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Harper Lee Als Scout fast den Verstand verlor

Man hat Harper Lee keinen Gefallen getan: Ihr früher Roman um die Familie Finch muss befremden, da ihr späterer Held Atticus in "Gehe hin, stelle einen Wächter", Rassist ist.

Die Schriftstellerin Harper Lee im Jahr 2006. Foto: dpa

Nur alle paar Jahrzehnte erscheint ein Buch, das eine Gesellschaft so bewegt, ihren Nerv so trifft, dass es auf der Stelle in den Kanon großer Werke aufgenommen wird. 1960 geschah das mit „To Kill a Mockingbird“ (deutscher Titel „Wer die Nachtigall stört“) der damals 34-jährigen Harper Lee. 1961 erhielt sie dafür den Pulitzer-Preis, 1962 schon spielte Gregory Peck in der oscargekrönten Verfilmung den aufrechten Anwalt Atticus Finch, couragierter Kämpfer gegen Rassismus. Der Roman wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt und verkaufte sich mit bisher rund 40 Millionen Exemplaren. Sein fast mythischer Ruf wurde über die Jahre gefestigt dadurch, dass Harper Lee nach 1960 nichts mehr veröffentlichte.

Vor Monaten raunte es plötzlich von einem Manuskript. Dann begann auch schon der Streit darum, ob Harper Lee die Veröffentlichung selbst wünschte oder dazu genötigt worden war oder gar überhaupt nicht mehr in der Lage ist, ihr frühes Manuskript zu beurteilen. Jetzt ist „Gehe hin, stelle einen Wächter“ (Jesaja 21:6) erschienen – offizieller Erscheinungstermin in Deutschland ist der morgige Freitag –, ein Roman, der seine Verfasserin zwar nicht blamiert, der aber trotzdem ein befremdliches Licht wirft auf „Wer die Nachtigall stört“. Denn bei dem Manuskript handelt es sich, so die Angaben des amerikanischen Verlags, um einen 1957 eingesandten Mockingbird-Entwurf, der damals abgelehnt wurde. In ihm begegnet man der Familie Finch rund 20 Jahre später wieder (als Harper-Lee-Leser kann man ihr 2015 eben nur wiederbegegnen, das ist fatal) und lernt einen Atticus Finch kennen, der im Atomzeitalter lebt und Rassist ist.

Was Atticus Finch plötzlich redet

Man kann das nicht schönreden. In einem großen, furiosen, über viele Seiten reichenden Streit mit seiner Tochter Scout (eigentlich: Jean Louise), sagt Atticus Sätze wie: „Willst du scharenweise Neger in unseren Schulen und Kirchen und Theatern? Willst du sie in unserer Welt?“ Jean Louise besteht auf Chancengleichheit, besteht darauf, dass nicht „der weiße Mann eine Karte oben vom Stapel bekommt und der Neger eine Karte von unten“. Doch als Atticus sie fragt, ob ihr nicht klar sei, „dass unsere Negerbevölkerung rückständig ist“, da antwortet seine Tochter „Ja doch.“ Kurz vor Romanschluss wirft sie ihre Sachen in einen Koffer, um auf der Stelle zurückzureisen nach New York und ihren Vater und das rassistische Südstaaten-Kaff Maycomb nie, nie, nie wiederzusehen. Noch kürzer vor Romanschluss taucht ihr geliebter Onkel auf, ohrfeigt sie, dass ihr die Zähne bluten – worauf sie begreift, dass ihr arthritischer, 72-jähriger Vater sie braucht.

Spätestens da stellt sich die Frage, welchen Einfluss der Verlag zwischen 1957 und 1960 genommen haben mag. So dass aus einer in „Gehe hin“ nur in der Rückschau und sehr knapp erzählten Geschichte um einen schwarzen Jungen, der ein weißes Mädchen vergewaltigt haben soll und von Atticus Finch verteidigt wird, das Zentrum eines großen, dramatischen Romans wurde.

Denn das ist der Vorläufer nicht. Über weite Strecken plätschert er harmlos, heiter, mit zart satirischer Schärfe, die (weiße) Gesellschaft von Maycomb betreffend. Manche Passagen fallen auch komplett aus dem Zusammenhang, zum Beispiel ein seitenlanges Gespräch über Doxologie, das jeden grandios langweilen muss, der sich nicht für die Feinheiten kirchlicher Liturgie interessiert.

Die brutale Desillusionierung

In „Wer die Nachtigall stört“ hört man Scouts, Jean Louises, frische, kesse Kinderstimme. Hier wird in der dritten Person von ihr erzählt, doch geht es in der Hauptsache um ihre Entfremdung vom Heimatort und um eine abrupte, brutale Desillusionierung, bei der sie „fast den Verstand verliert“. Den angehimmelten Vater muss die junge Frau endlich vom Podest stoßen, um sich anschließend wieder mit ihm versöhnen zu können. Auf handgreifliche Art rückt ihr Onkel ihr den Kopf zurecht – eine Wendung, die man heute ungeheuerlich finden muss, die aber vielleicht bei einer Veröffentlichung in den 50er Jahren als so inakzeptabel gar nicht empfunden worden wäre.

Jean Louise fährt also mit dem Zug von New York nach Maycomb, wird von ihrem „lebenslangen Freund“ – und bald Ehemann? – Henry Clinton alias Hank abgeholt, kabbelt sich gleich mal mit ihrer Tante Alexandra mit den „Flussbootmanieren“, skandalisiert den ganzen Ort, indem sie mit Hank (angeblich) nachts nackt baden geht. Sie gibt – oder vielmehr: ihre Tante verdonnert sie zu geben – einen Kaffeeklatsch für die (weißen, strohdoofen) Frauen Maycombs. Zwischendurch erinnert sie sich an einen Schulball, bei dem ihr ein falscher Busen verrutscht ist; da war sie 14. Zwischendurch erinnert sie sich an ihre erste Periode und die Panik einer mutterlos Aufgewachsenen, Unaufgeklärten. Haushälterin Calpurnia tröstet sie. Als sie sie nun besucht, glaubt sie auch das zu begreifen: Dass Calpurnia sie nicht wirklich geliebt, dass sie in ihr immer „eine Weiße gesehen“ hat, die man als schwarze Angestellte doch auch fürchtet.

Eine in der großen Stadt vollends liberal und weltoffen gewordene junge Frau: Sie ist die unbezweifelbare Hauptfigur in „Gehe hin, stelle einen Wächter“. Es ist nicht weit hergeholt, in dieser jungen Frau Harper Lee zu erkennen: Ihr Vater war Anwalt, auch sie ging nach New York, auch sie kam offenbar mit ihrer Alabama-Heimat Monroeville später eher schlecht zurecht. Jedenfalls lebt sie dort seit langem wieder äußerst zurückgezogen.

Doch ein zweitklassiges Werk

In „Gehe hin, stelle einen Wächter“ lässt sich Jean Louise vor allem von einem Argument überzeugen: Die alteingesessene Familie Finch – so sagen es Atticus, Henry, der Onkel – muss mit ihren Maycomb-Nachbarn zurechtkommen; deswegen ist es besser, in einem rassistischen „Bürgerrat“ zu sitzen und zu wissen, was dort so gesagt wird, als zum Außenseiter zu werden. „Maycomb“, fasst Henry Clinton zusammen (auch ihn verachtet Jean Louise zwischendurch leidenschaftlich), „vertraut mir und ich vertraue Maycomb. Ich verdiene meine Brötchen in dieser Stadt, und Maycomb ermöglicht mir ein gutes Leben.“ Die junge Frau findet das abgrundtief feige. Die junge Frau überlegt es sich zuletzt anders, verabredet sich jedenfalls wieder mit Henry.

Es ist die Tragik des früher geschriebenen, viele Jahrzehnte später erschienenen Romans, dass es auf der Welt kaum einen Menschen geben dürfte, der ihn ohne die Kenntnis von „Wer die Nachtigall stört“ lesen wird. Und dass er vor der Folie des gelungenen, bewegenden Werks eben als höchstens mittelprächtig gelungen bezeichnet werden muss. Zudem irritiert der krasse Sinneswandel des Atticus Finch zwangsläufig auch wenn er in eine Zeit fällt, in der die beginnende Emanzipation der Afroamerikaner zur Verunsicherung der Weißen führte. Trotzdem hilft da kein flammender Widerspruch, kein letztendliches Verzeihen seiner Tochter.

Harper Lee, inzwischen 89 Jahre alt, ist durch diese Veröffentlichung nicht wirklich ein Dienst erwiesen worden. Zu heftig kollidieren nun die beiden Romane, zu unübersehbar sind die Fragezeichen.

Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter. Roman. Aus dem Englischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2015. 320 S., 19,99 Euro.

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