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Günter Grass Dampfende Rollenprosa

"Die Box", ein Trick: Günter Grass lässt seine Autobiographie von seinen Kindern fortsetzen.

26.08.2008 00:08
MARTIN LÜDKE
Das "verhutzelte Mariechen", die 1997 gestorbene Fotografin Maria Rama, irrlichtert als ABC durch die Seiten. Foto: dpa

Ein Patriarch ruft. Die Kinder kommen. Er hat sie gerne um sich, alle. In "geräumiger Terrine dampft" natürlich "der Eintopf", wie es sich passend fügt, "ein Linsengericht", und es geht gleich zur Sache, wenn auch im Tonfall eines Märchens: Die Lebensgeschichte soll schließlich fortgeschrieben werden. Wie sonst hätte es weiter gehen können? Auf überraschende Weise, so verkündet gedämpft dröhnend der Verlag, setze Günter Grass "mit diesen Dunkelkammergeschichten seine Autobiographie fort". Es ist ein guter, ja schon doller Einfall: Nicht Günter Grass, auch kein fiktiver Held erzählt. "Der Alte" lässt sich erzählen. Und wo es nicht reicht, da muss die "Wunschbox! Zauberbox! Wunderbox" beziehungsweise, um Klartext zu sprechen, Mariechen mit ihrer kleinen Kamera einspringen, nicht mit der Leica, nicht mit der Hasselblad, sondern mit einer billigen Agfa-Box.

"Issen Rätsel", klar, denn die "Box" hat das Erbe des Oskar Matzerath angetreten, sie "sieht, was gewesen ist und was sein wird". Mit solcherart Magie war Ginterchen einst weltberühmt geworden und hatte, so seine Kinder jetzt, "richtig Knete" gemacht.

Also: "Es war einmal ein Vater, der rief, weil alt geworden, seine Söhne und Töchter zusammen - vier, fünf, sechs, acht an der Zahl -, bis sie sich nach längerem Zögern seinem Wunsch fügten. Um einen Tisch sitzen sie nun und beginnen sogleich zu plaudern: jeder für sich, alle durcheinander, zwar ausgedacht vom Vater und nach seinen Worten, doch eigensinnig und ohne ihn, bei aller Liebe, schonen zu wollen."

Auch wenn es kein runder Tisch gewesen sein sollte, das Verfahren kommt der Quadratur des Kreises nahe. Denn die Autobiographie zählt zu den schwierigsten Gattungen der Literatur. Der Blick zurück lässt unvermeidlich auch die Häufung von Zufällen als sinnvoll erscheinen. Wer seine Autobiographie schreibt, der steht, ob er will oder nicht, in der Tradition der biblischen Schöpfungsgeschichte (Moses 1,31). Dort blickt der Herr selbst auf das Ergebnis seiner Mühen zurück, lobt sich hemmungslos und verkündet aller Welt: "Siehe da, es war sehr gut."

Grass, nicht gläubig, dafür vom Glauben an sich selbst beseelt, kennt besser als der Herrgott die Fallen, die sich spätestens beim Schreiben stellen: "Ist nun mal so mit unserem Väterchen: lebt rein vergangenheitsmäßig, immer noch. Kommt davon nicht los."

Schon "Beim Häuten der Zwiebel" (2006), dem ersten Band seiner Autobiographie, hatte der Vater den planen chronologischen Rückblick vermeiden wollen und stattdessen ein überzeugendes, im Grunde optimales Verfahren entwickelt. Doch war ihm damals seine eigene Marketing-Strategie in die Quere gekommen. Die FAZ-Schlagzeile "Ich war Mitglied der Waffen-SS" drängte alle literarischen Finessen in den Hintergrund. Wie raffiniert Grass die Schwierigkeiten der Beschreibung seiner Lebensgeschichte gemeistert hatte, mit einer Art von Doppelstrategie, konnte deshalb kaum gewürdigt werden.

Schicht um Schicht wurden die Erinnerungen abgetragen. "Die Zwiebel hat viele Häute. (…) Gehackt treibt sie Tränen. Erst beim Häuten spricht sie wahr. Was vor und nach dem Ende meiner Kindheit geschah, klopft mit Tatsachen an, will mal so, mal so erzählt werden und verführt zu Lügengeschichten." Was aber bleibt nach der Schälerei? Ein Kern - die historische Wahrheit - sicher nicht. Eher: die verschiedenen Sichtweisen. Aber Grass begnügte sich nicht mit diesem (nur scheinbar) relativistischen Verständnis lebensgeschichtlicher Wahrheit. Neben die Metapher der Zwiebel setzt er den Bernstein, der sich am Strand der Ostseeküste findet: "In ihm hält sich alles, was er im weichen, noch flüssigen Zustand zu fassen bekam. Er widerlegt Ausflüchte." Mit diesem doppelten Erinnerungskonzept beschrieb Grass sein Leben - von der Kindheit bis hin zur Frankfurter Buchmesse 1959, als "Die Blechtrommel" erschien.

Nazi-Zeit, Krieg, Vertreibung, Nachkrieg. Ein Junge überlebt. Ein junger Mann kämpft und setzt sich durch. Bis zu einem solchen Punkt sind viele Lebensgeschichten spannend. Denn sie beschreiben einen Kampf, den das Ich mit einer ganzen Welt zu führen hat, keineswegs nur um Anerkennung. Aber was folgt dann? Das anerkannte Ich trifft auf seinesgleichen und produziert bestenfalls Anekdoten.

Grass sah das Dilemma und suchte offenbar nach einem Ausweg. Zumal es ihm jetzt weniger um die Welt-, als um seine Werkgeschichte geht. Auf ihrer privaten Rückseite sehen wir die Folge von Frauen (mindestens vier) und Kindern (mindestens acht).

Deshalb lässt der Patriarch jetzt die Kinder antanzen. Sie sollen ihn erzählen. Und im erzählten Familienleben sollen sich dann die Werke abzeichnen. So erstrahlt in seinen Geschöpfen der Autor als Schöpfer.

Es ist nicht einfach, in diesem Getümmel den Überblick zu behalten. Keines der Kinder, keine der Frauen gewinnt wirklich eigene Konturen. Jorsch, ein Tontechniker, wird wenigstens von seinem Beruf her definiert, und darf bei den gemeinsamen Gesprächen das Mikrofon aufstellen. ",Und dann soll auch noch alles unter Papas Regie laufen. Er denkt sich uns einfach aus!' ruft Nana. ‚Und mir legt er Wörter in den Mund, die absolut nicht meine sind', beklagt sich Taddel."

Die Ironie, die hier durchscheint, wird vom Kontext dementiert. Die Kinder dürfen tatsächlich nur als Sprachrohr des Patriarchen auftreten. Der Alte schmückt sich gern mit seiner Kinderschar.

Beschäftigt hat er sich mit ihnen, auch als er jung war, nur wenig. Die Kinder dürfen jetzt ihre Berufe nennen: Hebamme, Schauspieler, Fotograf, Töpfer, Lehrer. Sie dürfen sogar etwas motzen, über die verschwiegenen Frauengeschichten von "Vati" und die schwierigen Familienverhältnisse. Dann dürfen sie bekennen: "Naja, aber eigentlich warste okay".

Grass nimmt damit seine Kinder nicht nur in die Pflicht, er nimmt ihnen auch alle Individualität. Das klug konzipierte Verfahren der "Box" verläppert sich auf diese Weise in belanglosen Einzelheiten. Das Ich, um das es hier geht, der "Vater", verschwimmt, statt sich in seinen Kindern zu reflektieren, wie in einem blinden Spiegel. Von einem Besuch in Telgte erfahren wir nur, dass sich da "Dichter" treffen wollten, "wo jetzt der leere Parkplatz … Und die Dichter sollen sich aus ihren Büchern vorgelesen haben. Echt schwieriges Zeug, Barock und so …" Die Pünktchen sagen einiges über die Sprachlosigkeit des sonst so wortgewaltigen Autors. ",Für unseren Vatti zählt nur, was sich erzählen lässt', klagt Taddel." Das ist hier nicht mehr viel: "Haben wir damals nicht mitgekriegt, ehrlich, Nana. Ich mein die Geschichte zwischen unserem Vater und deiner Mutter." Und dort, wo sie etwas mitbekommen haben, wird es wie vom Hörensagen erzählt, aus zweiter Hand. Selbst wenn einer der Jungs von einem Freund spricht, heißt es: "tut nichts zur Sache, der Name. Jedenfalls hatte das Folgen, weil nämlich mein Kumpel und ich …" Ja was nun? Nichts. Es folgt ein Sprung in die "Kopfgeburten", das "neue Buch, mit dem er gleich anfing. In dem gings darum, dass wir Deutsche keinen Bock mehr aufs Kinderkriegen haben, und deshalb nach und nach aussterben (…). Sollte ein dünnes Buch werden." Peinlich, wie Grass sich der (vermeintlichen) Jugendsprache anbiedert.

Nur das verhutzelte Mariechen, die 1997 gestorbene Fotografin Maria Rama, der das Buch gewidmet ist, irrlichtert durch die Seiten. Sie spricht wenig, ist aber immer gegenwärtig mit ihrem magischen Apparat, der die Zukunft abbilden und die Vergangenheit vergegenwärtigen konnte. Ihre Bilder zeigen die Grass'sche Familiengeschichte, sie sind verloren gegangen. Das Gestammel der Kinder lässt sie nur erahnen. "Weshalb ich später Fotograf geworden bin, richtig mit Studium und Abschluss in Potsdam. Hat bestimmt mit unserer Marie zu tun gehabt." An Mariechen sieht man, was aus der "Box" hätte werden können. Nach dem Besonderen an ihrem Kasten gefragt, schwieg Marie. "Issen Rätsel. Basta! Hat sie gesagt."

So muss sich jetzt jeder Leser selbst seinen Reim auf diese Dunkelkammergeschichten machen. Sicher ist: Der Autor hätte ein besseres Buch verdient.

Günter Grass:Die Box. Dunkelkammergeschichten. Steidl Verlag, Göttingen 2008, 217 S., 18,00 Euro.

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