Lade Inhalte...

Han Kang „Die Vegetarierin“ Die Frau, die ein Baum sein will

„Die Vegetarierin“ von Han Kang ist ein Überraschungs-Roman aus Südkorea und gewann den internationalen Man Booker Preis.

17.08.2016 14:30
Martin Oehlen
Booker-Prize-Gewinnerin Han Kang. Foto: Baek Dahum

Es war schon immer das Gütesiegel eines Romans, wenn der erste Satz sitzt – und hält, was er verspricht. Han Kang, 1970 in Südkorea geboren und Autorin mehrerer Prosawerke und einiger Lyrik, hat sich für diese Eröffnung entschieden: „Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar.“ Noch irritierender freilich klingt die Erklärung des Ehemanns, warum es zu dieser Ehe kommen konnte: „So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten.“

„Die Vegetarierin“, im Mai in London mit dem International Man Booker Preis ausgezeichnet, ist ein Roman, der schnell fasziniert. Denn hier wird in eine Welt eingeführt, in der wir uns nicht auskennen, in der Menschen den Boden unter den Füßen verlieren und nicht mehr zu halten sind. Dabei handelt es sich nicht um frei phantasierte Phänomene, sondern um solche, die aus dem real existierenden Leben erwachsen: Yeong-hye, die scheinbar so völlig unscheinbare Zentralfigur, wird erst zur Vegetarierin, die ihren nackten Körper gerne der Sonne anempfiehlt, und entschließt sich dann, ein Baum zu werden.

Das ist bizarr. Und es klingt womöglich kurios. Das ist es aber gar nicht, sondern vielmehr eine Angelegenheit auf Leben und Tod. Han Kang erzählt diese ernste und radikale Geschichte mit unerbittlicher Konsequenz, in einem unaufgeregten Ton, großartig im Detail und packend in der Konzentration auf das Nötigste. Ein Roman, dessen drei Kapitel aus unterschiedlichen Perspektiven die Eskalationsstufen beleuchten: drei in sich abgeschlossene, aber miteinander blickdicht verbundene Erzählungen.

Sie handeln von einer Menschenseele, die sich zur Selbstbestimmung durchgerungen hat. Wohl ein ganzes Bündel von Erkenntnissen, Erfahrungen und Erlebnissen hat dafür den Ausschlag gegeben. Han Kang ist eine Autorin, deren Prosa Fragen aufwirft, aber nicht alle beantwortet. Was die Heldin dazu bringt, kein Fleisch mehr zu essen, und was dann ihre Entscheidung befördert, die Speisen ganz zu verschmähen? Warum sie nur noch Wasser trinken mag und nach Sonne lechzt, weil ein Baum ja nicht viel mehr brauche?

Die alles aufklärende Antwort gibt es nicht. Allerdings gibt es Hinweise auf eine Kindheit unter der Fuchtel des Vaters. Zudem erwähnt die Vegetarierin einen blutigen Traum, der angefüllt ist mit dem Geschrei der viel zu vielen verspeisten Seelen. Und nicht zuletzt ist das Leben, das sie lebt, keines, das für Erfüllung steht. Bei diesem Ehemann!

Der Entschluss, Vegetarierin zu werden und die Gefriertruhe von Fisch und Fleisch zu befreien, wirkt gleichermaßen wie ein Protestschrei und ein Hilferuf. Doch die Familie mag nicht zuhören, sondern bedrängt sie, endlich wieder Fleisch zu essen. Der Vater wendet gar Gewalt an. Ein Selbstmordversuch ist Yeong-hyes spontane Reaktion.

Schließlich mischt sich auch ihr Schwager ein. Allerdings auf seine ganz eigene Art. Er ist ein Filmkünstler in der Schaffenskrise, der sich von Yeong-hye angezogen fühlt – als Künstler und Mann. Er bemalt ihren Körper mit Blumen: Nachtschattengewächse auf der Rückenansicht und Tagblüter vorne. Das lässt die Frau gerne mit sich geschehen. Ja, die farbkräftigen Pflanzen auf der Haut tun ihr so gut, dass sie diese nicht mehr abwaschen möchte. Sie stimulieren womöglich das Empfinden, in der Natur aufzugehen.

Freilich treibt es die Autorin Han Kang hier nicht erneut ins Surreale wie einst in ihrer Erzählung „Die Früchte meiner Frau“ (1997). Darin verwandelt sich die Heldin tatsächlich in eine Pflanze und landet schließlich – mit Hilfe ihres Mannes – in einem Blumentopf. Hier aber bleibt die Geschichte immer im Einzugsbereich der Realität.

Was zur Folge hat, dass Yeong-hye schließlich in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wird. Die Ärzte reden von einer fatalen Verbindung von Magersucht und Schizophrenie. Hier träumt sie ihren Traum, ein Baum zu sein, was wohl auch ein Traum ist von der Reinheit der Natur.

Yeong-hye ist tatsächlich nicht „die durchschnittlichste Frau der Welt“, die zu finden sich ihr Ehemann bemüht hatte. Und auch dieser Roman ist gewiss nicht von der durchschnittlichen Sorte. Vielmehr verhält es sich so: „Die Vegetarierin“ von Han Kang ist ein Ereignis.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen