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Griff in die Negerkrause

Afrodeutsche Kinder berichten

02.11.2005 00:11
GOTTFRIED OY

"Ich habe einen grünen Pass, mit 'nem goldenen Adler drauf - und trotzdem bin ich fremd hier." Mit ihrer Single "Fremd im eigenen Land" machte die Heidelberger HipHop-Crew "Advanced Chemistry" 1992 die Situation afrodeutscher Jugendlicher öffentlich. Inzwischen sind die bundesdeutschen Reisepässe nicht mehr grün, das Staatsangehörigkeitsrecht wurde gelockert - und dennoch, "sichtbar anders" sind diese Jugendlichen im bundesdeutschen Alltag immer noch. Das Leben afrodeutscher Kinder und Jugendlicher wird nun in einer Publikation beleuchtet, in der neben Eltern, Pädagogen und Vereinsfunktionären afrodeutscher Selbsthilfegruppen vor allem Kinder und Jugendliche selbst zu Wort kommen.

Was sie zu sagen haben, ist bestürzend und zeigt, wie wenig von den Debatten über Multikulturalismus und Interkulturalität in der Öffentlichkeit und insbesondere bei denen, die professionell mit Erziehung zu tun haben, angekommen zu sein scheint. Oft genug ist sogar von direkt rassistisch ausfälligen Lehrern oder Bezugspersonen in Kindereinrichtungen die Rede. Vor allem aber beklagen sich die Interviewten immer wieder über mangelnde Unterstützung: "Jetzt sei mal nicht so überempfindlich", lautet die beschwichtigende Standardreaktion. Die Frage danach, wo man denn nun "eigentlich" herkomme und - besonders verletzend - der Griff in die "Negerkrause" gehören zur klassischen Alltagserfahrung afrodeutscher Kinder.

Herausgeberin Eva Massingue belässt es allerdings nicht bei einer bloßen Situationsbeschreibung. Für sie gehört zur Entwicklung eines schwarzen Selbstbewusstseins in Deutschland auch das Wissen um die lange Geschichte afrodeutschen Lebens. Wenn sie dabei auch weit ausholt und von den Nubiern, die sich zur Zeit des römischen Reiches in der Gegend um Trier ansiedelten, den schwarzen Heiligen des Mittelalters oder den seit der Barockzeiten beliebten "Hofmohren" spricht, so wird diese Art der Geschichtsstunde nicht langweilig, weil sie nur zu selten erzählt wird.

Historische Gestalten wie Angelo Soliman, ein Sklave aus dem 18. Jahrhundert, der sich emanzipieren konnte und Logenbruder von Wolfgang Amadeus Mozart und Joseph Haydn wurde oder der Jenaer Philosophieprofessor Anton Wilhelm Amo, ebenfalls ein früherer "Leibmohr", sind weitgehend unbekannt. Auch der den "Völkerschauen" der Kolonialzeit entkommende Martin Dibobe, später der erste schwarze U-Bahn-Fahrer Berlins, kommt in keinem bundesdeutschen Geschichtsbuch vor.

Im Nachkriegsdeutschland bekommt die Thematik schließlich eine neue Dimension: Etwa 3000 Nachkommen schwarzer GIs und deutscher Mütter werden als "Besatzungskinder" Opfer staatlicher Fürsorge. Auch in der DDR wurden die Nachkommen mosambikanischer Vertragsarbeiter und ostdeutscher Frauen als Problemfälle behandelt. Erst nach und nach setzte ein Emanzipationsprozess ein.

Wenn auch die interkulturelle Pädagogik - Grundlage vieler Konzepte in diesem Bereich - mit ihrer Zwischen-den-Stühlen-Metaphorik immer wieder vor dem Dilemma steht, Menschen zu Funktionsträgern vermeintlich "nationaler Kulturen" zu degradieren, ist doch die praktische Arbeit der Selbsthilfegruppen wichtig: "Da sie in einem Umfeld aufwachsen, in dem Weiß-Sein als ‚normal' gilt, in dem schwarze Menschen keinen gesellschaftlichen Einfluss haben und dort, wo gesellschaftliche Normen gesetzt werden, nach wie vor keine Rolle spielen, brauchen schwarze Kinder und Jugendliche ein geschütztes Forum für die Auseinandersetzung mit ihrer spezifischen Lebenssituation", so beschreibt es Barbro Krüger, Geschäftsführer des Verbandes binationaler Familien und Partnerschaften.

Es gebe ein Recht auf "kompetente Unterstützung" und "authentische Vorbilder" zur Entwicklung der Persönlichkeit, so Krüger weiter. Dies versuchen zahlreiche Selbsthilfeeinrichtungen durchzusetzen, die in einem umfangreichen Serviceteil vorgestellt werden. Und so lange afrodeutsche Kinder unter unverarbeiteten Rassismuserfahrungen und Isolation leiden, so lange es an schwarzen Bezugspersonen, Pädagogen und Therapeuten sowie an Konzepten und praktischen Angeboten fehlt, bleibt diese Form der Selbsthilfe unverzichtbar.

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