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Hans Joas Quellen der Lebenskraft

Von einschneidender Bedeutung: Der Soziologe Hans Joas deutet in seinem neuen Buch „Die Macht des Heiligen“ die Moderne.

Es ist nicht zu hoch gegriffen, den Philosophen und Soziologen Hans Joas zu den bedeutendsten deutschsprachigen Denkern der Gegenwart zu zählen. Denn Joas, der an der Humboldt-Universität Berlin und in Chicago Professuren innehat, gelingt es, unsere Gegenwart zu analysieren, ohne sie in vorgefertigte Begriffsapparate zu sperren. Ohne an der Vielförmigkeit und Widersprüchlichkeit der Lebenswelt und ihrer Phänomene vorbeizuphilosophieren. Er geht vielmehr in allem davon aus, wie wir die Welt und das Leben in ihr erfahren.

Als Schlüssel zu seinem Denken darf man ein Gedankenexperiment betrachten, das der Amerikaner William James vor mehr als hundert Jahren anstellte: „Stellen Sie sich vor“, so schreibt er in seinem einflussreichen Buch über die „Vielfalt religiöser Erfahrungen“, „Sie seien plötzlich aller Ihrer Gefühle entkleidet, die Ihre gegenwärtige Welt in Ihnen auslöst, und versuchen Sie sich vorzustellen, wie diese Welt nun ganz allein für Sie existiert.“ Es ist kaum möglich, sagt James, sich dies realistisch vorzustellen. Denn in einer puren Welt der Tatsachen, so Joas, könnten wir nicht leben: Es gibt nicht die Welt und daneben noch unsere Erfahrungen, es gibt sie einzig mit, durch sie. Und diese Erfahrungen drücken sich in der Praxis unseres Lebens aus, im Handeln, in den Werten und Weltbildern.

Dabei hat man nicht einfach ein Weltbild wie man einen Gegenstand hat, auch nicht ein Inneres, das sich an äußeren Handlungen ablesen ließe, sondern Wahrnehmungen, Erfahrungen, Erkenntnisse sind selbst schon Handlungen, in denen sich Werte und Weltbilder zeigen.

Dieser in der Philosophie unter dem Titel amerikanischer Pragmatismus gehandelte Ansatz hat weitreichende Folgen. Joas hat sie vielfach in seinen früheren Büchern verhandelt, hinsichtlich des Handlungsbegriffes, des Religionsverständnisses, der Gesellschaftstheorie, der Menschenrechte und der Moderne generell. In seinem jüngsten, wie immer gut lesbaren Buch tauchen alle diese Aspekte wieder auf, aber er fügt sie zu einer umfassenden Theorie der Moderne. Bemerkenswerterweise gelingt ihm das, indem er von den besonderen Erfahrungen der Selbsttranszendenz ausgeht, intensiven Erfahrungen der Liebe oder des Glaubens etwa. Wie alle Erfahrungen schaffen sie Bindungen, in diesen aber liegen „tiefe Quellen unserer Lebenskraft“.

Joas spricht in diesem Zusammenhang von „Heiligkeit“, nicht im engen religiösen, sondern im Sinne von Sakralisierung, eben Selbsttranszendenz. Und diese Erfahrungen sind ihm zufolge von „anthropologischer Universalität“. Das ist es, was er in „Die Macht des Heiligen“ nachweist. Er tut dies im steten Wissen darum, dass man Erfahrungen stets in konkreten Situationen macht, nie losgelöst von Machtverhältnissen. Und er tut es im Blick auf einen der Schlüsselbegriffe des Selbstverständnisses der Moderne, den der Entzauberung.

Die Auseinandersetzung mit Max Weber und Ernst Troeltsch ist dabei zentral, noch wichtiger ist jedoch der im letzten Kapitel des Buches vorgelegte überzeugende Versuch einer „Alternative zur Geschichte von der Entzauberung“ – ausgehend von seinem Erfahrungsverständnis.

Es bleiben dennoch Fragen. Etwa nach der Kunst. Joas erwähnt sie immer wieder als Bereich von Erfahrungen der Selbsttranszendenz, aber wird die Kunst damit nicht zur Quelle von Lebenskraft verkleinert? Wo bleibt ihr Unbotmäßiges, ihre Eigensinnigkeit?

Dabei gilt auch für sie, was Joas generell zeigt: Ein einheitlicher Prozess der Modernisierung findet sich nicht. Die Moderne wäre grundlegend missverstanden, setzte man sie einzig unter die Vorzeichen der Rationalität und Linearität. Fortschritt ist kein tauglicher Begriff, die Gegenwart zu beschreiben; es ist auf vielen politischen Feldern etwa derzeit ja auch gut zu beobachten, dass es ihn nicht gibt.

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