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Hans Christoph Buch Zu Gast bei Grass und Walser

Der Schriftsteller Hans Christoph Buch ist zu Gast bei Günter Grass und Martin Walser. Ein Essay über die sprudelnde Vitalität von Walser und die Ähnlichkeit von Grass mit einem Tyrannosaurus Rex.

07.08.2012 16:26
Von Hans Christoph Buch
Martin Walser und Günter Grass im angeregten Gespräch 1999 in Hamburg. Foto: picture-alliance / dpa

Der Schriftsteller Hans Christoph Buch ist zu Gast bei Günter Grass und Martin Walser. Ein Essay über die sprudelnde Vitalität von Walser und die Ähnlichkeit von Grass mit einem Tyrannosaurus Rex.

I.

Günter Grass ist älter geworden, aber nicht milder – im Gegenteil: Er wirkt noch genauso bärbeißig wie in Johannes Bobrowskis satirischem Epigramm: „Welch ein großmächtiger Kiefer! Und dieses Gehege von Zähnen! / Zwischen die Backen herein nimmt er, was alles zur Hand, / leere Schalen, den Wurm – flieht, hört ihr knirschen den Grass!“ Als Bobrowski diese Verse schrieb, war Grass 36 und stand auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Nach Erscheinen der Danziger Trilogie war die Kritik ihm wohl gesonnen, obwohl oder weil der Nobelpreis noch in weiter Ferne lag. Seit Mauerfall und Wiedervereinigung aber, genauer: seit seinem Wenderoman „Ein weites Feld“ reagieren die Medien sich an ihm ab. Grass kann schreiben, was er will – die Kritik übergießt ihn mit Gift und Galle, Hohn und Spott – als wolle sie sich rächen dafür, dass und wie sie ihn einst aufs Podest gehoben hat.

Damals machte ich seine Bekanntschaft bei der Gruppe 47 und prophezeite ihm stotternd, dass ich ihn demnächst in den Schatten stellen würde – die „Blechtrommel“ sähe blass aus neben meinem noch zu schreibenden Roman.

Diese Anekdote erzählt Günter Grass auch jetzt wieder, obwohl sie wegen des Stotterns besser zu F. C. Delius passt als zu mir. Wir sitzen auf Biedermeierstühlen an einem Biedermeiertisch in Behlendorf, trinken Wein und essen Räucherfisch. Wir – das sind Ute Grass, der Berliner Autor Peter Schneider und ich. Bei einem zufälligen Treffen nach dem Begräbnis von Christa Wolf lud Grass uns ein, ihn zu besuchen, weil ihm selbst das Reisen beschwerlich fällt. Ich kannte sein Stadtbüro in Lübeck, aber in Behlendorf war ich noch nie: Eine Gründerzeitvilla am Ende eines Hohlwegs, Fallobstwiese mit Bronzefiguren, das Personal seiner Romane tummelt sich unter blühenden Bäumen, Atelier mit Blick in dichtes Gehölz, vertrocknete Maulwürfe, überfahrene Kröten und Frösche, Fischgräten und Vogelbälge auf dem Regal, dazwischen ein aufgeschlagenes Buch, Büttenpapier, auf das Grass in kalligraphischer Schrift Notizen und Verse schreibt – Journal und Werkstattbericht zugleich.

Hier entstand sein Gedicht „Mit letzter Tinte“, an dem Peter Schneider und ich nicht ganz unschuldig sind, denn wir äußerten Sorge über die Kriegsgefahr zwischen Israel und Iran und vermittelten Grass das Gefühl, er renne offene Türen ein. Zu dem Gedicht ist (fast) alles gesagt: Die These, Israel plane den atomaren Erstschlag gegen Iran, war ähnlich abwegig wie die Unterstellung, Grass sei Antisemit – was man ihm vorwerfen kann, ist lediglich, dass er seine Einziehung zur Waffen-SS lange verschwiegen hat. Aber ich erinnere mich genau, wie Günter Grass ausgebuht wurde, als er nach dem Sechstagekrieg im Juni 1967 vor Studenten der Freien Universität Berlin für Israel warb – er kam direkt von dort, und die Mehrheit im SDS sympathisierte mit der PLO.

Trotzdem einigen wir uns darauf, dass früher alles besser war: Literaturkritiker waren fair und hatten nicht nur das jeweils letzte Buch, sondern das Gesamtwerk eines Autors im Blick, und Schriftsteller wie Max Frisch oder Heinrich Böll wurden zur moralischen Instanz. Dass Grass sich zu deren Lebzeiten nicht immer gut mit ihnen verstand, steht auf einem anderen Blatt. Am meisten verblüfft aber hat mich die lebensgroße Skulptur einer Weihnachtsgans, knusprig gebacken wie frisch vom Rost – ein in Bronze gegossener Beweis für die kulinarische Kunst und Literatur von Günter Grass.

II.

Er sieht aus wie Bismarck, nur ohne den eisgrauen Schnurrbart, und seine sonst volltönende Stimme klingt brüchig und heiser, obwohl Bismarcks Stimme – das geht aus kürzlich entdeckten Tondokumenten hervor – flach und blechern klang. Die buschigen Augenbrauen erinnern an Breschnew – aber hier hören die Vergleichsmöglichkeiten auch schon auf. Die Rede ist von Martin Walser, dem ich auf der Terrasse seines Hauses in Nussdorf gegenübersitze, und statt den Ausblick auf den vom Wind bewegten Bodensee zu schildern, muss ich erzählen, was mich hierher verschlagen hat.

Ich hatte mich selbst eingeladen, um Martin Walser Dank abzustatten für die Herausgabe von „Vorzeichen zwei“, einer Anthologie junger Autoren, die meine ersten, unverlangt eingesandten Texte erhielt. Das ist fast ein halbes Jahrhundert her, und es wäre nicht der Rede wert, hätte der von Walser betreute Sammelband mir nicht einen Vertrag mit Suhrkamp und eine Einladung zur Gruppe 47 eingebracht. Aber bin ich kein Walser-Fan und auch kein Kenner seines Werks: Weder habe ich alle seine Romane gelesen, noch war und bin ich mit seinen Interventionen immer einverstanden: Walsers frühzeitiges Eintreten für die Wiedervereinigung imponierte mir, aber seine Paulskirchenrede irritierte mich. Aus seiner Doktorarbeit über Kafka habe ich viel gelernt, wie auch aus seinem jüngsten Essay über „Rechtfertigung“. Und es gefiel mir, wie er kürzlich im Springerhaus alle Versuche, ihn zur Verdammung von Günter Grass zu bewegen, von sich abtropfen ließ, ohne darum dessen Israel-Kritik gutzuheißen. Doch mein Wunsch, Martin Walser zu treffen, hatte weniger zu tun mit einem durch inflationären Gebrauch entwerteten Antisemitismus-Vorwurf, als damit, den letzten Dinosaurier der deutschen Literatur in seiner natürlichen Umgebung agieren zu sehen.

Sprudelnde Vitalität

Ist Walser ein Tyrannosaurus Rex? Diese Charakterisierung passt eher auf Günter Grass, denn trotz oder wegen seines cholerischen Temperaments ist Martin Walser ein Pflanzenfresser, der Wälder abweidet, um Literatur daraus zu machen, ein Papiertiger sozusagen: Wenn ich richtig gezählt habe, hat er dreißig Romane veröffentlicht, dazu je zehn Theaterstücke, Essay- und Erzählbände – Tagebücher, Gedichte, Hörspiele und Filmszenarien nicht mitgerechnet. Martin Walser ist der produktivste Autor der Gegenwart, kein Vielschreiber, sondern ein „springender Quell“ – so der Titel eines Buches – dessen sprudelnde Vitalität im Alter ungebrochen ist. Die Schaffenskraft hat ihren Preis, denn anders als die häufige Einmischung in öffentliche Belange vermuten lässt, vollzieht sich die Umwandlung des Lebensstoffs zu Lesestoff in der Stille und Abgeschiedenheit eines ländlichen Domizils, und die Bodenhaftung, nein: Bodenseehaftung war die Voraussetzung für die Entstehung seines Werks. Hier ist ein zusätzliches Paradox zu konstatieren, denn Walsers beredte Klage über den Zwang, recht haben zu müssen, dem er die christliche Rechtfertigungslehre entgegenstellt – wir sind weder durch unsere Taten, noch durch den Glauben gerechtfertigt, sondern allein durch Gott – steht im Widerspruch zu Wortmeldungen des Autors, die nicht frei sind von Selbstgerechtigkeit und Rechthaberei – kein Wunder auf Walsers langem Marsch von der SPD über die DKP zur CSU, der er in Wildbad Kreuth die Leviten las.

In seiner Phänomenologie kritisiert Hegel die „geistlose Freiheit des Meinens“, die nur „Anspielungen auf witzige und scheinbare Beziehungen“ darbiete, und als ich diese Worte zitiere, bricht Martin Walser in Gelächter aus und stößt mir den Ellenbogen in die Rippen, eine Geste, mit der er spontane Zustimmung wie auch jugendlichen Übermut zum Ausdruck bringt. Dazu passt seine Antwort auf die Frage, was ihn kürzlich nach Hildesheim geführt habe, eine Buchpremiere oder ein Vortrag? Nichts dergleichen: Es war sein Freund Georg Olms, Chef des bekannten Reprint-Verlags, dem Martin Walser, Jahrgang 1927 wie Olms, zum 85. Geburtstag eine Festrede hielt. Georg Olms ist ein passionierter Pferdezüchter und Pistolenschütze, aber als er vorschlug, nach dem Essen zum Schießstand in den Keller zu gehen, lehnte Walser das ab, um seinen Freund nicht versehentlich totzuschießen.

Martin Walser hat eine jungenhafte Unbekümmertheit, ja Naivität, gepaart mit lausbübischer Ironie, die in erzählender Prosa gut rüberkommt, in seinen politischen Interventionen aber oft überhört oder überlesen wird, so als seien öffentliche Stellungnahmen Gesetzestafeln und nicht bloß Wegmarken am Straßenrand. „Ich hatte nicht das Gefühl, einem Mönchsorden beizutreten, als ich 1968 einen Boykottaufruf gegen die Springerpresse unterschrieb“, sagte Walser bei dem schon erwähnten Gespräch im Springerhaus, und es sei durchaus möglich, dass er sich mit dem Zeitungsverleger gut verstanden hätte, dessen Engagement für die Wiedervereinigung, aber auch für Israel, er nachträglich Respekt zollt, obwohl er ihm nie persönlich begegnet ist. Umgekehrt, erzählt Martin Walser am Kaffeetisch, während seine Frau Aprikosenkuchen serviert, umgekehrt habe Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld um seine Freundschaft gebuhlt, weil er von seinen Autoren nicht nur als Verleger ernst genommen werden wollte, sondern als Intellektueller, der er nicht oder nur begrenzt gewesen sei: Dafür seien die Lektoren zuständig gewesen – allen voran Walter Boehlich.

Negation der Negation

Ich weiß, wovon Martin Walser spricht, denn im Umgang mit Siegfried Unseld hatte ich eher das Gefühl, einem Skilehrer oder Bademeister zu begegnen, als einem feinsinnigen Literaten, und habe dessen Genius als Verleger, aber auch seine intellektuelle Kapazität unterschätzt. Martin Walser lacht laut auf, als ich ihm erzähle, dass Unseld mich mit einem Salär von hundert Mark im Monat für Suhrkamp köderte – 1963 war das viel Geld, und er boxt mich in die Seite, als er hört, dass der Verlagschef meine spätere Frau, um mit ihr anzubändeln, zum Skiurlaub einlud. „Das Skifahren habe ich ihm beigebracht“, sagt Walser stolz, aber Siegfried Unseld sei der bessere Schwimmer von beiden gewesen. Und er erzählt nicht ohne Bitterkeit, wie der Verleger und er sich in den achtziger Jahren entfremdet hätten, weil eine neu hinzu gekommene Person einen Keil in ihre Freundschaft trieb.

„Und wer war diese Person?“

„Namen sind Schall und Rauch!“

Das stimmt nicht ganz, denn die Namen von Walsers Romanhelden sind Programm – ähnlich wie bei Kafka, dessen Protagonisten Gregor Samsa und Josef K. Anagramme ihres Autors sind. Gottlieb Zürn zum Beispiel, „ein leidenschaftlicher Verundeutlicher, der an allem, was er verundeutlicht, keinen Zweifel lässt, und Wendelin Krall, der leidenschaftlich darauf besteht, ein rückhaltloser Verdeutlicher zu sein“. In der doppelten Bewegung dieses Satzes (aus „Der Augenblick der Liebe“) charakterisiert Walser sich selbst als Doktor Jekyll und Mr. Hyde, aber das dahinter stehende Prinzip hat er schon Anfang der Fünfziger Jahre, in seiner Dissertation über Kafka, benannt: „Soll man mir nachsagen dürfen, dass ich am Anfang des Prozesses ihn beenden wollte, und jetzt, an seinem Ende, ihn wieder beginnen will?“, fragt Josef K. im Roman „Der Prozess“, und Martin Walser kommentiert: „Dass jeder Existenzbehauptung die Aufhebung folgt, aber der Lebenswille eines Menschen durchbricht sie insofern, als er seine Existenz trotz der immerwährenden Aufhebung weiter behauptet.“ Dialektisch gesprochen, geht es um die Negation der Negation, und hier wird sichtbar, dass und wie die Infragestellung des eigenen Ichs im Existentialismus der Nachkriegszeit wurzelt, als Walser an einer kirchlichen Hochschule Theologie und Philosophie studierte – die Spätfolgen dieser frühen Prägung lassen sich an seinem Essay über „Rechtfertigung“ ablesen, der um Kafka und Karl Barth kreist. Anders ausgedrückt: Schreiben ist ein Modus des Seins, und die Literatur hat ihre eigene Wahrheit, die mit den Pseudogewissheiten der Politik nicht oder nur begrenzt kompatibel ist. Politische Meinungen dagegen sind etwas Erworbenes, das man wie Kleider zur Schau stellen und auch wieder ablegen kann. Vielleicht hat Franz Kafka deshalb zu Gustav Janouch gesagt, auf politischen Versammlungen hätten ihn die Redner aller Parteien stets vollkommen überzeugt – ein Satz, der Martin Walser so gut gefällt, dass er mich zum dritten Mal an diesem Nachmittag in die Rippen boxt.

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