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Hans Mommsen Fassungslosigkeit, die sich mitteilt

Lang erwartet: Der zweite Teil von Saul Friedländers epochalem Werk über die Vernichtung der Juden

02.10.2006 00:10

Nach Saul Friedländers Buch Das Dritte Reich und die Juden 1933 - 1939 (1997) ist endlich unter dem Titel Die Jahre der Vernichtung der mit Spannung erwartete Fortsetzungsband für die Zeit des Zweiten Weltkrieges erschienen. Man kann Friedländers Schilderung der "Endlösung der europäischen Judenfrage" nur mit tiefer Erschütterung und Ergriffenheit, als Deutscher zugleich mit einem Gefühl der Beschämung, aus der Hand legen. Sie berichtet von der Entrechtung und Ermordung der mehr als fünf Millionen Juden, die dem Zugriff der Schergen Hitlers erlagen und Jahre langer erniedrigender Unterdrückung und qualvollem Tod ausgesetzt waren.

Friedländer verzichtet bewusst auf eine durch "wissenschaftliche Distanz" und vorgebliche "Objektivität" bestimmte Darstellungsform, hinter der sich, wie er vermerkt, allzu leicht "Selbstgefälligkeit" verbirgt. Stattdessen bietet er einen dokumentarischen Bericht der vielfältigen Verfolgungsschritte und lässt immer wieder zeitgenössische Tagebuchaufzeichnungen zu Wort kommen, in denen das Schicksal einzelner Juden anschaulich wird. Diese Zeugnisse rufen die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung ins Bewusstsein, in der sich die wehrlosen Opfer befanden, die dem menschenverachtenden Terror des Regimes ausgesetzt waren. Die millionenfachen Massenmorde verlieren so ihre Abstraktheit, treffen sie doch immer einzelne Individuen.

Friedländer gliedert seine Darstellung in zehn chronologische Abschnitte, die von Terror über Massenmord bis zur Shoah führen. Darin reiht er die einzelnen regionalen Vorgänge und Maßnahmenbündel, politischen oder militärischen Ereignisse aneinander und vermittelt ein Kaleidoskop von Geschehnissen, das dem Leser die Multiperspektivität der zeitgenössischen Wahrnehmung vor Augen führt und ihm ein lebendiges Bild von der Lage der Juden auch in den vom Dritten Reich besetzten oder abhängigen europäischen Ländern, von den Auswirkungen der eskalierenden antisemitischen Maßnahmen und der Verflochtenheit der einzelnen Politikfelder verschafft. Zugleich werden die Außen- und die Besatzungspolitik, die jeweils sich verändernde militärische Lage und deren Rahmenbedingungen knapp skizziert.

Der Nachteil dieser narrativen Darstellungsform liegt darin, dass die Funktion der vielfältig eingeschalteten bürokratischen Apparaturen, aber auch diejenige der Täter selbst eher marginal, überwiegend in den Fußnoten abgehandelt wird. Zugleich treten die Zäsuren des Verfolgungsprozesses nicht immer scharf genug hervor, so die Preisgabe des Konzepts der Zwangsmigration der Juden zugunsten wechselnder Reservatlösungen bis hin zum Madagaskarplan, der bei Hitler schließlich nur als Floskel für eine imaginäre Gesamtlösung auftaucht. Die Unterscheidung zwischen der in der NS-Propaganda, aber auch im dienstlichen Verkehr der NS-Funktionäre sorgfältig eingehaltenen Sprachregelung einer Deportation der Juden "nach Osten" und deren tatsächlicher Liquidierung gerät etwas aus dem Blick, obwohl das Festhalten an dieser Fiktion es den Deutschen erleichterte, den Judenmord zu verdrängen oder zu verleugnen.

Friedländer geht wie im ersten Band davon aus, dass die "ideologisch-kulturellen Faktoren", damit der Komplex des Antisemitismus, die "wesentlichen Triebkräfte der nationalsozialistischen Judenpolitik" dargestellt hätten. Ihnen gegenüber räumt er den politischen und institutionellen Faktoren eine eher ungeordnete Bedeutung ein. Eine Interaktion zwischen der SS-Zentrale und den regionalen Behörden im Vollzug der "Endlösung" , wie im Falle der Initiativen Odilo Globocniks in Ostgalizien, lehnt er ab; er sieht das eigentliche Entscheidungspotential ausschließlich bei Hitler und Himmler. Desgleichen erscheinen ihm die Bemühungen, die Shoah als Resultat eines spezifisch deutschen "Sonderwegs" zu interpretieren, wenig überzeugend. So distanziert er sich von Deutungen, welche die Judenverfolgung als Bestandteil einer umfassenderen Herrschaftsstrategie des Regimes betrachten, wie zuletzt Götz Aly in Hitlers Volksstaat. Er erblickt den entscheidenden Faktor in der "persönlichen Wirkung" Adolf Hitlers und dessen "zwanghaften Antisemitismus". Ohne diese sei die Eskalation der Verfolgung hin zum Massenmord nicht denkbar gewesen. Sie traf auf die in Deutschland schon länger herausgebildete "antijüdische Kultur", die bewirkte, dass sich nirgendwo Widerstandskräfte artikulierten.

Mit Akribie verzeichnet Friedländer die antisemitischen Tiraden und Ausfälle des Diktators, mit denen er sich jedoch bis zum Sommer 1941 fühlbar zurückhielt, um ihnen in der Spätphase des Krieges freien Lauf zu geben. Hitler habe, so Friedländer, die Juden als "tödliche und aktive Bedrohung" aufgefasst, die Judenfeindschaft habe daher eine grundsätzlich andere Qualität besessen als die Phobien gegen Kommunisten, "Fremdrassige", Slawen oder "Asoziale". Daher liegen Friedländer Überlegungen fern, die Zuspitzung des Rassenantisemitismus auf eine "negative Selektion der Weltanschauungselemente" (Martin Broszat) zurückzuführen. Das metahistorische Axiom vom Juden als "Weltbrandstifter" sei für Hitler von Anfang an bestimmend und im Grunde bis zum Selbstmord unverändert geblieben.

Schärfe und Radikalität der antijüdischen Ausfälle Hitlers hätten sich jedoch mit den ersten militärischen Rückschlägen, so nach der Schlacht vor Moskau, nachhaltig gesteigert und in den letzten Kriegsmonaten eine extreme Zuspitzung zu erfahren. Die von ihm zuvor geübte taktische Zurückhaltung sei nach der Kriegserklärung gegen die USA am 11. Dezember 1941 fallen gelassen worden. Zuvor habe der Diktator vergeblich erwogen, Roosevelt durch verschärften Druck auf die Juden zu außenpolitischem Wohlverhalten zu bewegen. Im Zeitraum von Oktober bis Dezember hätte sich Hitler dann endgültig zur Durchführung der Shoah entschlossen.

In diesem Zusammenhang legt Friedländer auf Hitlers Ansprache in der Reichskanzlei am 12. Dezember großes Gewicht, die der Begründung des Kriegseintritts gegen die USA diente und nur in Goebbels' Tagebuch knapp erwähnt wird. Hitler habe in dieser Situation die Notwendigkeit gesehen, seinen Getreuen "grünes Licht" in der Judenfrage zu geben und "über seinen Glauben an die jüdische Gefahr im Falle eines Weltkrieges hinaus das erfüllen" zu müssen, "was er prophezeit hatte, sobald die Umstände, die zur Vernichtung der Juden führen sollten, eingetreten waren". Diese Formulierungen erinnern an das Aperçu von Martin Broszat, dass die "Phraseologie sich schließlich selbst beim Wort nehmen musste", dass die vorgestellte propagandistische Dimension schließlich mit der realen zusammenfiel. Auch die Bemerkung Friedländers, dass für Hitler "das Judentum als eine aktive Entität von dem konkreten Schicksal der Juden, die unter deutscher Herrschaft ermordet worden waren, unabhängig war", ließe die Deutung zu, dass die Judenfeindschaft für Hitler, der einem fortschreitenden Realitätsverlust erlag, primär eine ideologische Wahnidee und keine konkrete Handlungsmaxime darstellte.

Daraus ließe sich erklären, warum Hitler mit minimalen Ausnahmen auf die konkreten Verfolgungsschritte, abgesehen von Teilmaßnahmen, die er anordnete, nirgends einging und entsprechende Informationen, wie im Fall des Korherr-Berichts, eher von sich fernhielt. Er verlieh seiner Judenfeindschaft zwar in immer größerem Umfang Ausdruck, der Liquidationsprozess selbst fand aber niemals direkte Erwähnung, auch nicht in den späten Zeugnissen bis hin zum Politischen Testament. Auch scheint sich der Diktator an die offizielle Sprachregelung gehalten zu haben, dass die Juden nur "weiter nach Osten" deportiert würden. Jedenfalls ist fraglich, dass Hitler am 12. Dezember 1941 einen förmlichen Befehl zur umfassenden "Endlösung" erteilt hat, wie Friedländer es nahe legt. Wie dies auch immer sich verhält, so "funktionierte der den ganzen Kontinent überziehende Ermordungsfeldzug in seinen grundlegenden Operationen als ein administrativ-bürokratisches System" seit Mitte 1942, wie Friedländer betont, reibungslos und wurde auf allen Ebenen von einem extremen "antijüdischen Fanatismus" vorangetrieben, während nennenswerter Widerstand ausblieb.

Mit den Deutschen geht Friedländer in diesem Zusammenhang nachdrücklich ins Gericht. Den vereinzelten Bemühungen, der Judenverfolgung entgegenzutreten, stehen unendlich viele Zeugnisse gegenüber, die eine weitreichende Akzeptanz der NS-Judenpolitik belegen. Die direkte und indirekte Bereicherung der Einzelnen am jüdischen Vermögen und die Arisierung sowie die Übernahme jüdischen Wohnraums gehören in diesen Kontext. Von dem Verdikt, den Juden Hilfe verweigert zu haben, nimmt er die beiden christlichen Kirchen nicht aus. Auch dem Widerstand gegen Hitler attestiert er eine mindestens zweideutige Haltung, von einigen Ausnahmen abgesehen. Desgleichen konstatiert Friedländer ein Versagen der internationalen Politik, des Papsttums, des Jischuws, ja selbst der jüdischen Verbände. Hingegen wehrt er sich gegen eine pauschale Verurteilung der Judenräte, deren in der Regel hinhaltende Taktik gegenüber den deutschen Behörden ebenso aussichtslos war wie die vereinzelten Versuche, gewaltsamen Widerstand zu leisten.

Eindrucksvoll berichtet Friedländer von den erschreckenden Kindertransporten, den Ermordungen der Kinder, die Opfer medizinischer Experiment wurden oder einfach "überflüssig" waren, der Rolle der Helfer, die noch in der letzten Stunde Transporte in den Tod wie die Morde bereitwillig durchführten und die wenigen verzweifelten Versuche, die Kinder vor dem Zugriff der Schergen zu retten, denen der Autor selbst sein Leben verdankt.Die "Fassungslosigkeit", von der Friedländer spricht, teilt sich dem Leser mit, und damit auch die quälende Frage, warum die Deutschen bis zuletzt, befangen von hysterischer Hitler-Verehrung und Angst vor Vergeltung, wenn auch zunehmend widerwillig, den Durchhalteparolen folgten.

Im Zusammenhang mit der Frage, was der Westen erfuhr, erwähnt Friedländer Georg Lichtheim, der im Juli 1942 an der Aufgabe, einen Essay über die Frage, was mit den Juden Europas geschehe, zu verfassen, schier verzweifelte, weil es, wie er schrieb, unmöglich sei, "eine Geschichte aus fünf Millionen persönlichen Tragödien, von denen jede einzelne einen ganzen Band füllen würde", zu erzählen. Saul Friedländer hat dies in seinem epochalen Werk trotzdem versucht, und es ist unser Teil, ihm unsere Dankesschuld für diese eindrucksvolle humane Lebensleistung ein wenig abzutragen. Indem sein Werk unvorstellbares Leid und unsagbare Verbrechen ins Bewusstsein ruft und die Abgründe menschlichen Handelns aufreißt, hilft es, dies Geschehen zu bannen und eine Wiederkehr zu verhindern.

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