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„Hain“ Die Welt der leisen Farben

Bleiherz und Lapislazulihimmel: Esther Kinsky reist und erinnert sich.

Olivenhain
„Hain“ ist ein Buch darüber, wie ein Mensch sich in einer Umgebung bewegt, wie er dort existiert. Foto: rtr

Anders als ein Geländewagen ist ein Geländeroman still und unaufdringlich. Ihr sei es, sagte Esther Kinsky in einem Interview, darum gegangen, durch den neuen Gattungsbegriff das Wort Landschaft zu vermeiden, um sich weniger festzulegen. „Hain“, für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, ist in der Tat nicht festgelegt. Es ist ein Buch darüber, wie ein Mensch sich in einer Umgebung bewegt, wie er dort existiert. „Diese Straße an diesen Läden und Reklamen vorbei“, heißt es einmal während einer Busfahrt, „hätte in Belgrad sein können, in Bukarest, vielleicht sogar am Ostrand von London. Alles war Passage. Die müden Reisenden im Buch kamen alle von irgendwoher und wollten irgendwohin, weil sie Menschen waren, wie es in einem Buch heißt.“ Auch „Hain“, konkret und greifbar in Italien angesiedelt, könnte woanders spielen. „Hain“ ist ein Buch über das Dasein und das Da-Sein. 

2015 war die Schriftstellerin und Übersetzerin Kinsky im italienischen Olevano in der Casa Baldi, einem Ableger der Villa Massimo. Nicht als Stipendiatin schreibt sie darüber, aber als Mensch, der sich einige Zeit in dem Örtchen östlich von Rom aufhält und im zweiten Teil in einer Landschaft, d. h. auf einem Gelände in Norditalien (Valli di Comacchio). Zwei Monate und einen Tag zuvor, schreibt sie, war die Beerdigung von M.. Das ist der schottische Übersetzer Martin Chalmers, mit dem Kinsky das Krim-Reisebuch „Karadag“ schrieb (und bereits alleine zu Ende schreiben musste).

„Hain“ ist zugleich also ein Buch über die Trauer. „Ich kaufte Orangen und Artischocken. Die Tasche war so leicht, doch auf dem Heimweg war mir jedes Mal das Herz so schwer, dass ich meinte, ich könnte es nicht mehr zurück in das Haus tragen. Ich blieb immer wieder stehen und schaute, über meine Schwäche betreten, zum Himmel und in die Bäume.“ Ein paar Zeilen später: „Das schwere Herz wurde zu meinem Zustand in Olevano. ... Ich stellte mir ein graues Herz vor, hellgrau mit einem billigen Schimmer, wie Blei. Das Bleiherz verwuchs mit allem, was sich an Gesehenem in mir niederließ.“ 

Die Erzählerin, die auch an ihren Vater und dessen Tod zurückdenkt und die mit Esther Kinsky viel, vermutlich alles gemeinsam hat, ist so unaufdringlich wie das Buch insgesamt, aber auch präzise. „Todesnachrichten sind Scheren oder scharfe Messer, die den Film der Welt durchtrennen.“ 

„Hain“ unternimmt aber keine Versuche von Trauerbewältigung, sondern ist die Momentaufnahme eines langen Momentes (die Erzählerin fotografiert auch, und zwar analog). Es beeindruckt mit diesem bedingungslosen Existieren, mit einer Ziellosigkeit, die nicht deprimierend ist, sondern eine Form von Freiheit. Die Erzählerin macht Ausflüge und reist parallel dazu in ihre Kindheit, Erinnerungen an den Vater und Dinge, die in vielen Kindheiten eine Rolle spielen: Bernstein als früher Lieblingsschmuck, Aal-Geschichten. Die Aal-Geschichten sind wie immer schaurig, und man weiß nicht recht, ob Erwachsene sie gerne erzählen, um Kinder zu schrecken, oder ob Kinder gerne geschreckt werden und sie sich deshalb so gut merken. 

Auch das Gelände ist interessant, eher abwegige und spröde italienische Umgebungen im Winter, aber die Tiere und Menschen sind interessanter. Die Erzählerin, die es nicht auf Begegnungen anlegt, hat einen Sinn für den Hauch von Verrücktheit im Alltag. Auf dem Amt in Olevano erkundigt sie sich nach einem bestimmten Grab. Der zuvorkommende Beamte hat bei ihrem nächsten Besuch schon alles wieder vergessen und selbstredend nichts unternommen. Sie beschreibt ihm das Grab anhand der Kunstblumen. „Dann ist es niemand aus Olevano, sagte er kühn. Wir nehmen nur frische Blumen. Kurz darauf besann er sich, als fürchte er, mir damit zu nahe getreten zu sein, und führte aus, welche Vorzüge Kunststoffblumen für weiter entfernt lebende Angehörige hatten.“ 

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