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Hans Scholl „Endlich ist dieser Krieg entfesselt“

Geduldig schildert eine Biografie von Jakob Knab Hans Scholls Weg in den Widerstand.

Sophie und Hans Scholl
Sophie Scholl verabschiedet Freunde und Hans Scholl (2. v. l.). die in einer Studentenkompanie zum Sanitätsdienst an die Ostfront abkommandiert wurden. Foto: epd

Pünktlich zum 100. Geburtstag des am 22. September 1918 geborenen Hans Scholl legt Jakob Knab eine einfühlsame Biografie des bekannten Widerstandskämpfers gegen den NS-Unrechtsstaat vor. Das Buch behandelt den keineswegs gradlinigen Lebenslauf des Münchner Studenten, dessen Leben schon mit 24 Jahren auf dem Schafott endete. Weiterhin analysiert der studierte Theologe und Religionswissenschaftler Knab „die ideengeschichtlichen Tiefen“ der sieben Flugblätter der studentischen Widerstandsgruppe „Weiße Rose“. Ein Buch wie dieses kann mit einiger Aufmerksamkeit rechnen, denn Sophie und Hans Scholl haben einen festen Platz in unserer Erinnerungskultur. Nahezu 200 Schulen, darunter 30 Gymnasien – unter ihnen das Geschwister- Scholl-Gymnasium in Waldkirch – tragen ihren Namen.

Hans und Sophie Scholl stehen für den seltenen Mut, mit den Mitteln des geschriebenen Wortes – gemeint sind die sieben Flugblätter der „Weißen Rose“ – die Unterdrückung jeglicher Freiheit im Staate Hitlers öffentlich angeprangert und dafür sogar das eigene Leben eingesetzt zu haben. Das war angesichts des verbreiteten Mitläufertums sowie der Apathie und der Passivität der großen Mehrheit der damaligen Deutschen etwas ganz Außergewöhnliches. Leider stehen die anderen Mitglieder der „Weißen Rose“, die nicht minder mutig waren, bis heute weitgehend im Schatten der prominenten Geschwister.

Seine ersten Lebensjahre verbrachte Hans Scholl in der Gegend von Crailsheim im Nordosten des heutigen Baden-Württemberg in einem ländlichen Milieu. Er entstammte einer kinderreichen Familie. Zwischen ihm und seinen Eltern bestand ein enges Vertrauensverhältnis, auf das er in Krisensituationen immer wieder stützen konnte. Jakob Knab schildert Hans Scholl als einen charismatischen und politischen Kopf, als einen waghalsigen jungen Menschen voller Vitalität und überbordender Energie, mit Ehrgeiz und Gewissenhaftigkeit, mit jugendlicher Lebensfreude, die gepaart war mit einem gewissen Leichtsinn, weiterhin als einen Mann, dem schon als knapp Zwanzigjähriger davon träumte, „etwas Großes“ zu werden „für die Menschheit“, dem also ein starkes, wenngleich noch nicht zielgerichtetes Sendungsbewusstsein eignete.

Anfänglich begeisterte sich der jugendliche Hans Scholl für den Nationalsozialismus und engagierte sich in der Hitler-Jugend. Als 17-Jähriger kam er zur dj.1.11., einem Ableger der Bündischen Jugend, erlebte mir ihr eine Lapplandfahrt, las in dieser Zeit Werke von Stefan George, wurde 1937 wegen „bündischer Umtriebe“ und wegen einer vermeintlich homosexuellen Veranlagung von der Gestapo verhaftet, vom zuständigen Gericht jedoch freigesprochen. Diese Zeit, schreibt Knab, sei ein Wendepunkt in Scholls Leben gewesen. Er geriet in eine schwere Sinnkrise. Das im Sommersemester 1939 in München begonnene Studium der Humanmedizin ließ dem ehrgeizigen Studiosus die Zeit, sich mit grundlegenden philosophischen Werken vertraut zu machen. Er las Plato, Augustinus, Thomas von Aquin, Nietzsche, Kierkegaard, John Henry Newman, Ernst Wiechert, Carl Muth, und – für ihn von nachhaltiger Bedeutung – den deutschen Kulturhistoriker und dezidierten Antimilitaristen Theodor Haecker („Was ist der Mensch?“, 1933). Es zeichnet Knabs Darstellung aus, dass er geduldig und bohrend dem langwierigen geistigen Prozess der Identitätsfindung Scholls nachspürt, den er – lesehungrig – in den Jahren 1937 bis 1941 durchmachte.

Mit Erstaunen lesen wir, dass die Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 bei Scholl keine erkennbaren Reaktionen hervorrief. Den Kriegsbeginn 1939 kommentierte er mit dem irritierenden Satz, er sei froh, „dass endlich dieser Krieg entfesselt worden ist“. Selbst der deutsche Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 machte Scholl noch nicht zum politisch Oppositionellen. Seit dem Krieg gegen Frankreich, an dem er teilnahm und in dem er die Unterdrückung der Franzosen durch die Deutschen miterlebte, wuchs ganz allmählich Scholls Aversion gegen den Nationalsozialismus. Aber erst durch die intensive Hinwendung zum christlichen Glauben fand er Ende 1941 die endgültige Kraft zum Widerstand.

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