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Graphic Novel Kein Platz für Helden

Rabatés Alexej-Tolstoi-Adaption „Der Schwindler“ illustriert die Wirren der Russischen Revolution.

Der Schwindler
Im Strudel der Raben: Doppelseite aus „Der Schwindler“. Foto: Schreiber & Leser / Rabaté

Gut hundert Jahre ist es her, dass die Bolschewiki in Russland zur Waffe griffen und nach einem langen, blutigen Krieg die Macht übernahmen. Gut hundert Jahre ist es her, dass sich eines der größten Länder dieser Erde fundamental veränderte. Diese Zeit des Umbruchs ist es, in der sich so manches Talent entfaltete und die eine oder andere komplizierte Lebensgeschichte ihren Lauf nahm. Eine dieser Geschichten dreht sich um Alexej Tolstoi (1883-1945). Der russische Schriftsteller flüchtete zunächst vor den Roten nach Paris und Berlin, kurze Zeit später schrieb er sich jedoch an die Spitze der Kultur in der Sowjet-Diktatur. Seine Reise ins Exil und den dortigen Bruch mit den anderen russischen Emigranten dokumentierte er in seinem Roman „Ibykus. Die Emigranten“ (1924). Dieses Werk wird auch als seine Versöhnung mit den Bolschewiki angesehen und ebnete ihm den Weg zurück in die Heimat. 

Der französische Graphic-Novel-Autor und Comiczeichner Pascal Rabaté hat sich nun Tolstois Erzählung gewidmet - in ganz neuem Stil und mit starker Bildsprache. Unter dem Titel „Der Schwindler“ nehmen die Leserinnen und Leser am Leben von Semjon Newsorow teil. Ähnlich wie das Geburtsland des Protagonisten erlebt es ein dramatisches Auf und Ab. 

In den Wirren der Revolution versucht Semjon seinen Platz zu finden, der nach seinem Verständnis an der sprichwörtlichen Sonne liegen müsste. Genug hat er von seinem Dasein als Büroangestellter, auf dem immer alle herumtrampeln. Durch die Vorahnung einer Wahrsagerin sieht Newsorow seine Zeit gekommen, denn sobald der Krieg ausbricht und „der Bruder den Bruder“ tötet, soll er laut Vorhersage unglaublich reich werden. Es ist der Startschuss einer düsteren und zersetzenden Reise mit immer neuen Abgründen, aber auch dem unerwarteten Aufstieg eines unscheinbaren Büroangestellten.

Die Figur des Semjon Newsorow vermag immer wieder zu überraschen. Präsentiert er sich zu Beginn noch als barmherziger Samariter, der eine adlige Frau vor den Aufständischen versteckt oder einen ausländischen Antiquar gegen betrunkene Pöbler verteidigt, wandelt er sich in nur wenigen Seiten zu einem egoistischen Monster, der den eben erwähnten Antiquar tötet und dessen gesamtes Vermögen stiehlt. Ohne einen Funken von Reue flieht er aus Sankt Petersburg und baut sich eine luxuriöse Existenz in Moskau auf. Doch das Schicksal lässt Semjon nicht so einfach davon kommen. Nach jedem sozialen Aufstieg folgt ein tiefer Absturz mit immer härterer Landung. Eröffnet er in Moskau ein Kasino und verdient Millionen, wird es kurz darauf bei einer Razzia geschlossen. Kauft er sich den Titel eines Grafen und ein dekadentes Anwesen auf dem Land, überfallen ihn wenige Zeit später wütende Bauern und brennen die Villa nieder. Mit Semjon Newsorow verhält es sich jedoch wie mit einem Stehaufmännchen. Trotz der Rückschläge scheint ihn nichts unterzukriegen, niemand kann ihn brechen, und sterben kann er schon gar nicht. 

Was Rabaté hier zu Papier gebracht hat, kann als eine Hommage an Tolstois Leben gesehen werden. Der französische Zeichner schafft es mit beeindruckender Finesse, die biografischen Züge von „Ibykus. Die Emigranten“ in Bilder zu fassen. Wer sich Tolstois Werdegang genauer ansieht, findet teils starke Ähnlichkeiten zum Protagonisten der Grafik-Novelle. Semjon, ebenso wie Tolstoi, handelt nur auf sich selbst bedacht und hängt gerne sein Fähnchen in den Wind. Beide zeigen wenig Skrupel, wenn es um den eigenen Erfolg geht, sei es nun der Mord für Geld oder die Anbiederung an die Diktatur unter Stalin, und sie wechseln mehr als einmal die Seite in diesem Konflikt. Beide sind sie auf ihre Art Schurken in einer Zeit, in der kein Platz für richtige Helden ist. 

Was in Teilen wie eine humoristische, gar satirische Handlung wirken kann, ist im Kern aber eine zutiefst tragische Geschichte. Finster sind die Abgründe, in die Semjon blickt, und noch finsterer ist, was ihm widerfährt. Nur mit wenigen Worten schafft es das Werk des französischen Künstlers, dieser Erzählung gerecht zu werden. Es ist sogar so wenig Text, dass man sich fragen muss, wie denn der Inhalt verständlich gemacht wird. Die symbolisch aufgeladenen, intensiven Bilder des Künstlers sind es, die diese Geschichte tragen.

Ganz im Stil von Edvard Munch malt der 1961 geborene Rabaté seine Panels – der kahlrasierte Semjon zitiert den „Schrei“. Weiche Kanten, fließende Übergänge und ein kontrastreiches Schwarzweiß prägen die Zeichnungen und schaffen dadurch eine monströse, aber auch faszinierende Bildsprache. Die symbolhaften Darstellungen sind eine unübersehbare Anlehnung an die expressionistische Malerei des frühen 20. Jahrhunderts und bieten damit nicht nur thematisch, sondern auch visuell eine Zeitreise an. 

Besonders eindrucksvoll ist eine Passage, in der Semjon auf einem Pferd durch die Landschaft reitet und auf einmal eine Stromtrasse passiert, an der hunderte Menschen aufgehängt worden sind, nun der Verwesung anheimgegeben. Wenn sich dann die aasfressenden Krähen in die Luft erheben und gemeinsam mit der Landschaft einen Strudel um den fliehenden Semjon bilden, wird das Ausmaß der Grausamkeit in diesem Konflikt spürbar. Mit kraftvoller Intensität blickt „Der Schwindler“ auf die vielen Facetten der Oktoberrevolution und löst sich dabei vom großen Ganzen. Nicht den Bolschewiken oder den Zaristen gehört die Bühne, sondern dem Schicksal des Einzelnen, wie Semjon Newsorow. 

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