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Graphic Novel „Betty Boop“ Mit wenig Worten und viel Kraft

Véronique Cazot und Julie Rocheleau denken in einer Graphic Novel die US-Kultfigur Betty Boop ganz neu.

Aus der Graphic Novel
Bettys Leben vorerst aus den Fugen. Foto: Véronique Cazot/Julie Rocheleau/Splitter Verlag

Die Geschichte der Betty Boop ist eine des steilen Aufstiegs und des ebenso krassen Absturzes. 1930 entsteht sie mit Minirock, Strumpfband und kurvigem Körper als Gegenstück zu den sonst entsexualisierten weiblichen Cartoonfiguren, wie Minnie Maus oder Daisy Duck in den USA. Doch eben jene Freizügigkeit wird der kleinen Betty mit kurzem schwarzen Haar zum Verhängnis. Der 1934 erlassene Production Code, welcher das Unterhaltungsprogramm der US-Medien in ein moralisch korrektes Korsett pressen sollte, zwang die Comicfigur ein längeres Kleid zu tragen und sich dem heimischen Leben zu widmen. Absehbar und doch heftiger als gedacht war der Absturz Betty Boops nach dieser Umgestaltung – das Ende des Cartoons folgt 1939. Es war der Versuch einer sexuellen Befreiung, die ihrer Zeit voraus war. Heute würde das Bild der aufreizenden Figur als sexistisch gelten, macht sie doch die Frau zum Objekt männlicher Begierde.

Dennoch ist es eine Geschichte, die in der heutigen Zeit Anklang findet – wenn auch in veränderter Form. Die französische Comic-Szenaristin Véronique Cazot und die kanadische Storyboard- und Charakter-Designerin Julie Rocheleau nehmen sich in ihrer Graphic Novel „Betty Boob“ der gescheiterten Betty Boop an, geben ihr eine neue Geschichte und einen leicht veränderten Namen und machen sie zum Symbol der weiblichen Emanzipation. Auch ihre Geschichte handelt von Verlust, vom tragischen Absturz, aber eben auch von einer neuen Chance.

Elisabeth B.s Leben (der Nachname der Protagonistin bleibt ein Geheimnis) wird von einem Tag auf den anderen aus den Angeln gehoben. Durch einen bösartigen Tumor verliert sie ihre linke Brust, und fortan geht es nur noch bergab für sie. Mit einer beklemmenden Mischung aus Mitgefühl und Traurigkeit verfolgen die Leserinnen und Leser den Versuch Elisabeths, ihren Verlust mit einem Apfel zu kaschieren, doch ihr wird zunehmend klar, dass das keine dauerhafte Lösung ist. Als sie dann nach und nach wagt, ihren operierten Körper offen zu zeigen, erfährt sie nur Zurückweisung. Erst verliert sie ihren Job als Verkäuferin, da ihre kapitalistische Chefin (gut erkennbar durch Dollarzeichen als Ohrringe) nur Angestellte mit zwei Brüsten gestattet, und dann noch ihren Freund, der mit der Narbe und Glatze von Elisabeth nicht zurechtkommt.

Am Tiefpunkt des Tages fliegt ihr auch noch in aller Öffentlichkeit die Perücke weg, doch mit Verbissenheit rennt sie dem einen, was sie noch an ihr altes Leben erinnert, hinterher und legt am Ende eine Bruchlandung am Hafen bei einer Travestie-Gruppe hin. Diese beschließt, Elisabeth in ihren Kreis aufzunehmen und in ihre Show zu integrieren.

Es ist ein Wendepunkt der Erzählung, der die vorherrschende Verzweiflung in ein Gefühl der Hoffnung wandelt. Alle der Showdarstellerinnen und -darsteller haben etwas vorzuweisen, was in der Gesellschaft als Makel gelten würde. Einer Tänzerin fehlt ein Unterschenkel, eine andere hat Übergewicht und ein dritter hat einen unterdurchschnittlich kleinen Penis – es sind Menschen, die Elisabeth nicht auf ihr Äußeres reduzieren und ihr Anders-Sein als ein Geschenk verstehen. Sie erhält von ihren neuen Freunden und Freundinnen den Namen Betty Boob und eine neue Perücke. Mit ihrem wachsenden Erfolg auf der Bühne wird sie zu einem feministischen Vorbild für Frauen weltweit.

Véronique Cazot hat sich die Kultfigur Betty Boop geschnappt und ihre Geschichte kurzerhand umgedreht. Auch Elisabeth verliert wie ihr Vorbild aus den USA ein Sexsymbol, nämlich ihre Brust, und wird von der Gesellschaft dafür gestraft. Doch für sie bedeutet das nicht das Ende, es ist nur der Scheitelpunkt auf dem Weg zu Weltruhm. Die Autorin setzt die Tragödie an den Anfang und lässt ihre Figur aus ihrem Verlust Kraft schöpfen. Es ist die Botschaft an alle Menschen, sich den oberflächlichen Zwängen des Äußerlichen zu entziehen und vermeintliche Makel als Zeichen der Einzigartigkeit zu sehen.

Beeindruckend ist, wie es die Graphic Novel schafft, diese Botschaft und eine so gesellschaftlich relevante Geschichte mit fast keinen Worten zu erzählen. Nur Liedtexte und ein bis zwei Sätze zwischen den Kapiteln sind als Stützen eingefügt, der Rest lebt von einer starken Symbolkraft wie die schon erwähnten Ohrringe der Chefin oder eine Horde Krebse, die Elisabeths Brust überfallen – das eindeutige Zeichen für ihre schwere Erkrankung.

Aus dem Namen Boop der Vorlage wurde Boob („Boobs“ wird wie „Möpse“ eigentlich nur im Plural benutzt) und benennt so das Merkmal der Protagonistin. Mit einem Wechsel aus typischem Comic-Humor und düsteren Graphic-Novel-Elementen ist hier eine zeitgemäße und wohldurchdachte Erzählung geschaffen.

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