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Graeme Macrae Burnet Ein Mörder auf seinem Weg zur Tat

Zu Besuch in dem schottischen Kaff Culduie, das Autor Graeme Macrae Burnet als Schauplatz für „Sein blutiges Projekt“ wählte – und um seine Leser in die Irre zu führen. Das hat sehr gut funktioniert.

Culduie
Blick von Culduie, das in Schottland nun ein bisschen berühmt ist. Foto: Sylvia Staude

Dunkle Wolken jagen, der Wind fegt über den Pass, es ist steinig und steil und in den Mulden liegt noch Schnee. Eine einspurige Straße windet sich in Serpentinen hoch, einspurig schlängelt sie sich auch wieder hinab ans Meer, das man sich hier nicht ungetrübt blau und nachsichtig vorstellen darf. In Schottlands Nordwesten wird es auch im Sommer nicht heiß, Stürme kommen ungebremst an – fast ungebremst, wenigstens liegt vor der Küste noch Skye.

Bei guter Sicht sieht man Skye und, davor, das kleine Raasay von der Reihe weißer Häuser aus, die Culduie bilden. Culduie ist ein Weiler, höchstens, und viel abgelegener geht es auch in Schottland nicht.

Diese Handvoll Häuser an einer Straße – vielleicht hundertfünfzig Meter sind es zum Meer, wo bei Ebbe der Tang schwer auf den Felsen liegt – wurde von dem schottischen Schriftsteller Graeme Macrae Burnet gleichsam gecastet als Schauplatz seines Romans „His Bloody Project“ (inzwischen auch „Sein blutiges Projekt“). Burnet wusste, was er wollte – unter anderen Jobs hat er als Rechercheur für Filmprojekte gearbeitet –, und nachdem er sich einige schottische Käffer angesehen hatte, entschied er sich für Culduie: Diese kurze Straße entlang, an diesen Häusern vorbei geht Roderick Macrae, genannt Roddy, um sein mörderisches, von Rache befeuertes Vorhaben auszuführen.

Der Roman des 1967 geborenen Autors sorgte in Schottland für Aufsehen und das nicht erst, seit er im vergangenen Jahr auf der Shortlist für den bekanntesten britischen Literaturpreis, den Man Booker stand. Denn Burnet spielt mit seinen Lesern ein Spiel – und er spielt es so gut, dass ihm das mancher übelgenommen hat. Ein nüchternes Vorwort erklärt, dass er mit Hilfe einer Archivarin ein „Manuskript“ entdeckt habe: „Roderick Macraes Aufzeichnungen sind in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Verfasst wurden sie im Gefängnis von Inverness Castle, vermutlich in der Zeit vom 17. August bis zum 5. September 1869, während Roderick auf seinen Prozess wartete.“ Als Unterzeichner des Vorworts versichert Burnet noch, das Manuskript sei „in bemerkenswert gutem Zustand“ und es liege „nach wie vor in Inverness im Archiv“.

Mancher Leser war nicht amüsiert

Nicht jeder Leser durchschaute das als Fiktion und nicht jeder Leser war amüsiert, nachdem er erfuhr, dass es keinen Roderick „Roddy“ Macrae und auch keine Morde in Culduie gegeben hat. Inzwischen, der Man-Booker-Shortlist und der folgenden Bekanntheit sei Dank, hat es sich rumgesprochen, dass „Sein blutiges Projekt“ ein Roman ist, der noch nicht einmal „auf einer wahren Begebenheit“ beruht, wie es in Klappentexten von Krimis gern formuliert wird. Und apropos Krimi: „Sein blutiges Projekt“ entfernt sich weit von Genre-Konventionen, ist eigentlich das Psychogramm eines Jungen, Sohn eines vor der Zeit gealterten Kleinbauern, der sich gegen Willkür und Unrecht nicht anders zu wehren weiß, als zu töten. Mit dem Spaten, mit dem er den kargen Streifen Land bestellt, der den Macraes zugeteilt ist.

Der Roman wurde mittlerweile in nicht gerade wenige Länder verkauft, er soll sogar ins Isländische übersetzt werden und ist nun auf Deutsch erschienen. Und so führt Graeme Macrae Burnet an einem kalten Tag Ende Februar ein paar deutsche Journalisten zu den „Original“-Schauplätzen des Romans, nach Culduie natürlich, aber auch nach Applecross und an dem imposanten Gebäude vorbei, in dem er den Gutsbesitzer wohnen lässt.

Seine Recherche war so minutiös, dass alles stimmt und alles passt, der Weg an den rauen Strand, um dort Tang als Dünger fürs Feld zu holen, der Weg zur Kirche und zur Schule, der Weg zum Herrenhaus. Da ist auch Roddys Versuch, sein ärmliches, enges Leben hinter sich zu lassen: Er steigt bis auf die Passhöhe (über die die Journalisten just kamen), setzt sich dort auf einen Felsen, betrachtet „den grauen Ausblick“. Und kehrt wieder um. „Wie ein Hund an der Kette hatte ich die Grenze meines Territoriums erreicht.“

Echter Arzt, falsches Gutachten

Reihe um Reihe von Vokabeln hat Burnet in ein großformatiges Heft geschrieben – er zeigt seine Fleißarbeit bereitwillig, er ist kein Schriftsteller mit Allüren –, denn er wollte im angeblichen Manuskript von 1869 kein Wort verwenden, das damals noch nicht in Gebrauch war. Aber warum diese Mühe? „Die ursprüngliche Idee für das Buch war“, sagt der Autor, „die Geschichte in Form verschiedener Dokumente, unterschiedlicher Stimmen und so authentisch wie möglich zu erzählen. Ich recherchierte in Archiven und versuchte, die Sprache alter Dokumente genau zu treffen. Als ich dann das Vorwort schrieb, schien es mir sehr natürlich, über Roddys ,Manuskript‘ zu schreiben und so zu tun, als existiere es.“

Erfunden hat er auch Zeugenaussagen der Einwohner von Culduie, Zeitungsberichte über den Prozess, ein medizinisches Gutachten – allerdings nicht den Arzt, der es geschrieben haben soll: James Bruce Thomson (1810-1873) war tatsächlich leitender Arzt des Staatsgefängnisses im schottischen Perth und galt zu seiner Zeit als Autorität der Kriminalanthropologie. Dass er von körperlichen Merkmalen auf Wesen und Charakter von Menschen schloss, lag im Trend der Zeit.

Seines Gutachtens wegen reist der Roman-Thomson nach Culduie. Burnet lässt ihn notieren, wie ihn „die Handvoll armseliger Behausungen“ erschreckt, die Häuser „von so derber Konstruktion, dass man sie für Kuh- und Schweineställe hätte halten können“. Manche der sogenannten Crofter, die dort lebten (tatsächlich Mitte des 19. Jahrhunderts lebten), waren wohl Opfer der Clearances, mussten sich am Meeresrand zusammendrängen um viel zu kleine Stücke Land, erzählt Burnet.

Erbarmungsloses Feudalsystem

„Clearances“ war der beschönigende Begriff für die Vertreibung der in den Highlands ansässigen, Gälisch sprechenden Bevölkerung, von Feldern, auf denen nach dem Willen der Gutsherren Schafe weiden sollten. Ein erbarmungsloses Feudalsystem herrschte zu dieser Zeit in Schottland, die Crofter hatten kaum mehr zu sagen als Sklaven, waren nur frei, an einen anderen elenden Ort zu gehen.

Ja, sagt Burnet, sein Roman sei durchaus politisch. Er lässt seine Figur Roddy linkisch, ungeformt sein, aber auch den klügsten Jungen von Culduie; als Sohn eines Crofters hat er nach dem Tod seiner Mutter und körperlichen Verfall des Vaters aber keine Chance. Auf dem Feld wächst Unkraut? Wer nicht Ordnung halten kann in Haus und Hof, muss gehen. Ein junger Mann sieht rot.

Dass „Sein blutiges Projekt“ oft bei der Kriminalliteratur eingeordnet wird, betrübt Burnet nicht (es schmälert auch nicht gerade den Verkauf), auch wenn er es eigentlich für das falsche Etikett hält. Er sage immer: „It’s not a crime novel, but a novel with a crime“ – es ist ein Roman mit einem Verbrechen, aber kein Kriminalroman. Er habe verstehen wollen: die Antriebskräfte eines solchen Jungen wie auch die historischen Gegebenheiten. Die Karten, die so ausgeteilt waren, dass Menschen wie Roddy nicht gewinnen konnten.

Schreckliche Taten scheinen möglich

Culduie, der Weiler, den Graeme Macrae Burnet für den idealen Schauplatz hielt, liegt an diesem Tag, den die Journalisten dort verbringen, still unter eiligen Wolken. Städter würden es eine Idylle nennen; einige der weißgetünchten Häuschen dienen wohl nur noch als Ferienhäuser. Vor ihnen, kann man sich aber allemal vorstellen, lagen im vorvergangenen Jahrhundert die Streifen bebaubaren Landes, die kaum zum Überleben reichten.

Auf einem Stück Wiese galoppieren nun kleine schwarze Schweine an den Maschendrahtzaun. Und quieken und schreien so markerschütternd, dass plötzlich auch hier, gerade hier schreckliche Taten möglich scheinen.

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