Lade Inhalte...

Hannah Arendt Der Unterschied zwischen Freiheit und Befreiung

Denn was sonst ist Freiheit als immer wieder ein Neubeginn? Heute erscheint erstmals ein bisher unbekannter Essay der außerordentlichen Hannah Arendt.

Hannah Arendt, 1969
Hannah Arendt, 1969 Foto: dpa

Die Freiheit von allem Anfang denken. Die Freiheit im Beginn schlechthin verorten, dazu wollte sie weit genug zurückdenken. Hannah Arendt tat es mit 22 Jahren, in ihrer Dissertation über Augustinus, den Kirchenvater, den sie als christlichen Philosophen las.

Am Anfang war für die Philosophierende Augustinus, und in ihrem letzten Buch, dem posthum veröffentlichten Werk „Vom Leben des Geistes“, kam die Philosophin auf die „augustinische Initiative“ zu sprechen. Aus der Beschäftigung ging der Satz hervor: „Weil er ein Anfang ist, kann der Mensch etwas Neues anfangen, also frei sein.“ Das ist ein auch theologisch-tröstlicher Satz, zudem eine existenzialistisches Motto – Jean Paul Sartre wird sagen, der Mensch sei zur Freiheit verurteilt. Bei Hannah Arendt wird der Satz zu einer politischen Herausforderung. Das sollte man wissen, wenn man ihren Essay „Die Freiheit, frei zu sein“ liest, der heute erstmals auf Deutsch erscheint, angekündigt als eine kleine Sensation.

Aufschlussreich ist er wegen der Skepsis „einer der signifikanten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts“ (der Verlag) gegenüber Revolutionen. Der Text der 1906 bei Hannover geborenen, der 1933 aus Deutschland geflohenen Jüdin und 1975 als amerikanische Staatsbürgerin gestorbenen politischen Philosophin entstand vor gut 50 Jahren, wahrscheinlich 1967.

Revolutionsbefriff: Eine Erfindung der Neuzeit

Hannah Arendts politischer Freiheitsbegriff basiert auf der historischen Beschäftigung mit Revolutionen, ausgehend von den Befreiungsbewegungen gegen den Imperialismus. Abermals macht sie darauf aufmerksam, dass unser Revolutionsbegriff eine Erfindung der Neuzeit ist. Noch im 17. Jahrhundert beschränkte er sich auf astronomische Erkenntnisse, und wo er politisch auftauchte, in den 1660er Jahren in England unter dem triumphierenden Etikett der „Großen Revolution“, war damit das Gegenteil durchgesetzt, die Rückkehr zur Königsgewalt, die Wiedereinführung der Monarchie.

Revolution im Sinne von Restauration, nicht unbrisant. Im Zurückstellen auf allen Anfang werden die historisch gewachsenen Verhältnisse annulliert, wird vielmehr das Naturrecht des Menschen postuliert. Auch angesichts der großen Revolutionen des späten 18. Jahrhunderts, der Französischen und der Amerikanischen, war manchem Zeitgenossen angesichts des Neuen mulmig zumute. Was da alles auf die Gesellschaft zukam – undurchsichtig und unabsehbar, um das Neue nicht mit radikaler Skepsis zu betrachten. Um von dem Abscheu gegenüber den Umständen des Umstürzlerischen gar nicht zu reden.

Mit einer Befreiung allein ist es nicht getan, denn die Freiheit von ungerechten Zwängen und ungerechtfertigten Zumutungen ist bloß etwas „Negatives“. Die Passion für die neue Freiheit muss von weit mehr inspiriert sein. Hochfliegende Revolutionsrhetorik mag eine vage Vorstellung von Freiheit haben, Freiheit erweist sich in „öffentlichen Angelegenheiten“, und gewiss ist Hannah Arendts Freiheitsbegriff griechisch-römisch geprägt. Der öffentliche Raum wird als Austragungsort für den Austausch der Argumente betrachtet. Die Agora als Arena des Disputs. Amerika sollte durch die Revolution „in vergrößertem Maßstab“ das werden, so die Prophezeiung von Thomas Paine, „was Athen in Miniatur war“. Was für ein Optimismus, beneidenswert!

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen