überhören. Und Zimmermann ist ein genauer Leser. Mit Blick auf sein publizistisches und schriftstellerisches Werk – und das steht im Mittelpunkt seiner Darstellung – findet er dafür viele treffende Belege.

Sieburgs Bücher über Robespierre, Napoleon und Chateaubriand sind noch heute lesenswert, erinnern an Stefan Zweigs Blick auf die Größen der Geschichte. Seine Reisebücher – über die Arktis, Frankreich, Polen, Portugal, Afrika – fesseln. „Gott in Frankreich?“ erscheint bereits 1929 und wird ein Bestseller. In seinen späteren Jahren hat Sieburg in der Zeitschrift „Gegenwart“ einige wunderbare Feuilletons veröffentlicht. Sie reichen von Gedanken über Emile Zola und Stefan George bis zu Reiseimpressionen von Besuchen in New York, Wien oder Kopenhagen oder zu seinen amüsanten, ironischen Blicken auf die bundesdeutsche Gesellschaft. Seine Rezensionen sind jenseits der französischen Literatur, die er in der Tat kannte, wie nur wenige Deutsche, dagegen doch häufig einseitig und immer auch von dem ärgerlichen Versuch mitbestimmt, kulturpolitischen Einfluss zu gewinnen.

Bei allen individuellen Unterschieden: Sieburg gehört in die Reihe der demokratischen Totengräber vom Schlage der Carl Schmitts, Martin Heideggers oder leider auch Gottfried Benns. Ihre Intelligenz und Begabung reichte nicht aus, um ihre menschlichen Schwächen zu besiegen. Als es darauf ankam, schlossen sie aus Ehrgeiz und Arroganz einen Pakt mit dem Teufel. Deutsche Karrieren.

Für alles lässt sich – Zimmermanns Biographie zeigt dies – in einem solch umfangreichen Werk irgendwo immer etwas finden, was erklärt, gar entschuldigt oder entlastet. Aber nicht nur, was wir schreiben, ist entscheidend, sondern wohl mehr noch, wie wir in den existentiellen Momenten der Geschichte und der Gesellschaft handeln.

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